Sonntag, 31. März 2019

Mein Baum, Dein Baum, unser Wald

Ich werde den Morgen nicht vergessen, als ich letztes Jahr im August die Balkontür meiner Berliner Wohnung öffnete und sich der Brandgeruch sofort in meiner Nase festsetzte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass über 300 Hektar Wald bei Treuenbrietzen im Land Brandenburg lichterloh brannten und dass auch meine fünf Hektar, die Teil dieses Areals sind, betroffen waren. Gestern war ich dort und habe neue Bäume gesetzt. Nicht nur für mich, sondern auch für Dich, für uns alle. Denn wir brauchen jedes Stück Wald. 


150 Bäume müsste ein Mensch in seinem Leben pflanzen, um einigermaßen CO2-neutral zu leben. Die Rechnung geht allerdings nur auf, wenn er nicht fliegt, sein Auto selten benutzt und auch sonst ein eher nachhaltig ausgerichtetes Leben führt. Ich muss gestehen, dass bei mir 150 wohl nicht reichen. Dass ich mit meinem Lebensstil wohl auch dazu beigetragen habe, dass wir heute dort stehen, wo wir stehen: an einem Scheideweg. Rund elf Jahre bleiben uns noch. Sollten wir es bis dahin nicht schaffen, dass Ruder herumzureißen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir den Point of no Return überschreiten, groß. Niemand kann sich wirklich vorstellen, was das bedeutet und darin liegt wohl auch das Problem, denn unser Gehirn ist nicht darauf ausgerichtet, langfristigen Prognosen irgendetwas abzugewinnen. Uns motivieren Spaß und Belohnung und der schnelle Kick. Wollen wir jedoch diese Erde, so wie wir sie übernommen haben, erhalten, ist etwas anderes gefragt.


zerstörte Bastschicht einer Kiefer 

Als ich gestern mit vielen anderen freiwilligen Helfern auf einem 1,2 Hektar großen Areal Birken und Kiefern gesetzt habe, ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass Veränderung nur gemeinsam zu schaffen ist. Sicher braucht es jemanden, der den Anfang macht, so wie Greta Thunberg, die Schüler*innen auf der ganzen Welt motiviert hat, sich für ihre Zukunft stark zu machen. Aber anders als früher geht es heute nicht mehr darum, jemandem blind zu folgen oder unterwürfig etwas auszuführen. Die Zeiten verabschieden sich gerade und insbesondere in der Klimabewegung zeigt sich etwas Neues. Ein Miteinander, wie wir es eigentlich schon kennen, nämlich aus dem Gedanken der Genossenschaft.



Als Waldbesitzerin habe ich mich vor einigen Jahren einer Genossenschaft angeschlossen. Das bringt mir zwar deutlich weniger Gewinn, als wenn ich den Wald allein bewirtschaften würde, aber es hat Vorteile, von denen ich gerade jetzt in dieser Ausnahmesituation profitiere. Die gestrige Pflanzaktion war ein großes Miteinander. Es spielte gedanklich überhaupt keine Rolle, wem dieser Grund, auf dem wir pflanzten, gehörte. Alle haben mitgemacht. Viele Kinder, die sich beim THW engagieren, waren dabei, viele Privatleute und Genossenschaftsmitglieder. Wie auch schon 14 Tage zuvor, als wir bei Wind und Regen zweijährige Eichen in den Boden gesetzt haben. Natürlich hat jeder, der dort war, es auch für sich und die Genossenschaft getan. Aber eben auch für Dich und für uns alle. Wir brauchen diesen Wald. Und wir brauchen diese Erde, denn ohne sie können wir nicht leben.

eine kleine Eiche

Ich denke, dass das, was uns retten kann, ein gemeinsames Manifest ist. Es klingt so pathetisch, aber wenn wir uns endlich als Einheit erkennen, wenn wir verstehen, dass ein Vulkanausbruch in Indonesien für Jahre unser Klima in Europa verändern kann, wenn wir wirklich begreifen, dass schmelzende Gletscher uns bald das Wasser bis zum Hals stehen lassen und wenn wir verstehen, dass unser Handeln jetzt Auswirkungen weit über unsere eigenen Grenzen hinaus und bis in die Zukunft unserer Kinder hat, dann ist die Basis für einen Bewusstseinswandel gelegt.

einjährige Kiefern

Gründen wir doch eine Weltgenossenschaft, bei der es wie in anderen Genossenschaften nicht darum geht, Gewinne in Form von Geld zu erwirtschaften, sondern in der es darum geht, unser Bedürfnis nach einem Leben in einer intakten Umwelt zu befriedigen. Fridays for Future hat das Potential dafür. Jeder, der dort mitläuft oder mit dieser Protestform sympathisiert, verpflichtet sich, nicht nur zu demonstrieren, sondern sich auch auf irgendeine Art einzubringen. Das wiederum sollte man öffentlich machen, damit andere motiviert werden, sich anzuschließen. Protest allein reicht nicht. Wir müssen handeln. Bäume setzen, ist ein Anfang. Es gibt Tausend andere Möglichkeiten, etwas zu tun. Man muss es nur wollen. Für sich, für mich, für uns alle.


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