Samstag, 3. November 2018

Ein göttlicher Plan

Gestern Abend war ich bei Hagen Rether. Fast vier Stunden hat er den Finger in die klaffenden Wunden unserer Zivilisation gebohrt, dem Publikum den Spiegel vorgehalten, keine Ebene ausgelassen. Das Resümee des Abends: Wir alle tragen die Verantwortung. Knallhart. Keine Ausrede. Nix zu beschönigen. Nichts, hinter dem man sich verstecken kann. So weit.


Man hört das, trinkt in der Pause seinen Wein, applaudiert am Ende, fährt heim und während man in seinen weichen Kissen liegt, überlegt man noch kurz, was das alles bedeutet. Als ich heute Vormittag mit vielen anderen Waldbesitzern in dem großen verbrannten Waldstück bei Jüterbog stand, legten sich Nachtgedanken und Realität übereinander. 

Der Mensch ist ein Verdrängungstier. Nichts fällt uns leichter, als Verantwortung von uns wegzuschieben. Plastik im Meer? Sind doch die anderen. Schnee im Oktober auf Malle? Gab’s bestimmt schon mal. Ein Waldbrand, der fast 400 Hektar vernichtet hat. Na ja, passiert halt. Seit April 2018 fast kein Regen in Brandenburg oder anderen Landesteilen? Ja, trocken halt. Nächstes Jahr wird es besser. 

NEIN.


Es wird nicht besser. Im Gegenteil. Ein Blick auf eine Klimaverlaufstabelle reicht, um zu sehen, dass es Augenwischerei ist, zu behaupten, dass das nur normale Ausschläge sind. Der Klimawandel steht nicht vor der Tür. Es ist nicht Fünf vor Zwölf. Es ist JETZT. Und es nimmt uns auch niemand die Bürde ab, dass wir an diesem Giftcocktail, der die Natur krank und kaputt macht, mitgemischt haben. Wir haben es verkackt. Man (wer auch immer das ist) hat uns eine Heimat geschenkt, die so schön ist, dass es einem den Atem verschlägt. Und was machen wir damit? Wir ruinieren sie. Wir beuten sie aus. Wir latschen auf ihr herum, als ob es Müll wäre. Wir denken nicht daran, was nach uns kommt. Unsere Kinder und was sie erleben werden, ist uns scheißegal. In 20 Jahren wird es kaum noch Singvögel geben. In 20 Jahren. Da ist meine Jüngste 31. Schämen wir uns eigentlich? 

Ich bin keine Pessimistin. Ich halte es wie Rether, der sagt: Wenn du es morgens bis ins Bad geschafft hast, kannst du kein Pessimist sein. Bei mir geht es noch weiter: Als ich heute Morgen inmitten von verbrannter Erde ein paar grüne Grashalme gesehen hab, kullerte mir ein Tränchen über die Wange. Was für eine Kraft die Natur doch hat. Dass sie nach diesem verheerenden Feuer am Leben festhält. Sie wird sich erholen. Wenn wir die Finger von ihr lassen würden, gäbe es einen Neuanfang auf ihre Art. Aber wir sind nun mal verbunden und könnten so viel von ihr lernen. 

Das Problem ist, dass wir im letzten Jahrhundert den Blick für das Ganze verloren haben. Wir haben seziert, die Details betrachtet, alles zerlegt, um die Einzelteile zu verstehen und dabei das Große Ganze aus unserem Sehfeld geschoben. Blöde Kiste, denn Ökosysteme sind nun mal ein Konglomerat von Millionen Einzelteilen, die zueinander und miteinander in Beziehung stehen. Genau wie wir Menschen. Du kannst dich nicht wie eine Drecksau benehmen und erwarten, dass das keine Auswirkungen auf dein Umfeld hat. Auch ein Staat kann sich nicht wie eine Drecksau benehmen und meinen, dass das alles innerhalb seiner Landesgrenzen bleibt. Man kann auch nicht erwarten, dass es einen nicht irgendwann selbst trifft. So wie Ferrero, die fleißig Regenwälder für ihr Palmöl abholzen lassen und nun Probleme bekommen, weil die Haselnussernte in der Türkei aufgrund des Klimawandels nicht mehr so üppig ausfällt.

Der schönste Moment heute war, als wir vor einem Ameisenhaufen standen, der keiner mehr war, sondern aussah wie ein Bombenkrater. Auf den ersten Blick tot. Auf den zweiten jedoch voller Leben. Viele kleine Ameisen, die gemeinsam daran arbeiteten, ihr Zuhause wieder aufzubauen. Hand in Hand sozusagen. Wir sollten es ihnen gleichtun. Es muss nicht erst das große Feuer kommen. Wenn wir uns vorher eingestehen, dass wir die Verursacher der Katastrophe sind, ist schon viel gewonnen. Und wenn wir verstehen, dass nur wir es in der Hand haben, den Schalter umzulegen.

Natürlich fühlt sich das erst einmal nach Verzicht an. Wenn wir aber erkennen, dass Verzicht ein Luxus sein kann, dass “etwas nicht zu haben” geiler als Geiz ist, dann ist es geschafft. Ich glaube daran, dass es geht. Wie bei meinem Wald. Auch wenn die Bäume tot sind, abgeholzt werden müssen, momentan alles so schrecklich leblos aussieht. Unter der Oberfläche tobt das Leben und das zählt. Die Natur hat keinen DIN-genormten Bauplan. Sie folgt einem – nennen wir es mal schnöde: Programm. Man könnte auch sagen: Sie folgt einem göttlichen Plan, aber ich weiß, dass das vielen zu esoterisch klingt. Vielleicht ist genau das das Problem. Vielleicht sollten wir uns ab und zu mal demütig verneigen vor diesem Plan und Danke sagen. Und dann schauen, wie wir uns in diesem Plan einbringen können. Oder, wie Hagen Rether am Ende seiner Show sagte: "Seien Sie gut zu Ihren Kindern!"

Starke Natur

Der Ameisenhaufen, der keiner mehr ist.




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