Sonntag, 27. Mai 2018

Warum Nazi sein, wenn man tanzen kann?

"Wir sind die 87 Prozent", steht auf einem Plakat. Die Teilnehmerin, die es hochhält, gehört zu den über 10.000 Menschen, die am Sonntag, 27. Mai 2018 bei "Bass gegen Hass" gegen die AfD und ihre demokratiefeindliche und rassistische Politik demonstrieren. "Ich bin kein linker bezahlter Randalierer - ich bin ein rechter Aktivist" steht auf einem anderen Plakat. Hochgehalten wurde es auf der Demonstration, die insgesamt über 25.000 Berliner Gegendemonstranten auf die Straße gebracht hat. Ich war auf beiden Veranstaltungen, habe mich hier unters "Volk" und da unter die tanzende Menge gemischt und weiß einmal mehr, dass ich nie in einem Land leben wollen würde, in dem die AfD das Ruder übernimmt.


Heiß ist es in Berlin. Die Sonne scheint gnadenlos auf den Vorplatz vom Berliner Hauptbahnhof, während die Demonstranten, die die "Zukunft Deutschlands" bestimmen wollen, sich versammeln. Ich schließe mein Fahrrad an, überlege kurz, ob ich einfach nur von oben, aus dem Inneren des Bahnhofs schaue, oder ob ich mich direkt zu den blauen Luftballons begebe, auch auf die Gefahr hin, dass mich irgendjemand erkennt. Ich entscheide mich für Beides.

Von oben betrachtet, sind es maximal 2.000 Menschen, die sich auf dem Platz aufgereiht haben. Sie schwenken Deutschlandfahnen und brüllen "Merkel muss weg". Die Akustik meint es gut mit ihnen – das Gebrüll ist laut. Lauter, als man es von der relativ überschaubaren Menge erwarten würde. Viele drängen sich noch vom Bahnhof zum Ausgang, es staut sich, jemand von den Organisatoren greift zum Mikrofon und bittet die Demonstranten, ein bisschen mehr Platz zu machen, schließlich sei der Platz ja für 5.000 Menschen ausgelegt. Mittlerweile bin ich mittendrin und merke, wie es mir die Kehle zuschnürt. Ich erkenne einige Gesichter, habe sie auf der Hess-Demo im letzten Jahr gesehen. Stramme Neonazis. Sie überraschen mich nicht. Was mich überrascht, sind jene, die ich auf den ersten Blick nicht für AfD-ler halten würde. Jene, die eigentlich sympathisch aussehen, mit denen man vielleicht ein Bier trinken gehen könnte und die doch eine Minute später mit hasserfülltem Gesicht "Merkel muss weg" brüllen, wenn der Anheizer die Menge in Wallung bringt.

Ich halte das nicht lange aus, schleiche mich wieder aus der Kampf- und Null-Toleranzzone und setze mich einen Moment auf die Bahnhofstreppen. Ein paar Gegendemonstranten haben sich hier versammelt. Vereinzelte Gestalten, die mit Trillerpfeifen und bunten Fahnen Flagge zeigen. Sie werden fotografiert. Nicht etwa von Fotografen, sondern von AfD-Sympatisianten, die jeden aufnehmen, der sich gegen sie stellt. Ich kenne das schon von einem PEGIDA Aufmarsch, den ich mal begleitet habe und es erschreckt mich immer wieder, denn die Methoden, mit denen solche Leute agieren, sind mir aus meiner DDR-Zeit zutiefst vertraut. Es geht um Einschüchterung. Man will dem "Gegner" Angst einjagen. Aber nicht nur das. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich auszumalen, was passieren würde, wenn solche Menschen die Gelegenheit bekämen, die Machtknöpfe zu drücken. Um nichts anderes geht es im Übrigen. Das ist das Ziel. Sie sind nicht einfach "unzufriedene Bürger" - nein, sie wollen das System stürzen und all jene in IHRE Schranken weisen, die anders denken. Die AfD ist eine durch und durch rassistische Partei. Wer das immer noch leugnet und schönredet, lügt sich in die eigene Tasche und gefährdet damit ebenso unsere Demokratie, wie jene, die heute die Fahnen geschwenkt und "Ausländer raus" gebrüllt haben.

Ich verlasse meinen Platz, steige aufs Fahrrad und radle am Reichstagsgebäude vorbei Richtung Siegessäule. Es sind viele unterwegs, für einen Moment denke ich, dass es vielleicht nicht schlau war, so unterschiedliche Aktionen anzumelden, weil sich dann alles so verzettelt. Aber meine Bedenken werden schnell zerstreut. Schon aus der Ferne hört man sie – die Bässe, die den Hass wegblasen sollen. Immer bunter wird es und lauter. Rein optisch ein absolutes Kontrastprogramm zu dem, was ich vorher gesehen habe. Statt herunterhängender Mundwinkel, Übergewicht, Nazifrisuren und Einheitsblau gibt es ein farbenfrohes Durcheinander, tanzende Menschen, viele Familien mit Kindern, viele Spanier, Franzosen, Italiener, Queere und viele viele Einhörner. Ich spüre, wie ich mich sofort entspanne, wie mein Herz vor Freude hüpft, als ich sehe, wie viele Menschen hier hergekommen sind, um zu zeigen, dass wir eine bunte, offene Gesellschaft sind. Man kann ja über Berlin sagen was man will, aber in diesem Punkt ist auf uns Verlass. Nur wenige, die hier leben, haben ein Problem damit, dass es multikulturell zugeht. Das gehört einfach zu Berlin, genauso wie Techno.

Natürlich ist es für viele Demonstranten auch ein Happening. Eine kleine Love-Parade. Eine Gelegenheit, mal wieder auf der Straße zu tanzen, den Berliner Sommer und das Feeling zu genießen. Aber die meisten wissen auch, worum es geht. Viele tragen Sticker oder Plakate, zeigen, dass es ihnen nicht egal ist, dass ein paar hundert Meter weiter Menschen demonstrieren, die ihnen das alles am liebsten verbieten würden. Denn wie keine andere Partei steht die AfD dafür, Kultur nur als Kultur zu akzeptieren, wenn sie Deutsch ist. Was für ein grausiger Gedanke. Was für eine Armut.

Während ich am Rand sitze und den Zug an mir vorbeiziehen lasse, sehe ich plötzlich einen nackten Mann. Er trägt nichts, nicht einmal eine Tasche und so seltsam es klingt, ich war nicht einmal überrascht oder amüsiert, sondern dachte, dass es eigentlich genau das ist, worum es hier im Kern geht. Eigentlich müssten wir alle nackt demonstrieren, denn dann erst zeigt sich auf einer ganz menschlichen Ebene, dass wir alle zwar verschieden, aber am Ende doch alle gleich sind. Es gibt keine Rassen. Es gibt nur Menschen. Die gegeneinander aufzuhetzen, zu Feinden zu erklären, sie einzuschüchtern, oder ihnen die Freiheit zu verbieten, sich ein Leben zu suchen, dass lebenswert ist, das ist auf einer ganz tiefen Ebene unmenschlich. Wer so durch die Welt geht, lehnt nicht nur andere ab, sondern im Kern sein eigenes Menschsein und dieses vielfältige bunte Leben. Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass man Menschen, die so denken, nur erreicht, indem man ihnen etwas anderes vorlebt. Nicht als Einzelner, sondern als starke Gemeinschaft. Wie das funktioniert, hat Berlin heute gezeigt. Und während die Sonne sich hinter dicken Gewitterwolken versteckt und ich durch den Tiergarten nach Hause radle, bin ich mächtig stolz auf meine Stadt. Weil sie lebt, was auf den Transparenten steht: Freiheit, Offenheit und Menschlichkeit.

Ein paar Impressionen:











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