Sonntag, 25. Oktober 2020

Gewandert wie ein Mammut


Weiter, immer weiter, einen Fuß vor den anderen setzen, dazwischen ein Blick in die Landschaft, ein kurzer Wortwechsel. "Ach wie schön, siehst du die Birke dahinten, ihr Laub leuchtet goldfarben". "Ja". Weiter, immer weiter bis zum nächsten Blick, bis zum nächsten Gedanken, bis zum Ziel. Wenn ich es erreiche, habe ich ganze 55 Kilometer geschafft. Dann bin ich den Little Mammutmarsch gewandert. 

Eigentlich bin ich Läuferin. Wandern war für mich lange etwas, das Leute machen, die nicht fit genug fürs Joggen sind. Die es lieber gemütlich angehen lassen, die mit dem kleinen Bierbauch eben, nicht die mit den sehnigen Waden. Wie fatal falsch ich mit dieser Einschätzung lag, hat mich mein Start beim 100 Kilometermarsch, beim großen Mammutmarsch, letzten August gelehrt. Wer Marathon läuft, wird doch 100 Kilometer wandern schaffen, dachte ich und bin gescheitert. Grandios gescheitert, denn immerhin hatte ich am Ende 73 Kilometer auf dem Zähler, war eine komplette Nacht durchgewandert und habe meinen inneren Schweinehund wohl öfter in seine Schranken gewiesen, als bei irgendeinem anderen Lauf.

Wandern ist ein knallharter Sport. Obwohl eigentlich ja deutlich gelenkschonender als das Laufen, merken die meisten spätestens nach zwei Stunden die ersten Anzeichen von Ermüdung. Beim Mammutmarsch – egal ob groß oder klein – befindet sich an diesem Punkt die erste Versorgungsstation. Hier kann man seine Trinkflaschen auffüllen, an den Ständen Bananen, Süßigkeiten, Gemüse oder Salzstangen abholen und die ersten Blasen versorgen. Wer sie hier schon hat, dem steht ein harter Weg bevor, darum ist es ungeheuer wichtig, solch einen Marsch nur in Schuhen zu starten, die man vorher gut eingelaufen hat. 




Aber gutes Schuhwerk hin oder her, das erste Aufstehen nach einer Sitzpause ist ein sehr lustiger bis weniger lustiger Moment, weil man zum einen – wie ich es HIER mal geschrieben habe – aussieht wie John Wayne in gefrorenen Jeans und weil man sich zum anderen auch genauso fühlt. Überflüssig zu erwähnen, dass das mit jedem weiteren Kilometer, den man geht, nicht besser wird. Spätestens bei der nächsten Station, die je nach Streckenlänge ungefähr bei Kilometer 26 oder 39 kommt, fühlt sich der Körper an, als ob er nur noch aus Füßen und Beinen besteht. Dann gleicht das Aufstehen einem Staatsakt, der gut vorbereitet sein will und nur mit viel Schwung und noch mehr Willen gelingt. 

Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt, dass das Wandern so herausfordernd ist, selbst wenn man eigentlich richtig gut im Training steht. Wahrscheinlich liegt es unter anderem an der Dauer. Für meinen ersten Marathon habe ich fünf Stunden gebraucht, für 55 Kilometer wandern elf. Wir sind es nicht gewohnt, so lange in Bewegung zu sein. Es gab früher Tage, da bin ich morgens meine Runde gelaufen und habe danach über acht Stunden am Schreibtisch gesessen. Zwischendurch bin ich mal mit dem Hund gegangen, aber das war es dann auch schon. Mittelweile habe ich mir angewöhnt, wenigstens 10.000 Schritte pro Tag zu gehen und am Wochenende, wenn es passt, längere Strecken zu wandern.


Aber trotz aller Vorbereitung: 55 Kilometer sind 55 Kilometer. Schritt für Schritt gegangen sind sie eine Herausforderung und zwischendurch sogar eine Grenzerfahrung. Denn selbst wenn die Beine und Füße mitspielen, ist da ja immer noch der Kopf. Ein ziemlich harter Hund, der zwischen den Schritten gern mal die Frage aufwirft, was denn die ganze Tortur eigentlich soll und ob man nichts Besseres zu tun hat, als sich an einem wunderschönen Samstag gehender Weise durch die Landschaft zu quälen. Besonders vehement tritt er übrigens an öden Landstraßen, in urbanem Gelände bei über 28 Grad oder nicht enden wollenden Forstwegen in Erscheinung, die wohl oder übel – je nach Jahreszeit – auch Teil der Strecke sind.

So auch gestern beim Little Mammut, der am Rande von Berlin stattfand. Start war im Strandbad Müggelsee. Von dort ging es lange Zeit am Wasser entlang, später durch den Wald, zwischendurch ein Stück durch Kleingartensiedlungen und Vorstädtisches Gelände, dann immer wieder durch Waldstücke und irgendwann nach Kilometer 35 gab es noch ein kleines Bonbon für alle, denen die Oberschenkel schon brannten, was, so denke ich, auf alle zutraf. Die Strecke führte hoch auf den Müggelberg und, was noch schlimmer war, natürlich die Treppen auch wieder hinunter. Und auch da erneut die Frage: 

"Warum macht man das?" 

Zunächst einmal, weil es trotz der Anstrengung oder vielleicht auch gerade weil es anstrengend ist, wirklich Spaß macht. Es ist ein anderer Spaß als der, den man hat, wenn man Achterbahn fährt oder sich beim Treffen mit Freunden amüsiert. Wobei es davon sogar ein bisschen was hat – die Mammuts sind schon eine kleine Gemeinde. Viele kennen sich, treffen sich bei den Veranstaltungen oder bewältigen die Strecke im Team. Außerdem sorgen die Glückshormone dafür, dass man sich bei so einer Wanderung phasenweise absolut euphorisch fühlt, was natürlich im Gegensatz zur ebenso gefühlten Erschöpfung steht. Es ist ein Wechselbad, das die Sinne auf eine ganz besondere Art belebt und das komplett aus dem Rahmen des Alltagseinerlei fällt. 


Am Ende etwas geschafft oder geleistet zu haben, ist ein anderer Punkt, der dieses Event so attraktiv macht. Letztendlich geht es um viel mehr als die geleisteten Kilometer. Es geht darum, mit sich selbst klarzukommen, sich und seinen Körper ein bisschen besser kennenzulernen, zu erfahren, wie es ist, Grenzen zu spüren, sie zu verschieben oder eben auch zu akzeptieren. Die Zeit spielt dabei nicht so eine große Rolle wie bei Laufevents. Es wäre mir egal gewesen, ob ich elf, zwölf oder mehr Stunden gebraucht hätte. Natürlich schaut man auch mal auf die Zeit, aber der PACE, also der Durchschnitt ist nicht der "Gottvater" wie beim Laufen. 

Und dann die Natur. Ein Mammut-Event im Frühjahr ist anders als das im Sommer, ist anders als das im Herbst. Was hier so lapidar klingt, ist auf der Strecke selbst von großer Bedeutung. Nicht nur, weil man die Kleidung danach auswählt, sondern weil wir den Bezug zur Natur und unsere Verbindung zu ihr im Alltag sonst kaum noch spüren. Aber wandere mal durch eine laue Sommernacht oder höre im Herbst, wenn es auf den letzten Kilometern schon dunkel ist, die Wildschweine im Wald. Wann hast Du zum letzten Mal einen Sonnenaufgang gesehen? Den Nebel, der morgens über den Feldern oder über einem See steht? Wann bist Du Kilometer um Kilometer durch einen Herbstwald gewandert, hast die bunte Färbung gesehen, den Duft von Pilzen und das feuchte, modernde Laub gerochen? Wann hast Du das letzte Mal gespürt, wie die Sonne langsam Deinen durch die Nacht ausgekühlten Körper erwärmt, hast wahrgenommen, wie laut es an einer Landstraße ist, während Dich ein paar Kilometer weiter wieder die Stille umgibt? Ich könnte diese Liste fortsetzen – unterm Strich ist es eine Fülle an Eindrücken, die so geballt daherkommen, dass man wirklich ein paar Tage braucht, um das alles zu sortieren.


Und so wirkt ein Mammutmarsch – egal ob klein oder groß – lange nach. Auch wenn man gar nicht mehr an ihn denkt, der Muskelkater längst verschwunden ist, spürt man noch die Spuren, die er hinterlassen hat. Ich habe mich ab und an mal gefragt, ob ich diesen Rahmen brauche, um das zu erleben. Schließlich wäre es ja auch denkbar, einfach morgens den Rucksack zu packen und loszuwandern. Kann man machen, habe ich probiert, ist aber nicht dasselbe. Ich schätze die Gemeinschaft, ich liebe es, vor dem Start mit allen dreimal "Mammut-Marsch" zu rufen, dann den Countdown zu zählen und den ersten Schritt zu setzen. Nächstes Jahr ist es wieder soweit. Dann steht der große Mammut an. Ob ich ihn erlege? Wer weiß. Allein der Versuch ist es allemal wert.







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