Donnerstag, 3. Mai 2018

Die Beweger – Chiara Sambuchi, Filmregisseurin

Neulich wurde ich gefragt, nach welchen Kriterien ich die Protagonisten für die Beweger-Reihe auswähle. Zählt Erfolg? Die Tatsache, dass sie in den Medien präsent sind? Oder ist es, weil sie – wie ja der Titel schon sagt – etwas bewegen, also etwas anstoßen? Nein. Die Wahrheit ist, dass es Menschen sind, die mich in meinem Herzen berühren. Die einen Blick auf die Welt haben, der anders ist, als der der Masse. Und die ihr Tun nach diesem Blick ausrichten, die also Herz und Verstand zusammenbringen und ihre Wahrheit leben. So wie Chiara Sambuchi, der klar ist, dass sich Idealismus heutzutage kaum bezahlt macht, die sich aber dennoch treu bleibt und mit viel Idealismus ihre Geschichten erzählt. Ich habe Chiara in Rom getroffen, wo die Filmregisseurin derzeit lebt.


Es ist ein sonniger Tag in Rom und der Platz unter dem Feigenbaum in einer der vielen Gassen könnte italienischer kaum sein. Und so verwundert es auch nicht, dass wir mit unserem Gespräch schon nach wenigen Sekunden mitten in der italienischen Politik landen. Wer wird mit wem koalieren? Damals sah es so aus, als ob die Fünf Sterne Bewegung mit der Lega Nord eine Regierung bilden würde, was Berlusconi, der ja nun auch wieder mitmischt, verhindern will. Ein paar Tage nach unserem Gespräch schrieb mir Chiara noch einmal, dass nun doch wieder alles anders sei.

Was sagen die Italiener zu diesem Hin und Her? 

"Was die Italiener sagen?" Chiara zuckt mit den Schultern. "Die haben, was die Politik betrifft, irgendwie resigniert. Es ist eine seltsame Stimmung, als habe man akzeptiert, dass sich sowieso nichts ändert. Also macht sich niemand besonders große Gedanken, sondern macht sein Ding. Wir leben in einer Zeit, in der nicht die Politik, sondern die Finanzen die Welt regieren. Also ist es doch fast egal, wer an der Spitze steht, oder? Hier in Rom kümmern sich immer mehr Bürger selbst darum, dass alles funktioniert. Es gibt dutzende Bürgervereine, die sich in diversen Bereichen engagieren, immer dort, wo die Stadtverwaltung versagt. Es gibt zum Beispiel einen Verein, der sich um die Beseitigung von Schlaglöchern kümmert, allein der hat über 5.000 Mitglieder. Dann gibt es einen, der organisiert den Transport von behinderten Kindern zur Schule, ein anderer kümmert sich darum, dass die Stadtparks gereinigt werden – die Bürger nehmen ihre Stadt einfach selbst in die Hand. Interessant ist, dass das der Römischen Stadtverwaltung mehr und mehr ein Dorn im Auge ist und dass sie jetzt überlegen, das Ehrenamt an eine teure Versicherung zu knüpfen, um denen, die sich einbringen, Steine in den Weg zu legen. Aber das wird nicht funktionieren."

Blick über Rom

Chiara und ich haben uns auf Facebook kennengelernt. Als ich ihr zum ersten Mal im "echten Leben" begegnet bin, kam eine zierliche Frau auf mich zu, deren Herzlichkeit, Kraft und Entschlossenheit mich nachhaltig bewegt haben. Bis zu unserem Treffen hatte ich zwei Filme von ihr gesehen. Eine Dokumentation über Menschenhandel und eine über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die in Europa untertauchen, nirgendwo registriert werden und so leicht in die Hände von Kriminellen geraten und zur Prostitution oder zum Drogenhandel gezwungen werden. Ein leiser, sensibler Film, der unter die Haut geht.

Wie verkraftet man das, Kinder zu sehen, die so jung völlig sich selbst überlassen sind? 

"Ich bin ein positiver Mensch, eine Optimistin, sonst könnte ich solche Filme nicht drehen. Es mag paradox klingen, aber so etwas zu erleben, gibt mir Hoffnung. Hoffnung, weil ich sehe, mit welcher – man möchte es fast Sturheit nennen – diese Menschen alles probieren, um ihre Lage zu verbessern. Die Kinder fühlen sich nicht als Opfer. Sie erleben das Leben noch als Spiel, als Abenteuer, wie ein Märchen. Natürlich ist es schrecklich, wenn man sieht, welche harten Momente sie erfahren müssen, aber dann gibt es auch so viele glückliche Momente. Da spielen sie Fußball oder benehmen sich eben einfach wie Kinder. Sie besitzen noch diese kindliche Naivität, den Glauben an das Gute."

Du hast erzählt, dass bei der Rettungsaktion von Mare Nostrum, die du filmisch begleitet hast, fast ein Drittel minderjährige, unbegleitete Kinder unterwegs waren. Meinst du, dass sie hier bei uns wieder so etwas wie Heimat finden? 

"Ich setze große Hoffnung in die Integration in Deutschland. Die meisten der Kinder sind wirklich auf der Suche nach einer neuen Heimat. Wenn sie gut betreut werden, dann werden sie sich auch etwas aufbauen, da bin ich sicher. Wir sollten verstehen, dass in diesen Kindern und nicht nur in ihnen, sondern überhaupt in den Geflüchteten ein unglaublich großes Potential steckt. Stell dir doch nur einmal vor, was es bedeutet, allein aufzubrechen. Solch eine "Reise" zu unternehmen, alles zurückzulassen und in ein fremdes Land zu kommen, ohne die Sprache zu sprechen. Das erfordert so viel Mut und von diesen Erfahrungen können wir profitieren und lernen. Solche Menschen sind ein Geschenk, denn diese Kraft, die sie leben, kennen viele von uns gar nicht mehr. In den Erfahrungen, die sie gemacht haben, steckt so viel Hoffnung. Wir sollten keine Angst vor ihnen haben, wir sollten viel mehr Angst davor haben, dass so viele Leute bei uns hier nichts anderes mehr können, als ihr Essen auf Facebook oder Instagram zu posten. Empathie ist der Schlüssel zu allem und darum mache ich solche Filme, denn die Empathie entsteht, wenn die persönlichen Geschichten erzählt werden. Wenn es eben nicht mehr "die Flüchtlingswelle" ist, sondern ein Mensch, der etwas erlebt. Ich selbst habe den Eindruck, Geschenke ohne Ende zu bekommen, wenn ich mich mit Menschen in schwierigen Lebenslagen konfrontiere."

Ist es das, was dich antreibt?

"Ja, ich denke, so lange wir uns mit solchen Themen auseinandersetzen, sind wir noch nicht verloren. Natürlich leben wir in einer tragischen Zeit, aber wir haben die Mittel, das zu verändern. Wir können uns zum Beispiel fragen, ob wir Teil einer Gruppe sein wollen, die nach außen immer ganz toll tut, oder ob wir lieber darüber berichten wollen, was wirklich toll ist oder auch mal darüber, was alles schiefgeht. Es liegt in unseren Händen und ich glaube, dass das eine Macht ist, die wir unterschätzen. Es geht darum, eine andere Botschaft zu verkünden, eine andere Lebensart zu vermitteln, die sich eben nicht nur an der Oberfläche abspielt. Dafür bezahlt uns vielleicht niemand, aber es geht ja auch nicht darum, am Ende des Tages zu sagen, dass man reich ist, sondern dass man sagen kann: Ich bin glücklich und ich habe das getan, was mich erfüllt hat. Was ist also für dich wichtig? Das ist die entscheidende Frage. Meine Kinder sollen erfahren, dass ich eben nicht ausgehalten habe, sondern meinen Weg gegangen bin. Und natürlich gibt es Momente, in denen ich verzweifeln könnte. Aber es wäre nicht mein Leben, wenn ich es anders leben würde."

Chiara lacht und wir scherzen darüber, wie es wohl in 20 Jahren sein wird. Ob unsere Kinder uns dafür feiern oder ob sie uns verachten, was ja auch sein kann. Dazu erzählt Chiara die Geschichte einer Filmprotagonistin aus Uganda, die einen eigenen Radiosender für Frauen gegründet hat. Deren Tochter war davon allerdings überhaupt nicht begeistert und wir kommen zu dem Schluss, dass man es nicht in der Hand hat, dass man eben auch nicht jeden mitnehmen kann, manchmal nicht einmal die eigenen Kinder. Was hat Chiara geprägt, wie hat sie ihren Weg gefunden?

Aufgewachsen ist Chiara Sambuchi in Pesaro, einer reichen Provinzstadt an der Adriaküste, wo ein Leben ohne Glanz, Parties und Glamour eigentlich undenkbar war und in der eine junge Frau, die Klassische Gitarre, Philosophie und Filmwissenschaften studierte, schnell zur Außenseiterin wurde. Berlin zog sie magisch an, ebenso wie die Werke von Nietzsche und Heidegger. Also lernte sie Deutsch und als sie ein Stipendium für ihre Magisterarbeit erhielt, packte sie zum ersten Mal ihre Koffer für Berlin. Es sollte nicht bei einem Mal bleiben – als 2000 der italienische Fernsehsender RAI von Rom nach Berlin zog, saßen dort zwei Korrespondentinnen, die zwar Italienisch, aber kein Wort Deutsch sprachen. Ein Glücksfall für Chiara, die die freie Stelle sofort annahm. "Ich konnte so viel lernen. Aber das Wichtigste war, dass ich erkannt habe, dass mich das Medium Film zwar interessiert, nicht aber die Art, wie in solchen Studios gearbeitet wurde." Also wechselte sie, stieg bei deutschen Produktionsfirmen ein und kam so mit dem Genre des Dokumentarfilms in Berührung. Ihre erste eigene Arbeit war ein Film über Muslime in Deutschland. Schon damals hatte sie keine Angst davor, sich auf gefährliches Terrain zu begeben, denn neben jenen Muslimen, die gut integriert waren, gab es natürlich auch jene, die in einer Art Parallelgesellschaft lebten und die nicht daran interessiert daran waren, ihr Wirken auf der großen Leinwand zu sehen.

In den Filmen von Chiara Sambuchi geht es stets um Menschen. Um jene, die zerstören ebenso wie um jene, die mutig sind, andere Wege gehen, der Gesellschaft etwas geben oder eben am Rande der Gesellschaft leben. Zu vielen Protagonisten hat sie auch lange nach Drehschluss noch Kontakt, verfolgt ihre Lebensläufe. Ob es eine außergewöhnliche Begegnung gab, will ich wissen. Eine, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist und vielleicht auch ihre Sicht auf die Menschen verändert hat. Chiara muss nicht lange überlegen:

"Es gibt immer Momente in meinen Filmen, die mich berühren und die mich auch verändern. Ich habe vor zehn Jahren einen Film über Menschen mit Asperger Syndrom gedreht. Die damals 19-jährige Protagonistin, Nicole Schuster, die später auch ein Buch mit dem Titel "Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing" geschrieben hat, hat mich immer wieder an meine Grenzen gebracht, aber eben auch so viel über die Menschen gelehrt. Es gab ganz schlimme Momente während der Dreharbeiten, so mussten wir zum Beispiel immer um 5:10 Uhr da sein. Einmal wurde es später, Nicole saß da und sagte: "Du hast mich so enttäuscht." Da ist mir erst einmal bewusst geworden, wie schwierig es für sie sein muss, so zu leben, mit all den Zwängen. Aber dann sagte sie etwas, das ich nie vergessen werde: "Ich würde ein Leben ohne Autismus nicht haben wollen, denn es wäre nicht mehr mein Leben." Das hat mich tief beeindruckt und ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Autismus ist so hart, aber dann den Mut zu und den Respekt vor dem eigenen Leben zu haben, das ist etwas, von dem wir alle lernen könnten. Die Asperger nennen uns übrigens NT's – das bedeutet neurologisch typisch. Und wenn sie sich treffen, dann unterhalten sie sich oft darüber, wie viel Bestätigung wir NT's doch brauchen. Wie wichtig es uns ist, dass alle mit uns einverstanden sind, dass wir stets Anerkennung brauchen und wie anstrengend das doch sein muss. Es ist eben alles immer eine Frage der Perspektive.

Und wie geht es weiter? Was steht als nächstes an? 

"Momentan recherchiere ich über die Netzwerke des Menschenhandels, Es gibt dazu schon eine Doku, jetzt möchte ich einen ganzen Film darüber drehen. Das ist natürlich sehr zeitaufwendig, denn es dauert manchmal Monate, bis eine der Sexsklavinnen, die aus Afrika mit großen Versprechen nach Europa gelockt und hier zur Prostitution gezwungen werden, sich vor die Kamera traut."

Da begibst du dich doch wieder auf ziemlich gefährliches Terrain, oder?

"Ja, das ist mir bewusst. Das ist eine Entscheidung, die ich auch nicht nur für mich, sondern eben auch für meine Familie treffen muss. Ich arbeite eng mit der italienischen Polizei zusammen. Aber es bleibt ein Restrisiko. Wir haben es hier mit einem internationalen Geschäft zu tun, eigentlich dem interaktivsten Geschäft der Welt. Dahinter steckt eine weltweit agierende Mafia. Aber wie ich es eingangs schon sagte: Es ist ja immer die Frage, was wir unseren Kindern weitergeben wollen und ich möchte ja nicht nur das Unrecht zeigen, sondern auch die Frauen, die wie die Protagonistin Princess handeln. Mutig und klug. Und mit dem Film kann ich auch zeigen, wie mich das berührt. Wir müssen unsere Masken ablegen, sonst entfernen wir uns von uns selbst und das Innere, die Seele wird stumm. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir haben jetzt alle Mittel etwas zu ändern. Es ist unsere Entscheidung, ob wir die Verantwortung dafür übernehmen."

Vielen Dank, liebe Chiara Sambuchi für das Gespräch.

Artikel über den Dokumentarfilm: Auf der Flucht – Kinder spurlos verschwunden

Doku: Menschenhandel in Turin – Princess rettet Leben











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