Dienstag, 20. November 2018

Anständig und ordentlich

Neulich habe ich mir den TEDx Vortrag einer jungen Frau angeschaut, die 1991 mit ihren Eltern aus China nach Deutschland geflüchtet ist, weil die Familie politisch verfolgt wurde. Unter dem Video stand neben vielen anderen auch folgender Kommentar: "wohlstandflüchtlinge flüchten um die halbe welt um das zu bekommen was andere erarbeitet haben und stehen dann auf einer bühne anstatt zu arbeiten" Ich will gar nicht auf das unterirdische Niveau des Kommentars eingehen, mich interessiert der letzte Teil des Satzes, bei dem das Halten eines Vortrags in Kombination mit der außergewöhnlichen Lebensgeschichte der jungen Frau sozusagen als "nicht wert" diskreditiert wird.


Diese Haltung, Menschen für ihre ungewöhnlichen Lebensläufe oder für eine Tätigkeit, die vom normalen nine to five Job oder dem Rentenlebenskonzept abweicht, herabzusetzen oder anzuprangern ist etwas, das mir nicht nur im Kontext von Kommentaren aus der rechten Ecke häufig begegnet. Vielfach kommt es von all jenen, die den neoliberalen Lebensstil tief verinnerlicht haben. Von Menschen, für die nur eins zählt: messbare Leistung in Form von Prestige, Kontostand oder Posten. Und es kommt von Politikern, die alles, was links ist und dort verortet man jene, niedermachen. Es kommt von Menschen, die selbst auf irgendeine Art gescheitert sind und das eigene Scheitern auf andere projizieren. Bevorzugt auf die, die frei arbeiten, die für sich andere Lebenskonzepte gefunden haben –  Künstler, Schriftsteller, Aussteiger, Kreative oder solche, die eben einfach nur anders sind, sich nicht anpassen wollen, in keine Form pressbar sind. 

Ich habe mich oft gefragt, was hinter dem Bashing steckt und erkenne eine Ursache darin, dass viele, die so agieren, nie die Chance hatten, sich und ihr Wesen wirklich zu entdecken, sondern stattdessen auf ausgetretenen aber bekannten Wegen stampfen und sich vor allem, was links und rechts am Wegesrand steht, am meisten aber vor dem, was ihnen von sich selbst unbekannt geblieben ist, fürchten. Sie bezeichnen die anderen als weltfremd, sind es aber eigentlich im Kern selbst, denn ihre Wahrnehmung beschränkt sich auf Bekanntes und auf das, was man messen kann.

Diese Haltung überwiegt in unserer Gesellschaft. Wenn nicht selbst verkörpert, dann doch zumindest gebilligt. Und diese Haltung ist der Grund, warum wir heute dort stehen, wo wir stehen. Mitten in einer Klimakatastrophe, mitten in einer gespaltenen Gesellschaft, mitten in einer Albtraum, wenn man sich mal all die Kaiser mit ihren neuen Kleidern an den Spitzen der Weltpolitik anschaut. Und warum das alles? Weil die Menschen sich zunehmend von ihrem Wesen abspalten und weil daraus folgend denen nicht zugehört wird, die nicht abgespalten sind, die neue Visionen haben, die anders, vielleicht sogar revolutionär oder wie Robert Habeck es sagt, radikal anders denken. Die meisten laufen stattdessen denen hinterher, die die alten Pfade immer wieder neu verkaufen. 40 Prozent der Deutschen könnten sich laut einer Umfrage eine autoritäre Führung vorstellen. Das bedeutet, dass sich fast die Hälfte in unserem Land nach einem Anführer sehnt, einem, der sagt, wo es lang geht. Der die Wege glatt bügelt und alle, die anders denken, ausradiert oder zumindest diszipliniert. Das bedeutet aber auch, dass viele wohl immer noch nicht reif für die Freiheit ist, die uns Menschen geschenkt wurde. Aber Hauptsache, es geht ordentlich zu. 

In dem Film Linie 41 von Tanja Cummings, gibt es eine Szene, in der Jens-Jürgen Ventzki, Sohn des einstigen Oberbürgermeisters von Litzmannstadt/Łódź, erzählt, dass seine Mutter immer bekräftigt hat, dass sie ja – und damit schloss sie alle Nazis ein – anständige Leute wären. Grundanständig sogar. Ähnliches kann man heute hören, wenn man Anhänger der AfD oder Mitläufer von Pegida interviewt. 

Wenn das anständig ist, dann will ich nie anständig sein. Oder, wie es die Sängerin Sarah Lesch in ihrem Song "Testament" singt: "Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd." Haben wir doch endlich den Mut, diesen Wahnsinn, den wir hier fabrizieren, zu stoppen. Wie? Indem wir ein Stückchen abrücken von allem und wirklich fühlen, was hier passiert. Nicht nur sehen oder hören, sondern spüren. Indem wir uns erlauben, Ängste zu artikulieren. Indem wir uns gestatten, uns selbst zuzuhören, zu ergründen, was wir wirklich wollen und wer wir eigentlich sind. Und vor allem, indem wir jenen zuhören, die abseits der eingetretenen Pfade stehen, erfahren darin sind, andere Konzepte zu leben und schon seit einer ganzen Weile vergeblich danach rufen, endlich gehört, statt diskreditiert zu werden. All das erfordert Mut. Aber der ist ein Kinderspiel gegen das, was uns erwartet, wenn wir weiter anständig und ordentlich sind.

Danke an Paul Hermann, der mir sein urbancutting als Titelbild zur Verfügung gestellt hat. Ihr findet ihn auf Instagram unter @urbancuttings

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