Dienstag, 15. Januar 2019

Liebe wirkt!

Vor ein paar Tagen saß ich mit Sabine Asgodom zusammen und plauderte mit ihr über dies und das. Ich erzählte ihr davon, dass ich einen Vortrag darüber vorbereite, in dem es darum geht, wie einfach und gleichzeitig doch schwer es sei, sich bei allen Entscheidungen, vor denen man steht – ob es um große Schritte oder etwas Alltägliches geht, die einfache Frage: „Was würde die Liebe tun?“ zu stellen und auch danach zu handeln. Zwei Bemerkungen, die sie dazu machte, sind mir im Gedächtnis geblieben.


Zum einen erwähnte sie, dass sie bei ihrer Arbeit als Rednerin spürt, dass Themen wie Seele, Träume und Liebe derzeit ihren Weg raus aus der „verweichlichten Ecke“ oder schlimmer noch, der „esoterischen Nische“, hinein in die Wirtschaft und die Köpfe all jener finden, die vor ein paar Jahren noch verächtlich den Kopf geschüttelt haben, wenn man einen Vortrag oder ein Seminar anbieten wollte, in dem solche Begriffe auftauchten. „Man wurde angestarrt wie ein Außerirdischer oder eben als Sonderling belächelt.“ Ich musste schmunzeln und erzählte ihr die Anekdote von dem PR-Mann, der ein Buch von mir bewerben sollte, in dem der Satz „Was würde die Liebe tun?“ schon auftauchte und der zu mir sagte: „Haben Sie ein Problem damit, das Weichei in einer Talkshow zu sein?“

Nein, hatte ich nicht, denn unabhängig von jedem Trend, glaube ich schon lange daran, dass in zukunftsfähigen, gesellschaftlichen oder globalen Lösungen – egal ob es um unsere Umwelt, um die Wirtschaft oder um Konflikte geht, die Liebe eine zentrale Rolle spielen wird. Weit größer, als wir uns das derzeit vorstellen können. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, eine Zukunft, die die Liebe außer Acht lässt, ist schlicht unmöglich. Es wird dann keine Zukunft mehr für uns geben. Die meisten von uns ahnen zumindest bereits, wie ein liebloses „Weiter so“ enden wird. Vor ein paar Jahren konnte man dem noch ausweichen. Diejenigen, die gewarnt haben, als verblendete Spinner oder Wattebauschwerfer verunglimpfen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Klimawandel ist kein Wandel mehr, der uns irgendwann mal ereilt. Wir stecken mittendrin. Die Schere, die zwischen arm und reich entstanden ist, wird immer weiter auseinanderklaffen und die Menschen werden mehr und mehr den Sinn ihres Daseins verlieren, obwohl ihre Häuser, Wohnungen und Leben vollgestopft sind mit allen Annehmlichkeiten, die man sich wünschen kann. 

Was zu beweisen wäre...

Trotz aller Wahrheit bleibt das mit der verlorenen Zukunft natürlich eine These, die es zu beweisen gilt. Aber Liebe beweist nicht. Das unterscheidet sie von rationalen Argumenten. Liebe muss man fühlen. „Hass ist krass, Liebe ist krasser“, sagt der Volksmund, und das führt mich gleich zu dem zweiten Argument, das meine Gesprächspartnerin einwarf. Entscheidungen, in denen echte Liebe steckt, sind oft weit weniger romantisch, als wir uns das vorstellen. Manchmal sind sie knallhart und wenn man sie von außen betrachtet, würde man kaum auf die Idee kommen, dass sie aus Liebe getroffen wurden. Zum Beispiel, wenn Eltern drogenabhängiger Kinder den Kontakt abbrechen. Wenn die Ehefrau den dementen Mann in eine Pflegeeinrichtung gibt und weiter hart dafür arbeitet, dass der Lebensstandard gehalten werden kann, statt ihn aufopferungsvoll zu Hause zu pflegen. Wenn ein Unternehmen auf einen lukrativen Auftrag verzichtet, weil er nicht zu den Werten passt. Oder wenn Eltern ihrem Kind Grenzen setzen, auch wenn es ihnen das Herz bricht, weil das Kind tobt und schmollt. Würde die Liebe nicht sagen, dass man seinen Mann pflegen muss? Würde die Liebe nicht sagen, dass man Kindern jeden Wunsch erfüllen, immer an ihrer Seite sein muss? Würde die Liebe nicht zuflüstern, dass ein guter Auftrag das Bestehen des Unternehmens sichert? Nein, aber in dieser Annahme steckt einer der großen Irrtümer unserer Zeit. Liebe ist selten das, wofür wir sie halten. Wie das kommt? An unserem Umgang mit ihr. Wir haben sie verdammt, romantisiert, lächerlich gemacht. Das hat sie zu einem Unikum werden lassen, von dem wir nicht mehr so recht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Wir trauen ihr nicht mehr über den Weg, heben sie auf einen Sockel, beten sie an oder verunglimpfen sie und scheitern beharrlich bei jedem Versuch, uns tief auf sie einzulassen und ihre Botschaft zu beherzigen. Ein anderer Aspekt ist, dass gerade in der sogenannten westlichen Welt Angst das dominierende Gefühl ist. Angst vor Krankheiten, vor sozialem Abstieg, vor einem Jobverlust, vor Terror, davor, sich lächerlich zu machen oder einen Fehler zu begehen. Diese Ängste führen meist Scham im Gepäck mit und der Cocktail aus Hormonen, der dadurch entsteht, sorgt in unserem Kopf und Körper dafür, dass Liebe keinen Platz hat.

Ist es Liebe?

Auf die Frage, was Liebe denn überhaupt ist, gibt so viele Antworten, wie das Universum Sterne hat und die Frage, warum man darüber einen Vortrag halten muss, ist durchaus berechtigt. Die Antwort, die ich darauf habe, kommt mehr aus meinem Herzen, als aus dem rationalen Verstand. Sie operiert genau auf der Ebene, auf der das Thema liegt: Ich fühle es und dieses Gefühl nehme ich ernst. Es bringt mich zu der festen Überzeugung, dass die Zeit reif ist, die Liebe neu zu entdecken. Sie als eine Kraft anzuerkennen und zu begreifen, die das Potential hat, uns in die Zukunft zu führen. Schauen wir uns doch mal um. Ist es Liebe, einen LKW mit Schweinen zu beladen und mit ihnen bei Hitze durch halb Europa zu fahren? Ist es Liebe, Waffen zu produzieren und auf andere zu richten? Zeugt es von Liebe, immer noch mehr in Plastik verpackte Billigprodukte in die Supermärkte oder Kaufhäuser zu stellen, die ein paar Monate später irgendwo im Pazifik schwimmen, von Meerestieren gefressen werden, die elendig daran zu Grunde gehen? Ist es ein liebevolles Gefühl, von Kinderhänden genähte Massenware online zu shoppen und sie dann Paketweise zurückzuschicken? Ist es Liebe, Menschen auszugrenzen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, eine andere Sprache sprechen? Und sind wir voller Liebe, wenn wir die Augen vor all dem verschließen oder diese berechtigten Fragen als die Hirngespinste eines Weichei’s oder einer linksversifften Träumerin abzutun?

Meine Botschaft lautet daher: Wenn wir glaubwürdig sein wollen, authentisch und wirklich an der Zukunft dieser Erde interessiert, dann haben wir gar keine andere Wahl, als uns auf etwas zu besinnen, das tief in uns verwurzelt ist. Das wir – warum auch immer – verloren haben. Vielleicht hatten wir auch nie den Mut, den Schatz richtig zu heben. Wenn wir nach Erfüllung, nach Glück, nach Sinn streben, dann sind es nicht die Dinge im außen, die uns das geben werden. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir das. „Der Chef von Morgen werde nicht mehr von oben nach unten gucken.“, so Professor Gerald Hüther nach einer Keynote. „Er wird aus der Perspektive der Mitarbeiter schauen, was diese brauchen. Dann wird er ein Ermöglicher sein. Und ein Ermöglicher ist ein Liebender.“

Es ist, was es ist...

Das bedeutet, dass Menschen, für die Liebe bisher etwas war, das sich darin erschöpft hat, einen Mann oder eine Frau zu heiraten, ihren Kindern ab und an über den Kopf zu streicheln und ihre Erfahrungen mit der Liebe sich ansonsten auf den ein oder anderen, ihrer Ansicht nach „schwachen Moment“ stützen, werden neu erfahren müssen. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Erstaunlich, dass genau in dieser Selbstverständlichkeit die größte Herausforderung steckt. Meistern wir sie, öffnet sich genau jenes Universum der Möglichkeiten. Dann erkennen wir, dass Liebe unsere Natur ist. Dass sie in allem steckt: in jedem Blatt, in jedem Augenblick – selbst wenn er nach unserer Bewertung unglücklich ist. Dass sie tief in uns verwurzelt ist, und dass wir nicht weniger taff, ambitioniert oder geschäftstüchtig sind, wenn wir ihr zu gegebener Zeit gestatten, das Ruder zu übernehmen. 
Ohne die umfassende Liebe zu allen Wesen, zur Natur und zu unserem Sein wird unsere Spezies den Bach runtergehen, denn Künstliche Intelligenz oder digitaler Fortschritt werden uns zwar technisch weit nach vorn bringen, emotional lassen sie uns verkümmern. Brechen wir endlich mit der Gleichung, dass Liebe kontra Vernunft, Geschäftssinn, Karriere, Vermögen steht. Bringen wir den Mut auf, den es braucht, das Risiko Liebe einzugehen, denn ein Weg ohne Liebe führt uns möglicherweise durchs Leben, allerdings ohne, dass wir auch nur die leiseste Ahnung davon bekommen, wie unendlich berührend, voller Fülle, voller Gnade dieses Leben ist.

Keine Kommentare: