Montag, 28. Mai 2018

Brutal mies

Vor ein paar Tagen lief in Kiew das Pokalendspiel der Champions League. Nach einer halben Stunde Spielzeit gab es eine Szene, die mich nachhaltig bewegt. Da wird Mo Salah, einer der besten Torjäger, den Liverpool hat, von Sergio Ramos buchstäblich ausgeknockt. Jeder, der Ramos' Spiel kennt und jeder, der die Szene gesehen hat, weiß, dass das kein Versehen, kein Missverständnis, keine gedankenlose Achtlosigkeit, sondern knallhartes Kalkül war.


Ich musste unweigerlich an Tonya Harding und das Eisenstangenattentat von 1994 denken. Nun lässt Ramos die Drecksarbeit nicht von anderen erledigen, sondern legt selbst Hand an, aber im Kern ist es dasselbe, allerdings mit einem kleinen aber essentiellen Unterschied. Harding wurde verurteilt, Ramos wird von vielen dafür gefeiert. Schieße den Gegner aus dem Spiel und du gewinnst. Mach die anderen platt, egal mit welchen Mitteln. Und hinterher entschuldigst du dich via Twitter und sagst, dass Sport eben manchmal hart ist. Oder du hoffst auf Unterstützer von außen. Auf Männer wie Oliver Kahn, der nach dem Spiel sagt, dass man so einen wie dich unbedingt in der Mannschaft haben will. Oder du verlässt dich auf andere, auf Journalisten zum Beispiel, die dein Spiel als "brutal gut" und dich als "komplettesten Spieler der Welt" bezeichnen. Wie auch immer  – in einer Gesellschaft, in der Leistung und Gewinnen oberste Priorität haben, finden sich immer welche, die dir zujubeln, die am Rand stehen und sich heimlich freuen, wenn der "Gegner" eins in die Fresse kriegt.

Wollen wir das wirklich normal finden?

Nennt mich spießig, nennt mich moralinsauer, nennt mich Weichei, aber für mich ist das nicht normal. Soll ich meine Kinder zur Seite nehmen und ihnen mit einem Augenzwinkern erklären, dass das sowas schon mal in Ordnung geht, wenn man weiterkommen will? Dass es super ist, denjenigen, der eventuell dafür sorgen könnte, dass meine Mannschaft verliert, besser gleich brutal auszuschalten? Ist das etwas, das man fürs Leben lernen sollte? Den Gegner mit unfairen Mitteln kaltstellen und ihn hinterher als Kollegen bezeichnen? Das kann doch nicht euer Ernst sein. Es gibt genug Spieler, die tagtäglich beweisen, dass man mit Fairplay Pokale gewinnen kann. Für mich hat ein Spieler wie Ramos in der Champions League, in der Meisterklasse des Fußballs, nichts verloren. Ich würde ihn nach solch einer Attacke nicht feiern, sondern feuern.

Nun kann man ja noch darüber diskutieren, ob ein bisschen Aggressivität nicht Teil des Spiels ist. Ja, ist sie. Es gibt allerdings zwei Arten von aggressivem Verhalten. Jeder Angriff ist aggressiv, das liegt in der Natur der Sache. Man braucht Aggression, um nach vorn zu kommen, um sich zu entwickeln, um über sich hinauszuwachsen. Dafür steht der Sport. Wofür er nicht stehen sollte, ist Aggression gegen andere. Wer das gutheißt, hat den Olympischen Gedanken nicht verstanden. Der hat auch das Leben nicht verstanden, denn wir sind keine Tiere, wir sind keine Platzhirsche, wir müssen den anderen nicht töten, um etwas zu erreichen und wir sind auch gewappnet, Niederlagen zu verkraften. Das bedeutet nicht das Ende unserer Spezies. Auch nicht das Ende von uns selbst. Aber das ist leider etwas, das viele von uns nicht gelernt haben und das durch solche Bilder, wie sie das Champions League Endspiel produziert hat, auch nicht zurechtgerückt wird. Im Gegenteil. Was hängen bleibt, ist: Sei unfair und du gewinnst.

Und dann wundern wir uns. Wenn Autos brennen, wenn immer mehr Schüler Opfer von Mobbing werden, wenn Messerangriffe Alltag sind, wenn fiese Gerüchte gestreut werden, wenn die Stimmung insgesamt immer aggressiver wird. Ich weiß nicht, wie viele Millionen Augenpaare dieses Spiel gesehen und damit die Lektion verinnerlicht haben, ich hoffe nur, dass es unter ihnen viele gibt, die das nicht brutal gut, sondern brutal mies fanden.

Bleibt natürlich die Frage nach der Konsequenz. Kein Spiel von Real mehr anschauen? Nein, ich glaube, das bringt nichts. Im Grunde ist es ein bisschen so wie mit der AfD. Sie zu ignorieren, bringt ja auch nichts. Ich habe es gestern schon geschrieben – das einzige, was funktioniert, ist andere Vorbilder zu setzen. Etwas anderes vorzuleben. Dazu müssen wir etwas wiederentdeckten, das wir im Kern alle besitzen: unsere Würde.

Wer sich seiner eigenen Würde bewusst ist, kann nicht mehr würdelos handeln, denn er weiß, dass er mit jedem unfairen Angriff gegen andere am Ende sich selbst verletzt. Das zeigt sich vielleicht nicht gleich. Aber jedes würdelose Verhalten hinterlässt Spuren. Da muss man gar nicht mit Karma kommen. Unser Gewissen ist eine mächtige Instanz, die sich kaum ausschalten lässt und die ihre Botschaft, wenn man sie überhört, auf anderen Ebenen verkündet. Spätestens dann, wenn der Ruhm verblasst, wenn das Alter nagt oder das "Schicksal" den Hobel ansetzt. Ich wünsche Ramos nichts Schlechtes, ich wünsche ihm nur, dass er rechtzeitig erkennt, dass sein Verhalten nicht nur anderen, sondern in erster Linie ihm selbst und der Gesellschaft schadet. Und ich wünsche mir Fußballbegeisterte, die solch einem Verhalten die Rote Karte zeigen. Die nicht jubeln, nicht Beifall klatschen, nicht hinnehmen, dass so etwas "normal" ist.


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