Freitag, 16. November 2018

Die Beweger – heute: Eugen Drewermann

Eugen Drewermann ist verehrt und umstritten gleichermaßen. Von den einen als Antisemit beschimpft, weil er Israels Siedlungspolitik kritisiert, von den anderen für seine klare Haltung gegenüber der NATO kritisiert oder gelobt, von der Kirche ausgeschlossen, steht er ansonsten für vieles, was gerade jetzt notwendig und richtig ist, ein. Unermüdlich setzt er sich für Frieden ein, ermutigt Menschen in seinen Vorträgen, ihre Selbstliebe zu finden, erinnert die Kirche an ihre Verantwortung. 


Das erste Mal habe ich Eugen Drewermann bei einem Vortrag anlässlich eines Symposiums zum Thema „Freiheit, Schuld und Verantwortung“ erlebt. Nachdem er zwei Stunden ohne Skript gesprochen hatte, konnte das Publikum Fragen stellen. Ich dachte, jetzt kommt das, was man kennt – einer fragt und der Referent antwortet. Nicht so bei Drewermann. Er sammelte alle Fragen und beantwortete sie in einem Stück. Er hat nicht eine ausgelassen, nichts vergessen.

Drewermann ist 1940 geboren und wenn man ihn anschaut, dann blitzt in den Augen eine Kraft, die für ein weiteres Leben reichen würde. Anders ist das, was er leistet, wohl auch nicht zu bewältigen. Über 80 Bücher hat er geschrieben, unzählige Vorträge gehalten und der deutschen Friedensbewegung ein Gesicht gegeben. Es würde unendlich viele Seiten füllen, all das aufzuschreiben, was er an klugen Gedanken in die Welt gebracht hat. Seine Gedanken zur Gesellschaft und zu den Haltungen der Kirche rufen immer wieder Kritiker auf den Plan, doch selbst denen fällt es schwer, sich der stichhaltigen und fundierten Logik eines Mannes zu entziehen, der die Psychologie in die Politik holt, der die menschlichen Unbilden mit Hilfe von Märchen verdeutlicht und in seiner Art zu sprechen, bei aller Kritik doch immer den warmen Mantel der Liebe und Empathie für alles Menschliche ausbreitet. 

Ich treffe Eugen Drewermann in einem Hotel Paderborn – seinem Büro. Der Legende nach besitzt er selbst keinen eigenen Computer, keinen Fernseher, nicht einmal ein Kühlschrank soll in seiner Wohnung stehen. Ob es stimmt? Wer weiß. Mich interessiert viel mehr, ob ein Mann wie Drewermann, jemand, der sich mit so viel Leidenschaft und Herzblut für Aufklärung und Veränderung einsetzt, nach all den Büchern, nach den vielen Vorträgen und seinem Engagement das Gefühl hat, wirklich etwas bewegt zu haben. Ich denke bei der Frage auch an mich selbst und daran, wie ausgelaugt ich mich manchmal fühle, wenn ich sehe, dass die Welt sich in eine Richtung dreht, die meinem Empfinden oder meinen Wünschen so entgegengesetzt läuft. Eigentlich erwarte ich so etwas wie ein bisschen Resignation oder Traurigkeit, aber weit gefehlt.

„Es geht mir überhaupt nicht darum, etwas zu bewirken. Also im Sinne von: die Kirche oder die Gesellschaft zu reformieren. Ich bin Seelsorger und Schriftsteller. Wenn es mir überhaupt um etwas geht, dann um die Wahrheit und darum, Menschen zu begleiten. Die meisten Menschen, die meine Bücher lesen, fühlen sich verstanden, sind also nicht mehr allein. Das sind die Effekte, die ich auch in den Vorträgen in die Öffentlichkeit bringe und das Ergebnis ist ähnlich, wie bei den Büchern. Die Menschen fühlen sich in ihrem eigenen Denken unterstützt und haben dann hoffentlich den Mut, ihren eigenen Gedanken und Gefühlen zu vertrauen. Das ist auch eine andere Sprachform, bei der es weniger um Einsicht geht, als vielmehr darum, zu appellieren. Und selbst wenn das alles keinen Erfolg hätte, würde ich damit weitermachen. Das, was ich für wahr halte, auszudrücken. Das ist meine Motivation und es ist auch mein Motor. Ich lasse mich auf Menschen ein, kann mich aber nicht damit begnügen. Ich habe erkannt, wie viele Probleme von der Kirche gemacht sind. Dort scheint es mehr um Machtfragen zu gehen, als darum, dass die Gläubigen Teilhabe haben. Ähnlich beim Staat. Unser Wirtschaftssystem ist an einer Katastrophe unglaublichen Ausmaßes schuld und wir bekommen von Angela Merkel trotzdem weiter Wachstumsideologien gepredigt. Die Wirtschaft drückt immer stärker auf die Wunde der Welt. Da ist die Klimakatastrophe nur ein Beispiel von vielen. Oder nehmen Sie das Wort „Antiterrorkrieg“. Es ist mittlerweile ein ganz selbstverständliches Wort, mit dem ein Krieg nach dem anderen angezettelt wird. Afghanistan, Syrien, Irak... Überall sind Waffen stationiert. All das muss debattiert werden. Vor allem auch, wie das Volk an der Nase herumgeführt wird."

Er unterbricht für einen Moment und sein Blick geht ins Leere.

"Ich komme nochmal darauf zurück: Wenn Sie etwas „bewirken“ wollen, brauchen Sie ein strategisches Kalkül, Netzwerke, Geldgeber. Wenn wir das nutzen, kommen wir mit jedem Schritt ein Stück von uns selbst weg. Nehmen wir Luther – hätte er vorgehabt, die Kirche zu reformieren, hätte man ihn für größenwahnsinnig gehalten. Ihm lag daran, das, was er verstanden hatte, für die Menschen zu formulieren. Was sich dann daraus ergeben würde, lag in den Händen Gottes. Man hätte Luther auch dafür erschlagen können. Man hat es nicht in der Hand. Luther hat die Welt verändert, weil er den Mut hatte, seine Sache weiterzuführen. Jesus, Sokrates – alles Menschen, die den Mut hatten, das zu sagen, was sie gesehen haben." 

Viele Menschen schauen ja weg und sagen, dass sie als Einzelner nichts ausrichten können. Was erwidern Sie da?

„Das Hauptproblem ist die gefühlte Ohnmacht der Menschen. Bei der Flut an Katastrophen kommen sie sich immer kleiner vor. Natürlich kann man jene fördern und unterstützen, die einem am Herzen liegen, man kann hoffen, aber es bleibt das Empfinden von Unbedeutendheit. Was ich in den Gesprächen versuche, ist, den Menschen ihre Selbstliebe zu vermitteln. Alles andere kommt erst danach. Aber ich möchte immer, dass die Entscheidung bei den Lesern oder Zuhörern bleibt. Moralisieren bewirkt nichts. Es muss aus uns selbst herauskommen. Aus unserer Verbundenheit, aus einer Ethik heraus. Aber ich werde das nicht vorschreiben. Ich bin dagegen, dass man Nerze quält, aber wenn eine Frau ihren Selbstwert daraus bezieht, so etwas geschenkt zu bekommen, dann bitte. Ein Selbstwertgefühl kann wachsen, allerdings nicht, wenn es nicht vorhanden ist. Das Wichtigste ist, dass wir autonom werden, kritisch sind und Verantwortung übernehmen. Wir hätten eine moralische Pflicht, Krieg zu verweigern. Wir sollten heraustreten aus der Masse, selbstbestimmt sein. Jeder von uns trägt in sich einen Ton, ein Wort, einen Inhalt – mit jedem von uns ist etwas gemeint und es geht darum, so zu sein, wie man gemeint ist. Sei, wer Du bist und verschaffe der Lyrik Deiner Seele Gehör.  Man muss nicht dafür kämpfen, in der ganzen Welt gehört zu werden, es geht darum, als Mensch zu sich selbst zu stehen. Denken und Fühlen nicht abzuspalten oder zu trennen, sondern in einer Synthese zu leben. Und wir müssen an Vergebung glauben. Wenn Du den heutigen Tag Revue passieren lässt, dann gibt es bestimmt jede Menge Fehler, die Du gemacht hast. Du kannst sie nicht ändern, aber Du kannst Gott bitten, die Nullstellen auszufüllen. “

Ich halte inne, komme gar nicht so schnell mit dem Schreiben nach, wie Drewermann spricht. Vieles, was er sagt, klingt druckreif. Ich merke, dass ich ihm wie gebannt lausche. Wie damals bei dem ersten Vortrag. Oder dem zweiten in Chemnitz. Anlässlich der Chemnitzer Friedenstage, die ein paar Monate vor dem Aufmarsch und den Ausschreitungen der Rechten stattfanden. Es gibt so Vieles, bei dem mich seine Sichtweise, seine „Wahrheit“ interessiert. Leider haben wir nur eine Stunde, dann will er weiter an seinem neuen Buch arbeiten. Also frage ich ihn etwas, das mich selbst sehr beschäftigt. 


Wir kommen doch alle als liebende Wesen auf diese Welt, warum gibt es dann so viele, die kein Problem damit haben, andere – egal ob Mensch oder Tier – zu erniedrigen oder zu töten? Ich habe neulich jemanden interviewt, der sagte, dass Aggression auch etwas ist, was uns innewohnt und das wir, wenn wir sie verdrängen, als Mensch nicht „ganz“ sind und sich die Aggression dann zerstörerisch auswirkt. Sehen Sie das auch so? Und wenn ja, was wären den Felder, in denen Aggression gelebt werden könnte?

„Die schönste Form der Aggression ist der „abendliche Gesang“ der Vögel. Jeder einzelne macht durch seine Lautgabe deutlich, wo sein Revier ist. Auf uns Menschen übertragen, könnte das bedeuten, dass wenn wir die Chance haben, unsere Bedürfnisse zu artikulieren, es die Verstellung der Wünsche in der Form, wie wir sie leben, nicht geben müsste. Sie haben dann nichts mit Gewalt zu tun, sondern mit Respekt, Berechtigung und Wertschätzung. Die Probleme beginnen damit, dass sich viele seit Kindertagen missverstanden, unterdrückt, gedemütigt und missachtet fühlen. Manche sehen sich dann aus der Verantwortung heraus genötigt, sich mit dem System der Selbsteinschränkung einverstanden zu erklären. Andere rebellieren dagegen und dann kann Widerstand die Form von Gewalt und direkter oder symbolischer Zerstörung des vermeintlichen Gegners annehmen. Aggression ist nach Freud ein ICH-Trieb – in dieser Form geäußert, schafft er Schuldgefühle und ist nicht unproblematisch. Wenn die Durchsetzung gelingt, bildet sich ein Triumphgefühl oder ein „Recht“. Nennen wir es: Das Gefühl als der Stärkere im Recht zu sein. Aber auch die gewalttätige Aggression dient im Grunde der Werbung nach Anerkennung, Bewunderung und Liebe. 

Ja, das leuchtet ein, denke ich. Vieles, das wir heute erleben, hat seinen Ursprung in Kränkungen, individueller und kollektiver. Hilft da ein Gefühl von Heimat? Und was bedeutet das eigentlich für ihn – Heimat?

„Heimat ist der Ort, an dem unsere Ahnen zur Ruhe gebettet wurden. Vertrautheit mit ihrer Kultur, die sich in Praktiken, Bildern, ihren Feiern und Gesängen an einem bestimmten Ort der Welt in einer bestimmten Zeit eingefügt hat. Jenseits von Eden sind wir alle Heimatlose und was wir suchen, findet sich nicht mehr in Raum und Zeit, sondern nur in uns selbst und gegenüber Gott. Historisch und politisch kann Heimat natürlich auch der Begriff für Grenzverschiebungen und Vertreibung sein.“ 

Eine letzte Frage zum Abschluss. Was wünscht er sich für Deutschland?

„Für Deutschland wünsche ich mir den Austritt aus der NATO. Eine Einhaltung des Versprechens der Entmilitarisierung von 1989 an Gorbatschow und die Wahrnehmung unserer Weltverantwortung, von der wir immer wieder sprechen, zur Lösung der wirklichen Probleme dieser Welt: Hunger, Ungerechtigkeit, Überbevölkerung und und und.“

Drewermann schaut auf die Uhr. Unsere Zeit ist um. Er lächelt mich an, reicht mir seine warme Hand zum Abschied und verschwindet hinter dem Empfangsbereich des Hotels. Mir bleibt noch ein wenig Zeit, bevor mein Zug wieder Richtung Berlin fährt und so schlendere ich ein bisschen durch Paderborn und denke: Was für ein weiser und warmherziger Mensch. Ich würde mir wünschen, dass seine Worte und Botschaften viele Menschen erreichen, denn sie sind von etwas getragen, das dieser Welt fehlt: einer tiefen Liebe zum Leben.

Keine Kommentare: