Donnerstag, 21. Februar 2019

Fortschritt durch Ungehorsam – Der Beweger Wolfram P. Kastner

Heute vor 100 Jahren, am 21. Februar 1919 wurde Kurt Eisner ermordet. Dass viele seinen Namen nicht kennen, obwohl er als erster Ministerpräsident Bayerns Großartiges für unsere Demokratie geleistet hat, liegt unter anderem auch daran, dass die aktuelle Bayerische Landesregierung das Verdienst Eisners selbst an so einem Tag nicht würdigt. Keine Feier, kein Gedenken. Markus Söder hat sogar das Kunststück vollbracht, in seiner Rede zum Festakt „100 Jahre Freistaat Bayern“ den Namen Kurt Eisner nicht einmal zu erwähnen. Warum? Weil er Jude, ein Linker, ein Pazifist war? Weil er in Berlin und nicht in München geboren ist?  Weil er vor seinem Leben als Politiker Dichter und Philosoph war? Man weiß es nicht, doch die Tatsache, dass man hier so geschichtsvergessen agiert, wirft Fragen auf. Manche verleitet es auch zum Handeln. So wie Wolfram P.  Kastner. Er setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Eisners Vermächtnis zu würdigen. Aber nicht nur das.


Kastner als Aktionskünstler zu bezeichnen, wäre zu reduziert, denn sein Werk umfasst weit mehr, als nur Aktionen. Sie sind es allerdings, die ihn über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gemacht haben. Nicht zuletzt deshalb, weil Kastner das, was Eisner in seiner Rede vor dem provisorischen Nationalrat am 3. Januar 1919 gesagt hat, wörtlich nimmt: „Kunst kann nur gedeihen in vollkommener Freiheit ... Der Künstler muss als Künstler Anarchist sein.“ 

Kastner empfängt mich in seinen Atelier-Räumen in der Münchener Maxvorstadt. Hier wird schnell sichtbar, wie umfassend sein Werk ist: Bilder und Collagen reihen sich neben Katalogen und Postkarten, Zeugnissen seiner Aktionen und diversen Gegenständen, die wie die meisten Kunstwerke einem Zweck dienen: Unrecht aufzudecken und freiheitliche Werte zu verteidigen. „Demokratie lebt von Transparenz, nicht von Hinterzimmern. Sie lebt von Teilhabe. Und Demokratie macht Arbeit. Sie ist ein Wahrnehmungsprozess, ein Austausch, nichts, was von oben verordnet werden kann.“, so Kastner.

Was die Intension für seine Arbeit ist, will ich wissen. 
„Ich bin ein Mensch, der mit offenen Augen durch die Welt geht und der einfach sieht, wo es keine Gerechtigkeit gibt. Der andere Punkt ist, dass ich finde, dass das, was mir zusteht, allen zustehen sollte. Ich meine, ich bin kein reicher Mann, aber ich weiß eben, dass es anderen viel schlechter geht. Ich lebe aber besser, wenn es allen gut geht. Ich will auch nicht, dass ungeheure Vermögen, Diktaturen, Krisen oder Rüstungswettkämpfe auf dem Rücken von Menschen ausgetragen werden. Ich sage immer: »Nicht ich provoziere mit meinen Aktionen, sondern die Welt provoziert mich.« Gleichzeitig finde ich es auch wichtig, bewusstzumachen, dass unsere Freiheitsrechte ja nicht aus dem Nichts entstanden sind und dass sie auch ständig gefährdet sind. Also müssen wir uns dafür einsetzen, das zu erhalten, wofür andere gekämpft und ihre Leben gelassen haben, so wie Kurt Eisner.  Und ich sage Ihnen noch eins: Ich möchte meiner Tochter und meinem Sohn, wenn sie mich dann irgendwann mal fragen: »Was hast Du denn getan? Du hast doch in dieser Zeit gelebt, hast gesehen, wie dies und das und jenes geschehen ist.« Ich möchte mich nicht herumwinden müssen, wie es die Generation meiner Eltern und Großeltern getan haben. Sondern ich möchte sagen: »Ja, ich habe das, was mir möglich war, auch wirklich gemacht und zwar mit Lust, mit etwas Humor, mit Fantasie und mit Engagement.«“ 

Und seit wann ist er kunst-politisch aktiv?

So genau kann er das nicht datieren. Aber es gibt ganz viele Eindrücke, die ihn schon als Kind geprägt haben. Ganz vorn mit dabei, die Erzählungen seiner Großmutter, die auf Usedom lebte. Sie war eine Frau mit Prinzipien. Kein politischer Mensch in dem Sinne. Kastner nennt sie zärtlich eine „Gefühlssozialistin“. Ihr Mann, erst Mitglied der SPD, später dann der KPD trat während der Kriegsjahre in die NSDAP ein. Als die Oma sein Sakko ausbürstete und die Mitgliedsmarke fand, stiefelte sie in das NSDAP-Büro, legte die Marke auf den Tisch und sagte, dass sie nicht will, dass ihr Mann Mitglied in diesem Verein ist. Wörtlich: „Er zahlt euren Krieg nicht.“ So viel Courage stachelt an, so dass es in Kastners Leben recht früh etliche Versuche gab, mit der Welt, mit dem Leben umzugehen – einige davon, wie er selbst sagt, „ganz unbeholfen“. „So, wie viele andere, habe ich auch gezeichnet. Manchen wurde das ausgetrieben, mir nicht. Und ja, das gab dann unterschiedliche Augenblicke, die mich besonders provoziert haben. Aber darauf zu antworten – im Sinne auch von Verantwortung – und das mit verschiedensten Möglichkeiten – mit Worten, mit Handlungen, mit Bildern oder Aktionen, das mache ich schon seit Jahren, Jahrzehnten. Die Kunst ist für mich eine Möglichkeit, etwas sichtbar zu machen, was man sonst so nicht sieht. Sie bietet die Möglichkeit, genau hinzuschauen, noch einen zweiten oder dritten Blick draufzuwerfen. Irgendjemand sagte mal: »Kunst kann die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellen.« Entstellen von den Vertuschungen, Verdeckungen, Vorbauten und Vorhängen. Das tue ich mit Lust und mit Freude und ich sehe, dass man darüber Menschen erreichen kann.“ 

Das alles klingt sehr bescheiden angesichts der Fülle an Projekten, Aktionen und Werken, die Kastner initiiert, geschaffen und realisiert hat. Viele eint der Akt der Zivilcourage. „Leiden hat ein Recht auf Ausdruck“, so seine Worte, denen er stets Taten folgen lässt, die nicht allen in den Kram passen und das ein oder andere Mal die Polizei und Gerichte beschäftigten. So zum Beispiel, als Kastner mit seinen Studenten in Salzburg ein Zitat Theodor Herzls ergänzte. Das Zitat rühmte die Stadt Salzburg, unterschlug aber Teil zwei, in dem klar wurde, dass Herzl als Jude in Salzburg nicht nur nicht willkommen war, sondern auch als Jurist keine Aufstiegschance hatte. Kastner schrieb den Satz unter die Tafel und wurde prompt wegen schwerer Sachbeschädigung verklagt. Aber er ließ nicht locker und so wurde das Zitat ergänzt, allerdings von prominenter Stelle – dem Gerichtsgebäude – entfernt und irgendwo weitab an einem unbedeutenden Ort wieder aufgehängt.

Viele Arbeiten oder Aktionen Kastners kreisen um das Thema, wie man mit Geschichte umgeht. Auf die Frage nach aktuellen Projekten, antwortet er: „Momentan geht es darum, nochmal die Freiheiten, die vor hundert Jahren durch den Einsatz vieler Menschen nach dem 1. Weltkrieg entstanden sind, durch die Revolution, durch die Beendigung des Krieges, durch den Friedenswillen – das wirklich auch entsprechend zu würdigen. Also die Frauen und Männer auch mit Namen zu nennen. Die, die mit Demokratie Geschichte geschrieben haben. Geschichte ist ein Teil der Gegenwart und so wie wir mit der Geschichte umgehen und sie uns bewusst machen, dass sagt viel über unsere gegenwärtige Situation aus. Sie bietet aber eben auch die Möglichkeit, eine Zukunft zu schaffen, die besser wird. Natürlich wird es eine Aktion für Kurt Eisner geben. So, wie es wieder ein Erinnerungszeichen zur Bücherverbrennung geben wird. „Und ich bereite eine Ausbildung vor. Da ergibt sich immer ganz viel und ich weiß immer noch gar nicht, was alles noch kommt. Es geht eben auch um den Flächenfraß, um die Betonierung unserer Welt, um Lebensräume – wir richten uns die Welt mit Beton so zu, dass da für die Artenvielfalt einfach nichts mehr übrig bleibt. Da wird es wohl auch eine Ausstellung geben. Dann male ich ja auch Bilder und den wunderbaren Satz von Hannah Arendt „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ nehme ich als Grundlage für meine „Werkstatt des Ungehorsams“. 

Werkstatt des Ungehorsams

Ein Ort, wo man Ungehorsam lernt? „Ja, eigentlich war es erst die „Schule des Ungehorsams“, aber die ist schon von Gerhard Haderer belegt, also habe ich mich für Werkstatt entschieden – das ist auch ebenerdiger und gleichberechtigter. Es gibt ja keinen Lehrer oder Schüler, sondern wir erarbeiten uns Möglichkeiten, wie wir uns gegen alle möglichen Übergriffe und Machtansprüche zur Wehr setzen können und mit Humor und Lust unsere Zukunft gestalten. Wir sind der Souverän in einer Demokratie. Das haben noch nicht alle verstanden, es wird einfach noch ganz viel Untertanen-Geist verlangt. Das Wirken von Institutionen und so weiter, das haben wir nicht nötig. Wir haben alle von klein auf nur den Gehorsam gelernt – in der Schule, in den Berufsausbildungen, in den Universitäten usw. Da gibt es zwar mal kleine Rebellionen, aber im Prinzip, wenn wir denn in die Situation kommen, dass wir nicht folgen, dann wissen wir oft gar nicht, wie man das machen kann ohne in einen verhärteten Konflikt zu geraten. Wir sehen das ja jetzt gerade bei den Schüler-Protesten. 

Und wie kann ich mir das vorstellen? 

„Es ist so gedacht, dass die Werkstatt ganz viele interdisziplinäre Kooperationen beinhaltet. Zusammenarbeit von Psychologen, Schauspielern, Künstlern, Juristen, Pädagogen. Ungehorsam muss man üben. In Rollenspielen zum Beispiel. Oder durch Vorbilder. Paradoxe Interventionen sind zum Beispiel ein Weg, jemanden aus dem Konzept zu bringen. Oder Zeitverzögerungen. Aber das haben wir so ad hoc nicht drauf. Und ja, natürlich kann Kunst das. Auch das Sichtbarmachen von Menschen, die sich hingestellt und gesagt haben: »Nein, ich mache da nicht mit!«, ist ein Lernmodell. Wir lernen ja durch Nachahmung. Und es gibt so große und gute Beispiele von großen Menschen, die oft vertuscht werden. Menschen, die sich nicht kleinmachen ließen, sondern sich gewehrt haben. So wie meine Großmutter.“

Was sagen Sie denn zu der Aktion „Friday for future“, wo die ersten Rufe schon ertönen, dass man die Schüler bestrafen sollte, weil sie die Schule schwänzen? 

„Ich meine, die Unterdrückung ist ja eigentlich noch viel perfider geworden, als sie vor 50 Jahren war. Wir unterliegen viel mehr scheinbaren Sachzwängen, das Strukturelle wird immer unpersönlicher. Den nächsten Generationen steht viel bevor. Sowohl was die Gestaltung der Welt betrifft, als auch das Klima – das geht ja weiter über das Wasser, die Luft, über die Lebensverhältnisse, über die Wanderungsbewegungen in der Welt, die Verteilung von Armut und Reichtum. Das alles eskaliert und spitzt sich immer mehr zu. Die Schüler sind im Grunde genau meine Zielgruppe. Mein Anliegen ist doch, ein bisschen dazu beizutragen, dass sie sich auch wehren können oder besser: noch geschickter wehren können. Ihre Zukunft und die Gestaltung in die Hand nehmen, Nein sagen, wenn es notwendig ist und Ja sagen, wenn es notwendig ist. Ich hoffe ja, dass sich die Werkstatt des Ungehorsamsausweitet. Dass alle möglichen Institutionen das aufgreifen. Dass sie sich vor allem weit über München hinaus ausbreitet. München ist ja für mich auch so ein bisschen ein Zentrum der Finsternis. Wenn man sich allein anschaut, wie viel Rüstungsproduktion oder reaktiven Konservativismus wir hier in der Gegend haben. Aber das ist ja nicht nur auf die Stadt beschränkt. Das gibt es überall und darum ist es überall notwendig, etwas zu tun, also Aufbrüche zu ermöglichen und dazu beizutragen. Das müsste in ganz Europa, in der ganzen Welt geschehen.“

Aber ist es nicht so, dass es Regeln braucht, um unsere Gemeinschaft zu organisieren oder überhaupt am Leben zu halten? Würden wir sonst nicht im Chaos versinken?

„Uns wird ja meistens etwas aufoktroyiert. Ich glaube, Gustav Landauer hat mal gesagt: Ein Begriff, der wunderbar ist: »Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft.« Wir schaffen uns also die Ordnung selber, aber wir lassen sie uns nicht von irgendwelchen Konzernen, irgendwelchen Geheimbünden oder irgendwelchen Hinterzimmerdemokratien, Lobbyberatungen im Vorraum des Parlamentes aufoktroyieren, sondern wir gestalten uns unsere Welt gemeinsam selber. Das sind unsere Regeln, die wir schaffen. Dann ist es kein Gehorsam, sondern wir sagen: »Wir wollen in dieser Form zusammenleben.« Dann ist es unsereGesellschaft, unsereForm von Freiheit, Gestaltung.  Eben nichts, was von oben kommt, von irgendwelchen wirtschaftlichen, militärischen, nationalistischen Kräften, die von uns Gehorsam erwarten.“ 

Brauchen wir denn keine Hierarchien?

„Nein. Sie abzubauen ist eine ganz wichtige Geschichte. Man muss die Potentiale der Menschen kombinieren, Wir müssen auf Augenhöhe agieren, nicht von oben herab. Die Menschen werden heute eingespannt, ausgenutzt, benutzt. Ich empfinde auch dieses ganze Fachidiotentum, diese Spezialisierungen als eine Katastrophe. Wenn heute Juristen ausgebildet werden, die haben weder von Psychologie noch von Geschichte überhaupt nur eine Ahnung. Die Psychologen müssten eigentlich die Lebenswelt derer, die zu ihnen in die Praxis kommen, auch wirklich erlebt haben. Und dies alles zusammen – vor allem auch die Sinnlichkeit, die Sinnlichkeit der Kunst, der Musik, der Sprache, der Bilder – all das gehört alles zusammen. Wenn wir damit arbeiten, entfalten sich Potentiale und Möglichkeiten von selbst. Dann braucht es keinen Boss. Ich würde mir wünschen, dass wir uns wirklich gemeinsam für Frieden, Freiheit und Lebensrechte für alle einsetzen und dass uns das gelingt. Aber wir müssen es eben selber tun. Da hilft uns wohl kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser. Die Erlösung muss von uns kommen.“ 

Am Ende interessiert mich noch eine Frage, die mich immer umtreibt, wenn ich Menschen erlebe, die sich wie Kastner gefühlt ein Leben lang für Gerechtigkeit einsetzen. Ich will wissen, wie es ihm damit geht, wenn er sieht, dass wir wieder Nationalstaaterei zurückfallen, die AfD in einigen Landesteilen immer stärker wird und selbst Konservative immer weiter nach rechts rücken. Was macht das mit ihm persönlich? 

„Ich bin schon immer ein gemäßigter Optimist gewesen, nie einer, der sein Gegenüber bewertet hat. Ich habe auch die 68er nicht überbewertet. Für mich ist klar, dass der Nationalismus nie weg war. Wenn ich mir das anschaue, dieses Nazigehabe, diese Strukturen, all das war nie weg. Das war nach 1945 noch so stark in allen Strukturen verankert – in den Gerichten, in den Hochschulen, in den Kliniken, Universitäten usw. Es gibt heute andere Formen des Nationalismus, andere Formen des Rassismus als damals, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob es wirklich mehr geworden ist, es ist eher anders geworden. Es haben sich aber auf der anderen Seite viele Chancen entwickelt, wie Menschen damit umgehen können. Wir können Informationen sehr viel schneller und besser austauschen, als das früher möglich war und ich sehe das Glas nicht halb leer, sondern halb voll und denke, es steht, wie man sagt, zwar Spitz auf Knopf oder auf Messers Schneide, aber das hat mit uns zu tun – die Chancen und Möglichkeiten, das zu ändern, haben wir. In der Zeit des kalten Krieges gab es mehrfach die Gefahr, dass die Welt durch Atombomben vernichtet wird. Was heute ist, ist nicht besser, aber auch nicht schlechter. Wir können etwas tun, wir können es aufhalten, etwas verbessern, es kann aber auch sein, dass es uns nicht gelingt. Na gut, dann nicht, dann war es zumindest der Versuch. Ich sehe aber, dass ganz viele Menschen positiv bei Aktionen, oder wenn ich irgendwo einen Vortrag halte, oder mit jungen Menschen spreche, reagieren. Wir haben die Möglichkeit, Menschen für eine positive Entwicklung und Zukunft zu gewinnen. Solange ich atme, hoffe ich. Ich habe vor Kurzem einen Satz von Oscar Wilde gelesen: »Aller Fortschritt wurde durch Ungehorsam ermöglicht«. Das fand ich wunderbar. Mit Humor eine bessere Zukunft gestalten. Nicht verbittert, nicht verbiestert, nicht belehrend oder fanatisch, sondern beständig, lustvoll, offen. Dann gelingt es. 

So wie Kurt Eisner?

Ja. Ein großes Vorbild, dem ich mit meiner Stiftung immer wieder ein Denkmal setze, wenn es schon die Stadt München nicht schafft.



Text und Foto: Jeannette Hagen




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