Montag, 11. Februar 2019

Dorthin, wo es glitzert

Wann ist ein Leben sinnvoll? Wenn man einen Beitrag für die Allgemeinheit leistet? Wenn man danach lebt, was andere für sinnvoll erachten? Oder wenn man den Mut hat, sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben? Ich glaube, dass es ebenso viele Antworten wie Menschen auf der Erde gibt. Dass jeder selbst herausfinden muss, was ihn trägt, wonach seine Seele ruft. Was uns dabei bestärkt, sind Geschichten von Menschen, die ihren Weg schon gefunden haben. 



Die uns zeigen, dass nicht jeder Umweg in eine Sackgasse führt und nicht jedes Ziel am Ende die gewünschten Erwartungen erfüllt. Als ich Chantal Dorn bei ihrem ersten Auftritt bei „The Voice of Germany“ sah, hat mich genau das berührt. Da stand eine Frau, die sich den Weg auf die Bühne nicht leicht gemacht hat, obwohl es das Normalste von der Welt gewesen wäre, wenn sie mit fünf oder sechs Jahren ihre erste Gesang- und Tanzausbildung gemacht und von da an auf den Bühnen dieser Welt gestanden hätte. Aber das Leben ist eben nicht gerade und vorhersehbar. Es hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Klaviatur. Auf ihr zu spielen, ist die eigentliche Kunst.

Vom Herztod zum Leben

 „Mach genauso weiter, du bist eine ganz tolle Frau.“ Mit diesen Worten schickte die Moderatorin Lena Gercke Chantal Dorn, die gerade das Battle bei „The Voice of Germany“ verloren hatte, von der Bühne. Der Satz klang etwas verlegen, man merkte Lena an, dass sie sich schwer damit tat, eine Sängerin von diesem Format verlieren zu sehen. Und Chantal? Die traute ihren Ohren kaum, als ein paar Sekunden später, als sie schon auf dem Weg in den Backstage-Bereich war, nicht nur ein Coach, auch nicht zwei, sondern drei sie mit dem Steal-Deal zurück auf die Bühne und damit in die nächste Runde holten. Das gab es in der gesamten Voice-Geschichte noch nicht. „Du kannst Dir nicht vorstellen, was das für ein Wechselbad war. Ich habe die Entscheidung, mich rauszuwählen nicht verstanden. Was aber viel schlimmer war, es fühlte sich an, als ob ein Feuer in mir erlischt. Mir war kalt und ich dachte für einen Moment, dass mit diesem Rauswurf auch mein Traum vom Leben als Sängerin sterben würde. Und dann war ich so überwältigt. Erst nah am Herztod, dann plötzlich wieder am Leben. Ich war so glücklich.“

Chantal entschied sich, zu Michael Patrick Kelly ins Team zu gehen. Nicht, weil er ihr Taschentücher für die Freudentränen reichte, sondern weil er etwas sehr Schönes sagte. Es seien – neben der Stimme – die Brüche in ihrer Biografie, die Chantal so bemerkenswert machen. Die Tatsache, dass sie erst spät ihre Karriere als Sängerin gestartet hat. Chantal Dorns Weg auf die Bühne war alles andere als auf Rosen gebettet, aber sie hat den Traum nie aufgegeben. So wie ihr von Beginn an eigentlich klar war, dass sie bei „The Voice of Germany“ nicht gewinnen kann, weil dort formbare, junge Stimmen gefragt sind und es trotzdem gewagt hat, so hat sie immer wieder Umwege in Kauf genommen, um ihre eigene Rolle im Leben zu finden. „Da, wo es glitzert, will ich hin.“, lautete ihre Antwort, als die Mutter sie fragte, was sie einmal werden wolle.

Verletzte Wurzeln 

Chantals Vater war Alkoholiker, als sie neun war, verließ er die Familie. Die Mutter arbeitete hart, um die fünf Kinder zu ernähren und das Gefühl von Familie aufrechtzuhalten. Trotzdem vermisste Chantal die Geborgenheit und die Festigkeit, die ein gutes Familiengefüge bereitstellen. Sie kämpfte um ihren Platz, wurde von der Mutter „Sonderling“ genannt, körperliche Zuwendung gab es selten. Es scheint nur logisch – die Flucht in eine Traumwelt. Eine, die Beachtung, Anerkennung und Zuspruch versprach. „Am liebsten habe ich mich verkleidet und dann gesungen. Später, als ich schon auf der Bühne stand, fühlte ich mich in dem Moment, wenn der Vorhang sich öffnete und das Scheinwerferlicht auf mein Gesicht fiel, zuhause. Darum habe ich mich auch nach den Shows nie abgeschminkt. Ich wollte das Gefühl des Getragenseins festhalten. Es fiel mir einfach schwer, die Rollen abzulegen. Alles wollte ich sein, nur nicht ich selbst. In andere Rollen zu schlüpfen, half mir, nicht verbittert zu werden. Natürlich war es eine Flucht, aber die Erfahrung ermöglichte mir auch, stets empathisch zu sein. Ich kann, um es bildhaft zu sagen, auf der Seite der Schwachen schlafen, aber auch auf dem Opernball tanzen. Ich bewege mich auf jedem Parkett sicher, vergesse meine Wurzeln nicht, so schmerzhaft sie das ein oder andere Mal auch waren. Ich bin ein Freigeist, habe schon so viel in meinem Leben gemacht, aber Menschen zu unterhalten, zu schauspielern, zu singen – das war das, was mir den größten Sinn gab.“

Ackern bis zum Umfallen

Die berufliche Biografie von Chantal Dorn liest sich wie ein Buch. Eher der Vernunft wegen, weil man ja einen „anständigen“ Beruf braucht, überlegte sie Fotolaborantin zu werden. Heimlich wollte sie eigentlich Fotografin oder Grafikerin sein, aber alles Kreative war ja „brotlose Kunst“. Trotzdem zögerte sie, die Ausbildung zu beginnen, denn sie hatte gehört, dass Frauen, die in Fotolabors überwiegend im Dunkeln arbeiten, ein Damenbart wächst. Als sie dieses Phänomen bei einer Bekannten, die Fotolaborantin war, entdeckte, schwenkte sie um und fing bei einem Juwelier an. Hier hatte sie wenigsten auch Kontakt mit Menschen. Das war spannender, vor allem die Geschichten der Kunden waren es, die sie interessierten. Was lag da näher, als Journalistik zu studieren, um irgendwann mal alles aufzuschreiben? Gesagt getan. Nebenher absolvierte sie eine Tanz- und Schauspielausbildung, gründete eine Familie, wurde Mutter. Ihre Tochter starb, sie deckte die Trauer zu. Wurde wieder Mutter, diesmal mit Zwillingen. Chantal funktionierte, machte, wollte alles schaffen. Wollte nicht nur gut, sondern außergewöhnlich gut sein. Alles meistern, vor allem aber alles richtig machen. Nicht für sich, sondern für die anderen. Auch wenn sie es selbst nicht so sah. Irgendwann ging das allerdings nicht mehr. Irgendwann kam der Punkt, an dem sie zusammenbrach. Nicht nur, weil sie völlig erschöpft war, sondern vor allem auch, weil sie sich nie ehrlich darum gekümmert hatte, wonach ihre Seele rief. Dass sie im Juweliergeschäft von Glitzer umgeben war, erfüllte das kleine Mädchen, das in ihr steckte, nicht. „Mein inneres Kind war so verhungert. Es wollte singen, spielen, tanzen, im Scheinwerferlicht stehen.“

Vom Radio zur Berufung 

Nach einer Auszeit fing Chantal beim Radio an. Zunächst als Praktikantin, später folgte ein Volontariat. Als der Sender Antenne Vorarlberg an den Start ging und ein Platz in der Morgenshow freiwurde, rückte Chantal auf. Stand jeden Morgen ihre Frau, musste lustig, taff und immer gut drauf sein. Dann am späten Nachmittag nach Hause zu den Kindern. Stets mit dem schlechten Gewissen im Gepäck, als Mutter nicht gut genug zu sein. Zu wenig Zeit für die Kinder zu haben. Sie ackerte, wollte die Beste sein, alles zu geben, war ihr Credo. „Darunter machte ich es nicht“. Bis das nächste Burnout kam. 1998 brach sie auf der Toilette des Radiosenders zusammen. Während ihrer Urlaubszeit wurde umstrukturiert und man gab ihr einen Platz am Abend. Loveline hieß ihre Radioshow – eine Abendsendung, bei der die Zuschauer anrufen und ihre Probleme teilen konnten. „Damals waren solche Sendungen sehr erfolgreich. Die Menschen waren noch nicht so überflutet, konnten sich einlassen. Und mir tat es gut. Ich war Ansprechpartnerin, bekam Blumen und Briefe. Die Hörer waren so dankbar. Ich meine, es geht doch oft nur um ein liebes Wort. Die Menschen sind so unglaublich einsam. Und ich konnte ihnen das Gefühl geben, wahrgenommen zu werden. Es ging mir nicht darum, mich selbst zu profilieren. Eher war es so, dass ich spürte, dass ich manche Themen nicht halten konnte. So viel Gespür hatte ich dann schon, zu erkennen, dass ich nicht in der Rolle war, in die Tiefe zu gehen, schließlich bin ich ja keine Psychologin. Also stellte der Sender um, kreierte neue Sendung mit einem Psychologen. Irgendwann wurde die Sendung gestrichen – der Quote wegen. Für mich die Gelegenheit wieder zu wechseln. Ich fing wieder an zu schreiben. Zunächst für Tageszeitungen, dann für Magazine und ich griff einen Faden wieder auf, der so lange brach gelegen hatte – ich fing wieder an zu schauspielern und zu singen. Als meine Kinder aus dem Haus waren, wandte ich mich an eine Agentur und von da an ging eine Tür nach der anderen auf.“ Es folgten Fernsehauftritte und ein fünfjähriges Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff. Nicht die ganz große Karriere, nicht der Durchbruch, der Chantal in die oberen Sphären des Showbusiness katapultiert hat. Aber eine Spielwiese für die eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Sie selbst nennt es die „Kür“.

Es ist schön, in Chantals Gesicht zu schauen. Man sieht eine erwachsene Frau, man sieht auch, dass sie viel erlebt hat. Aber es gibt noch etwas anderes, das hervorblitzt, wenn sie lacht, sich die roten, langen Haare aus dem Gesicht streicht oder gestikuliert. Es ist das kleine Mädchen, das Glitzer liebt. Sie trägt es in sich und es hat seinen Platz gefunden. Ich bin überzeugt, dass, wer Sinn sucht, nicht umhinkommt, sich dem inneren Kind zu stellen. All seinen Bedürfnissen und Träumen. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!“, so Chantals Lebensmotto. Aber sie hat noch eine Ergänzung, denn sie weiß, dass man planen kann, wie man will, das Leben aber trotzdem manchmal eigene Pläne hat. „Das Leben besteht aus Veränderungen. Und wenn mal etwas nicht so klappt, wie man es sich vorgestellt hat, dann heißt es eben: »Hinfallen, aufstehen, Knie abputzen, Krone richten und weitergehen.« Ich habe alle Tiefen überstanden, jetzt möchte ich fliegen und vielleicht mal irgendwann ganz sanft landen. Ich bin so dankbar für mein Leben, vor allem auch für meine Kinder, die so manches auf und ab mitgetragen haben. Sie sind das größte Geschenk.“

Sie waren auch dabei, als der dreifache Steal-Deal erklang. Die Tochter live im Studio, der Sohn am Fernseher. Der Stolz und die Freude in ihren Augen sind Ansporn weiterzugehen, auch wenn der Sieg bei „The Voice of Germany“ ausblieb. Dafür kommen andere Gelegenheiten. Solche mit Glitzer.

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Wer Chantal Dorn Dorn live erleben will, hat dazu am 8.3. Gelegenheit. Da tritt sie mit ihrer Band im Rahmen des Weltfrauentages im österreichischen Hard auf. Im August gibt sie in Lustenau ein Konzert, was sich „Sommer am Platz“ nennt. Und ab Herbst geht sie dann mit einem neuem Liederprogramm auf Tour.

Foto: (c) SAT1/Pro7/André Kowalski
Text: Jeannette Hagen

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