Sonntag, 23. Juni 2019

Radikale Menschlichkeit

Irgendwann – und das wird nicht mehr lange dauern – nehmen Maschinen uns komplett das Denken ab. Sie treffen Entscheidungen für uns, entwickeln sich selbstständig weiter, werden unsere Leben lenken. Auf vielen Ebenen geschieht das jetzt schon. Meine Freiheit, von der ich immer dachte, dass ich sie noch besitze, habe ich mit meinem Smartphone und dem Eintritt in die sozialen Netzwerke bereits ein Stück weit abgegeben. Fragt sich, an wen?


Ich wollte das ja lange nicht so sehen, aber die Tatsache, dass nach einem Gespräch mit meiner Tochter über nachhaltige Kaffeebecher wie von Geisterhand die passende Werbung auf meinem Instagram-Account auftauchte, hat mich eines Besseren belehrt und jetzt, da ich darauf achte, sehe ich, wie krass das eigentlich schon ist. Ich mit meiner DDR-Erfahrung habe erlebt, wie die Stasi vor der Tür stand und uns ausspionierte und kann darum kaum glauben, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, wo Stasi-Methoden gegen das, was Datenkraken wie Facebook oder Google machen, so niedlich wie Kinderspielzeug wirken. Und vor allem, dass wir das freiwillig mit uns machen lassen. Uns Sprachboxen in die Wohnungen stellen, die alles aufzeichnen.

Aber das ist ja nicht alles.

Ich beobachte mit einer Mischung aus Grauen und Faszination, was gerade geschieht und wie sehr wir Stück für Stück in die Hände von Konzernen abrutschen. Ich habe Marx' Kapital nie zu Ende gelesen, aber ich glaube mehr und mehr, dass ich es unbedingt mal tun sollte, um zu begreifen, was hier eigentlich geschieht und vor allem, um nach Wegen zu suchen, dem zu entkommen. Denn eins ist jetzt schon absehbar: Geht das so weiter, dann sind wir bald nur noch Marionetten für Amazon und Co. Und die interessieren sich nicht für unsere Leben, auch nicht für die Natur, die Erde, den Klimawandel, auch nicht für demokratische Grundrechte. Die interessiert nur Profit.

Der Prozess des Zulassens war schleichend. Und er lief und läuft über Versprechen. Man nimmt uns etwas ab, wurde stets gesagt. Eine Last, die Arbeit, eine Bürde. Das lästige Kartenknicken ist Geschichte, seit uns Navigationssysteme durch die Landschaft lenken. Dass man unsere Wege damit auf Schritt und Tritt verfolgen kann, wischen wir beiseite. Wie unser Essen in die Supermärkte kommt und was alles passiert, bevor der Schinken fein abgepackt im Regal liegt, müssen wir auch nicht mehr sehen. Maschinengesteuertes Tierleid wird einfach ausgeblendet, hinter Mauern versteckt. Hauptsache, wir haben es leicht. Wir machen euch das Leben sicherer, ist auch so ein Versprechen, das gern gegeben wird. Videokameras überall. Menschen, die überwacht werden, glauben daran, dass es Bedrohungen von allen Seiten gibt. Oder, das Versprechen, dass Dinge uns zu etwas Besserem machen. Der schicke SUV vor der Tür vermittelt das Gefühl, zu den Oberen zu gehören. Schon allein, weil man auf andere herabschaut und sie notfalls auch mit Wucht von der Straße kippen kann. Wir glauben, wir sind freier, aber in Wahrheit sind wir Sklaven.

Mir scheint, dass das ganze Streben der Konzerne sich nur darum dreht, dem Mensch zu suggerieren, dass man ihm das Leben verbessert, um ihn damit einfach immer noch mehr auszubeuten und ihm die Freiheit zu nehmen, er selbst zu sein. Und die Menschen machen mit, denn Menschsein allein reicht offensichtlich nicht mehr. Menschsein, Fehler zu machen, ein fragiles Leben auszuhalten, zweifelnd nach dem Sinn suchen, Scham zu empfinden, sich ohne Konsum am Leben zu erfreuen, sich gegenseitig Stütze zu sein, gemeinsam zu kreieren – all das verschwindet so nach und nach aus unseren Leben. Das ist der Preis, den wir zahlen und es ist wirklich faszinierend, wie sehr sich unsere Empörung darüber in Grenzen hält und wie wir uns von Nebenkriegsschauplätzen einnehmen lassen, statt hinzusehen und aufzustehen.

Aber es geht ja noch weiter.

Das Internet – eigentlich ein Quelle für unendliches Wissen, eigentlich die Chance, um vieles zu verändern – ist zum großen Teil verkommen zu einem Ort der uneingeschränkten Manipulation, zu einem Ort für Hass, Hetze, Häme und Selbstdarstellung. Es scheinen keine Regeln zu gelten – weder für große Konzerne, noch für antidemokratische Kräfte. Jeder kann einstellen, was er will, kann versteckt oder offen Morddrohungen in die Welt schicken und jene, die sich endlich gesehen fühlen, verwandeln Kommentarspalten in Schlachtfelder. Es ist unglaublich, wie es inszenierte Hass-, Hetz- und Verblödungskampagnen schaffen, sich ihren Weg durch die Datenkabel in die Köpfe zu bahnen. Wie Menschen, ohne zu hinterfragen, den größten Mist teilen. Wie sie nicht begreifen, dass sie auch hier wieder vor einen Karren gespannt werden, der davon lebt, dass sich Inszenierung hervorragend verkaufen lässt.

Wir laufen den falschen Göttern nach.

Gerade habe ich einen Artikel über Künstliche Intelligenz in der Kunst gelesen. KI, die Bilder malt, KI, die die Kreativität von Werken einschätzt und dazu Entwickler, die davon schwärmen, dass man irgendwann den Künstler*in nicht mehr braucht. Auf einem Seminar, das ich neulich besucht habe, meinte der Redner, dass wir unsere Göttlichkeit anerkennen sollten. Ein paar Minuten später schwärmte er davon, dass man heutzutage ein Buch in drei Tagen schreiben kann, weil es mittlerweile Agenturen gibt, die das übernehmen. Was daran ist denn bitte göttlich?

Ich frage mich in letzter Zeit ständig, was der Grund dafür ist, dass wir unsere Leben aus der Hand geben. Dass wir alles, was nach Menschlichkeit aussieht oder riecht, von uns haben wollen. Und ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass der einzige Grund sein muss, dass wir uns selbst nicht lieben. Dass wir unsere Fehler nicht lieben, unsere Unterschiede, unser Sein, die Mühen, das hoch und runter, das ein Leben nunmal mit sich bringt. Glatt ist scheinbar besser als Profil. Unisono besser als Vielfalt. Angst bestimmt unsere Leben. Angst vor dem Versagen, Angst vor dem Ausschluss, Angst, nicht gesehen zu werden, Angst davor zu sterben, ohne je Bedeutung erlangt zu haben. Und ich glaube, dass jene, die diese Entwicklungen vorantreiben, die größten Angsthasen sind. Dass sie eine Fassade aufgebaut haben, die ihre Angst versteckt und schlau genug sind, die Ängste der anderen auszuspielen. Und weil die Zeiten so bewegt sind, Unsicherheiten zunehmen, haben sie leichtes Spiel.

Ich weiß nicht, ob es uns noch gelingt, die Entwicklung aufzuhalten oder umzukehren. Ich habe auch kein Rezept, nur eine Ahnung und die heißt: radikale Menschlichkeit. Ohne wenn und aber. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wir dürfen nicht zulassen, dass Profitgier unsere Umwelt und damit unsere Lebensgrundlage zerstört. Wir dürfen nicht zulassen, dass Lebendigkeit, Herzlichkeit und Menschlichkeit verpönt werden. Dass diese Werte schon fast verdächtig sind oder als naiv deklariert werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Werbung uns suggeriert, dass wir nicht schön sind. Und wir müssen jene falschen Götter, die Kaiser ohne Kleider endlich auch so nennen und sie nicht noch in den Himmel heben. Wenn man mich fragt, was man denn als einzelner tun kann, dann ist das zukünftig immer meine Antwort: Bewahre dir deine Menschlichkeit! Das ist heutzutage eine große Aufgabe und wir brauchen jeden Mann, jede Frau, jedes Kind. 

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