Freitag, 29. März 2019

Seemann mit Herz: Claus-Peter Reisch, Kapitän der Lifeline im Gespräch

Claus-Peter Reisch und Markus Imhoof
Claus-Peter Reisch ist wohl das, was man einen waschechten Bayer nennt. Einer mit einem großen Herz, der für seine Menschlichkeit und sein Engagement nun angeklagt ist, weil Europa in der Flüchtlingsfrage kläglich versagt und offenbar keinen anderen Ausweg sieht, als zivile Seenotretter an den Pranger zu stellen. Seenotrettung ist kein Verbrechen, das muss man immer wieder klar sagen und wir können uns glücklich schätzen, dass es Menschen wie Reisch gibt, die den Mut haben, für unsere europäischen Werte einzustehen. Die die Fahne der Menschlichkeit auch im Sturm oben halten. Ich habe den Kapitän der Lifeline in Berlin getroffen.


Aufgewühlt ist er. Schaut auf sein Handy, entschuldigt sich. Tippt noch schnell ein paar Worte. "Sie haben es mitbekommen. Da ist wieder was los. Das Handelsschiff "El Hiblu" ist in Malta eingelaufen. Und es gab wohl richtig Stress, weil die Menschen an Bord mitbekommen haben, dass sie nach Libyen zurückgekarrt werden sollten. Angeblich – ich kann nur wiedergeben, was ich jetzt aus den Meldungen weiß –sind  fünf auf die Brücke und haben dem Kapitän klargemacht, dass sie garantiert nicht nach Libyen zurückwollen. Was haben sie denn eigentlich verbrochen? Sie haben geltendes internationales Recht in einer Art Notwehr durchgesetzt, denn wenn sie nach Libyen zurück gehen und dann darauf warten, dass sie vor irgendeinem Gerichtshof klagen können, das werden diese Menschen doch nie erleben." 

Claus-Peter Reisch ist sichtlich bewegt.  "Also, mal ganz ehrlich: Ich hätte das auch nicht anders gemacht, wenn es um meinen eigenen Hals geht. Diese fünf Leute hat man jetzt verhaftet und die kommen in Malta vielleicht ins Gefängnis. Und vorher auf hoher See wurde dieses Schiff in einer militärischen Aktion übernommen, mit Hubschraubern, militärischen Einheiten, Leuten mit Maschinengewehren. Dabei sind die Flüchtlinge doch unbewaffnet. Das Schiff liegt jetzt hinter unserer Lifeline im Hafen. Unsere Crew hat das alles beobachten können und zum Teil gefilmt. Ich meine, was muss es denn jetzt noch alles geben? Werden demnächst die Boote versenkt von irgendeinem Militär? Schießt man dann bald auf die Menschen, frei nach Lesart von Frau von Storch? Wie weit geht das noch? Es muss doch irgendwann mal der gesunde Menschenverstand einsetzen? Und ich habe den Eindruck, dass der gerade immer mehr aussetzt." 

Ich kann Reisch nur zustimmen. Ich hatte vor unserem Gespräch die Headline einiger Zeitungen gelesen. "Armee erobert von Migranten gekapertes Schiff zurück". Mich schüttelt es bei solchen verzerrten Meldungen. Erst einmal sind es keine Migranten, sondern Flüchtlinge, die in Seenot waren und dann kann man von kapern wohl kaum sprechen. Eher von einem martialischen Akt der italienischen Regierung. Wie sich später, nach unserem Gespräch herausstellt, gab es keinerlei Gewalt an Bord, die solch einen Einsatz gerechtfertigt hätte. Niemand war bedroht worden. Aber die Maschinerie der "gewaltbereiten Migranten" läuft auch in den Medien wie geölt.

Trotz der Aufregung finden wir einen Einstieg in unser Gespräch. Ich will wissen, ob es an internationaler Solidarität fehlt. Ob das der Grund für die restriktive Abschottungspolitik der EU ist. Weil man sich eben nicht einigen kann.

"Was nützt denn die internationale Solidarität, wenn da gerade im Moment die Menschen praktisch ... ich will das Wort gar nicht in den Mund nehmen..., aber doch: wenn die Leute  am Krepieren sind. Es kann mir doch kein Politiker erzählen, dass er nicht weiß, wie es in Libyen in den Lagern aussieht. Und wenn es einer nicht weiß, dann soll er mich anrufen und dann können wir uns gern treffen und ich zeige ihm oder ihr mal ein paar Bilder. Dann zeige ich die Bilder, die wir von den Menschen auf unserem Schiff gemacht haben. Die Bilder auf denen man sieht, wie die misshandelt ausschauen. Und wenn er dann noch ruhig schlafen kann, dann ist es garantiert einer, den ich demnächst wieder wähle, +Ironiemodus off+."

Was muss denn passieren?

Man muss langfristig die Fluchtursachen bekämpfen, das kann ich nur immer wieder wie ein Mantra wiederholen. Und unsere Handelspolitik ist absurd. Sie zerstört die Lebensgrundlage der Menschen in Afrika. Aber niemand tut was. Man kann doch nicht sagen, vielleicht...unter Umständen...in zwanzig Jahren...und bis wir uns entschieden haben, lassen wir noch ein paar mehr Leute ersaufen. Das ist für mich ein Akt der Inhumanität – schlimmer geht es eigentlich nicht mehr. Man kann natürlich auch gleich auf die Gummiboote schießen, wenn sie ablegen."

Glauben Sie, dass das Ganze, also die Art, wie man mit den Flüchtlingen umgeht, der Abschreckung dient?

"Es kann gut sein. Ich weiß es nicht. Ich kann das an der Stelle nicht beurteilen, aber die Menschen steigen doch nicht freiwillig in die Boote und die können von da aus auch nicht zurück. Libyen ist eine Sackgasse. Da geht es rein, aber nicht mehr raus. Und wenn es raus geht, dann nur über das Meer. Oder man fährt die Menschen in die Wüste und lässt sie dort verdursten oder foltert sie in den Lagern." 

Was war denn für Sie Startschuss, wie sind Sie zur Mission Lifeline gekommen? 

"Ich bin vorher für andere Missionen gefahren. Fünf Missionen war ich auf anderen Schiffen."

Gelernter Kapität sind Sie doch aber nicht, oder?

"Nein, ich bin kein Berufsschifffahrtskapitän. Das sind aber auch alles Sportboote. Und darum kann ich sie fahren. Die Malteser haben natürlich auch erst einmal versucht, mir zu unterstellen, dass ich das Boot gar nicht hätte führen dürfen – aber das ist schon lange vom Tisch. Das war nach ein paar Tagen klar, dass an meiner Lizenz nichts zu deuteln ist."

Eigentlich sind Sie Volkswirt? Also wie kommt man dazu, so etwas zu machen?

"Ich habe zwei Berufsausbildungen gemacht. Sagen wir mal so: Mein Weg ins Berufsleben war ein bisschen ungerade. Erst habe ich Kraftfahrzeugmechaniker gelernt, und dann bin ich wieder zur Schule gegangen, war da aber nicht besonders erfolgreich und habe lieber eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann gemacht. Im Anschluss war ich einige Zeit im Außendienst bei Industrie-Firmen tätig und habe mich 1993 mit einer eigenen Firma selbstständig gemacht, die ich Ende 2008 zum allergrößten Teil verkauft habe. 
Und wie bin ich dazu gekommen, aufs Meer hinaus zu fahren? Ich habe mit 14 Jahren angefangen zu segeln. Da hat mich ein Klassenkamerad überredet. Er brauchte einen Vorschoter und ich hatte zwar keine Ahnung, was das ist, aber ich war dabei. Dann sind wir über den Starnberger See gesegelt und eine Woche später war ich Mitglied in dem Segelverein. Ich habe mich über die Jahre durch alle Sportbootsscheine Deutschlands gearbeitet bis auf den Sporthochseeschifferschein. Astronavigation mit einem Sextanten ist wohl eher ein Hobby, das macht keiner mehr. Also habe ich es gelassen."  

"2015 bin ich mit dem eigenen Boot von Sardinien nach Griechenland gesegelt und da habe ich den Häfen die abgewrackten Flüchtlingsboote gesehen. Ehemalige Fischerboote, die noch einigermaßen seetauglich waren. Und damals habe ich mir natürlich die Frage gestellt, was ich tun würde, wenn ich so einem Boot auf offener See begegne. Mit meinem Boot und sechs Rettungswesten an Bord, einer Rettungsinsel für sechs Personen und einem kleinen Schlauchboot – da ist kein Staat mit zu machen. Da kann man nichts ausrichten. Aber das war zumindest ein intensiver visueller Eindruck, den man über Medien einfach nicht bekommt. 2016 kamen ja dann die ersten Diskussionen zu den Rettungseinsätzen auf und dann habe ich aufgrund dessen, dass ich Zeit hatte, entscheiden, mitzufahren. Ich wollte es einfach selber sehen, was da los ist. Ich wollte mir ein eigenes Urteil bilden über das, was da passiert. Also habe ich mich beworben und bin im April 2017 das erste Mal auf einer Mission dabei gewesen." 
  
Ich frage nochmal etwas tiefer. Gibt es in ihrer Geschichte oder in ihrer Familie einen Fluchthintergrund – also etwas, das aufbrach und sie motiviert hat, selbst anzupacken, oder gab es so einen initialen Moment?

"Nicht, dass ich wüsste. Meine Mutter ist Ende des Krieges mehrfach ausgebombt worden mit ihren Eltern und mein Vater wurde noch in den letzten Kriegsmonaten eingezogen und war in Frankreich eingesetzt. Was er da erlebt hat, muss so grausam gewesen sein, dass er nie darüber erzählen wollte, obwohl ich als Jugendlicher oft nachgefragt habe. Aber er war sehr verschlossen. Auch als ich meine Mutter vor ihrem Tod nochmal dazu befragt habe, hat sie nur gesagt, dass sie auch nicht mehr weiß. Also, kein Fluchthintergrund. Aber ich bin viel in der Welt herumgereist und habe viele Dinge gesehen und bin deswegen einfach empfindsam für manche Dinge. Es kann doch nicht sein, dass man diese Länder ausbeutet und ausdrückt wie eine Zitrone über einem Fisch und sich dann wundert, wenn diese Menschen an unserer Tür klingeln. Und zuschauen, wie die Menschen auf dem Meer buchstäblich ersaufen und ein paar Kilometer weiter wird Reklame für Urlaub gemacht – also wir reden vom selben Meer, da weiß man doch eigentlich nicht weiter. Was soll man dazu noch sagen?"

Ich denke kurz nach, während Claus-Peter Reisch eine  Nachricht in sein Handy tippt. Ich habe damals, als ich auf Lesbos war, viele Helfer gefragt, was sie antreibt. Es mit eigenen Augen zu sehen, war häufig ein starker Motor. Unverständnis gegenüber der Politik ein anderer. Auch bei mir.

Ja, das macht sprachlos. Das geht vielen Menschen so, dass sie das nicht zusammenkriegen.

"Und diese allerneueste Entwicklung... Man denkt ja immer, dass es auf der nach unten offenen Kellertreppe irgendwann nicht mehr weitergeht. Aber das, was wir jetzt erleben, also auch die Einstellung von "Sophia" –  das schlägt doch dem Fass den Boden aus. Wobei man das so gar nicht sagen kann, denn es kommt ja offensichtlich immer wieder ein Boden und den schlägt man dann wieder aus. Also man fragt sich tatsächlich, wie weit das alles jetzt noch gehen muss. Man pumpt Geld in diesen failed state Libyen, den Europa mal irgendwann mit platt gemacht hat. Das ist ja eine weitere Dämlichkeit. Dass Gaddafi nun kein Erzengel war, darüber müssen wir überhaupt nicht diskutieren, aber es gab eine funktionierende Infrastruktur, Schulen und soweiter. Dass es auch Menschenrechtsverletzungen gab, das streitet doch niemand ab. Aber das, was jetzt dort ist, ist ja eine Potenzierung dessen, was damals war und dass die Europäer das Land platt gemacht haben und dann rausgegangen sind und sinngemäß gesagt haben: Jetzt könnt Ihr euren arabischen Frühling weiterblühen lassen, also das ist mit dem Wort Zynismus überhaupt nicht mehr zu umschreiben. Mir fehlen da schlicht die Worte. Man geht rein, macht einen Staat kaputt, überlässt das Ganze sich selber und schaut dann aus einem sicheren, beheizten Sessel zu, wie sich die Clans gegenseitig die Köpfe einschlagen. Man hat aus dem Irak, auch Syrien oder Afghanistan nichts, aber auch gar nichts gelernt und jetzt hat man das an der Backe und will nicht mehr helfen. Und dann ... ich will das Wort ja eigentlich nicht mehr verwenden, weil ich mit Herrn Söder demnächst im Gespräch bin, der hat ja das Wort Asyltourismus in den Mund genommen, was ich ihm ja im Prinzregententheater in München nochmal vor Tausend Leuten um die Ohren gehauen habe. Das hat doch mit Tourismus nichts zu tun. Das ist Populismus. 

Wie wird es denn heute mit Herrn Seehofer? Haben Sie einen Plan?

"Dazu will ich jetzt erst einmal nichts sagen. Nur so viel: Ich will da mit einem Ergebnis rausgehen. Und das ist nicht die Aussage, dass wir uns vielleicht irgendwann mal weiter unterhalten. Dieses Vokabular ist etwas, was ich wie die Pest hasse. Ich will etwas Greifbares. Wenn ich aus der Veranstaltung herauskomme, wird da die Presse warten, das ist Fakt. Und es würde mir leidtun, wenn ich nichts sagen könnte."

Was wir beide jetzt noch nicht wissen: Herr Seehofer sagt Claus-Peter Reisch zu, 150 Menschen – vor allem Familien, Frauen und Kinder – aus Libyschen Lagern nach Deutschland zu evakuieren. Ein Tropfen auf dem heißen Stein und trotzdem ein großartiges Ergebnis.

Was ist aus der Audienz beim Papst geworden? Oder der Beflaggung mit der Flagge des Vatikans?

Die wurde abgelehnt. Wahrscheinlich hat der Vatikan zu große Angst, dass Salvini den Petersdom stürmt. Mich ärgert das. Es kann nicht sein, so wie Herr Imhoof auf dem Podium gestern auch sagte, dass dieser Salvini den Joystick an Europa hat. Das bringt es so auf den Punkt. Was lässt sich Europa von diesen rechten Politikern den Takt diktieren? Und es kann doch auch nicht sein, dass Solidarität an der Kasse von Brüssel endet. Ein Ding der Unmöglichkeit. Ich kann doch auch nicht Mitglied in einem Fußballverein sein, zum Spiel kommen, aber wenn es darum geht, ein Fest zu machen oder den Rasen zu mähen, dann verdrücke ich mich. Da bekomme ich die Rote Karte. Und wenn Herr Orban das so will, dann muss er eben einen Brexit auf Ungarisch machen. "

Was würden Sie sich denn für Unterstützung wünschen? Also jetzt mal abgesehen von der Politik?

"Das eine ist die finanzielle Unterstützung, denn ohne Geld funktioniert unsere Mission einfach nicht. Wir können nicht mit guten Worten und Wünschen oder Auszeichnungen und Preisen die Tankrechnungen der Lifeline bezahlen, genauso wenig wie es die anderen NGOs können. Auch wenn mich das am Anfang große Überwindung gekostet hat – ich stelle unsere Mission immer vor und wenn man mich fragt, wie viel ich haben will, dann sage ich immer: Das liegt in Ihrem Ermessen. Ich bin da bescheiden und vielleicht habe ich auch deshalb den Erfolg und den Zuspruch. Wir brauchen aber auch Leute, die uns anders unterstützen – die einen Vortrag halten, eine Veranstaltung organisieren. Klar – ich bin das Zugpferd, aber trotzdem ist so etwas ganz hilfreich. Und was wir noch brauchen, sind Fachleute: Ärzte, Krankenschwestern, Ärztinnen – ja, vor allem Frauen, denn es ist einfach besser, wenn für die schwer traumatisierten Frauen an Bord auch eine Frau sorgen kann. Die persönliche Ansprache ist einfach so wichtig. Da haben wir immer Bedarf. Rettungssanitäter und dann auch Elektriker, IT-Experten für Linux und Windows, maschinentechnisches Personal, Leute mit Hydraulik-Kenntnissen. Was wir nicht brauchen, sind Leute, die irgendwie diffus sagen: Ich will nur helfen. Das ist zwar ehrenhaft, aber wir haben nur begrenzt Platz an Bord."


Was macht es mit ihnen persönlich, jetzt so in der Öffentlichkeit zu stehen? Das war doch sicher nicht Ihr Anliegen?

"Nein, um Gottes Willen. Ich habe diese Öffentlichkeit von mir aus nicht gesucht. Bei den vorherigen Missionen war es aber auch selbstverständlich, dass man das eine oder andere Interview gegeben hat, weil die Lokalpresse interessiert war. 2017 war ich in der Abendschau beim Bayerischen Fernsehen, das war alles ok. Dass man uns jetzt diese Bühne aufgemacht hat, liegt ja maßgeblich an der Politik. Die haben uns hinaufgebeten und unser Vorstand kann dieses Klavier gut bespielen. Wir nutzen diese Öffentlichkeit natürlich jetzt, um darauf aufmerksam zu machen, was da im Mittelmeer passiert und möglichst viele Menschen aus erster Hand darüber zu informieren. Ich habe früher während meiner beruflichen Tätigkeit hin und wieder technische Seminare gegeben, darum habe ich jetzt auch nicht so ein großes Problem damit, vor Menschen zu stehen und etwas zu sagen. Dass das jetzt solche Dimensionen angenommen hat, war mir natürlich am Anfang nicht klar. Auf der ersten Demonstration, auf der ich gesprochen habe, waren rund 600 Leute da und am Tag danach war mein zweiter Auftritt auf der Demo in München mit rund 50.000 Menschen. Das war eine Herausforderung." 

Ich will noch sagen, dass ich großen Respekt vor den Menschen habe, die Geld spenden – die sitzen bei Lifeline mit im Boot, an einer anderen Stelle als ich. Meine Rolle ist momentan eben nicht, ein Schiff zu führen, sondern das Leid der Geflüchteten in die Öffentlichkeit zu tragen und die Herausforderung habe ich angenommen. Dass mich das auch manchmal an meine Grenzen bringt, das ist eben so. Manchmal müsste ich eine 10-Tage-Woche haben, um alles unterzubringen. Manches mach ich nicht, weil ich es einfach nicht schaffe. Ich versuche, dass wenigstens ein Tag in der Woche für mich bleibt. Aber es ist mir tatsächlich ein Anliegen geworden, dafür zu sorgen, dieses grauenvolle und grausame Thema des Sterbens der Menschen auf dem Mittelmeer, was ja nix anderes ist, als ein sinnloses Ersaufen, weiter in die Öffentlichkeit zu tragen. Und dafür ein Bewusstsein zu schaffen, dass da draußen Leute ums Leben kommen, weil sie für sich keine andere Chance sehen zu überleben, als sich auf den Weg nach Europa zu machen. 
Man muss sich auch eins bewusst machen: Migration hat es doch immer gegeben. Das ist doch nichts, was jetzt plötzlich aufgetaucht ist, da braucht man nur in die Bibel zu schauen. Und wenn man in die neuere Geschichte schaut, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg auf Sardinien und Sizilien Hungersnöte. Die Menschen sind ausgewandert, um nicht zu sterben. Wohin? In die Toskana, aber eben auch nach Deutschland. Oder denken wir an all die italienischen Gastarbeiter. Die sind doch auch nicht aus Jux und Dollerei aus ihrem Land weggegangen. Dafür gab es Gründe und die Menschen, die heute fliehen, haben auch ihre berechtigten Gründe. Damals haben wir die Italiener mit Handkuss genommen, weil wir sie dringend gebraucht haben. Was wäre denn geschehen, wenn das nicht so gewesen wäre? Hätten wir dann in Garmisch die Kanonen aufgestellt? Wahrscheinlich nicht. Nun fragen wir uns mal, warum nicht. Lag es an der Hautfarbe, weil sie nicht ganz so dunkel sind? Sind wir ehrlich, es hat ein Stückweit was mit Rassismus zu tun."

Ich muss ihm recht geben. Erzähle eine Szene aus dem Film "Als Paul über das Meer kam". Wie bedrohlich es wirkt, wenn plötzlich viele große dunkelhäutige Männer eine Mauer stürmen. Wäre es genauso, wenn es weiße wären? Sitzt in unseren Köpfen immer noch die Angst vom "schwarzen Mann"? 

"Natürlich ist es ein Problem, wenn man die Flüchtlinge zusammenpfercht und isoliert in Ankerzentren unterbringt. Würde man sie verteilen, dann wäre auch die Integration leichter. Ich habe auch kein Problem damit, wenn man Straftäter abschiebt. Wenn man das konsequent tun würde, dann könnte man auch einem gewissen rechten Klientel die Argumentationsgrundlage entziehen. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge, das sind doch rechtschaffene Menschen, die arbeiten und sich eine Zukunft aufbauen wollen. Was man auch vermitteln muss, ist, dass sie hier niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen, sondern dass wir sie eigentlich brauchen, um unsere Personalmangel auszugleichen. Und das, was mir wirklich Angst macht und wo ich tatsächlich ein „Besorgter Bürger“ bin, ist auch in dem Film von Herrn Imhoof zu sehen. Die Geschichte mit Rachel, die als Pflegekraft arbeitet und abgeschoben wird. Wie absurd ist das denn, dass man darüber nachdenkt, in der Zukunft Pflegeroboter einzusetzen? Ich will nicht, dass mir ein Pflegeroboter den Hintern abwischt. Geben wir den Menschen doch eine Chance! Aber auch nicht mit einem Zuwanderungsgesetz, dass die Fachkräfte aus den Ländern abzieht, wo sowieso schon Mangel an Fachkräften herrscht, ist keine Lösung. Wir können doch nicht etwas tun, worunter wir selbst leiden. Ich denke da an die Ärzte, die in die Schweiz gehen, weil sie dort besser verdienen. Irgendwie lernen wir scheinbar nichts daraus. Ich löse doch nicht ein Problem, indem bei anderen ein Problem schaffe. Ich kann dann zwar meins beseitigen, aber auf einer anderen Ebene hole ich mir ein neues ins Haus. Da sind wir dann wieder bei den Fluchtursachen."

Gehen Sie wieder aufs Schiff, wenn sie freigesprochen werden und die Lifeline wieder ablegt?

"Also mein Engagement wird sicher nicht durch den Tag des Urteils beendet sein. Ob und in wie weit ich wieder rausfahre, das ist nicht geklärt. Natürlich würde ich fahren, wenn man mich lässt. Das entscheidet aber der Verein. Ich stehe zur Verfügung, aber ich glaube, dass man abwägen muss, wo ich gerade dringender gebraucht werde. Wenn ich jetzt in der Öffentlichkeitsarbeit mehr ausrichten kann, dann würde ich das machen. Wenn kein Kapitän zur Verfügung steht, würde ich einspringen." 

Claus-Peter Reisch



Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Reisch.

Wer für die Mission Lifeline spenden möchte: HIER ENTLANG.

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