Dienstag, 17. April 2018

Die Beweger – Rafael Kugel, Gründer von "Havelwasser"

Ich treffe Rafael am Ufer der Spree, nicht an der Havel, obwohl das passender gewesen wäre. Aber immerhin sitzen wir auf einem Schiff, die Sonne scheint und die aufblühende Natur am Ufer passt zur Aufbruchsstimmung, die Rafael jedes Mal, wenn ich ihn treffe, ausstrahlt. "Es braucht mehr Birne in der Welt", war ein Satz von Rafael, der mir im Gedächtnis geblieben ist und um den es heute geht. Aber nicht nur darum, denn Rafael ist wie alle, die ich hier in dieser kleinen Reihe vorstelle, ein Macher – wobei das in seiner Sprache „Serial Entrepreneur“ heißt.


Einer, der schon mit sechs Jahren wusste, dass er später mal so arbeiten will, dass er die Fäden in der Hand hält, denn zu organisieren, das lag ihm irgendwie im Blut. „Ich habe schon damals immer Dinge gesehen, die ich verbessern, also optimieren wollte.“ Richtig losgelegt hat er, als die ersten Skireisen anstanden. Statt allein zu fahren, hat er Gruppen zusammengestellt, mit Unterkünften und Busunternehmen telefoniert, Preise verhandelt und so ganz nebenbei sein erstes Geld verdient. Eigentlich hätte er gleich als Unternehmer loslegen können, doch nach Abitur und Zivildienst hat er erst einmal die Uni-Bank gedrückt und BWL studiert – wohlwissend, dass das nicht wirklich das war, was ihn interessierte.

Aber manchmal fügen sich Puzzleteile ja zusammen und nachdem Rafael während einer Anstellung in einer Unternehmensberatung in die Welt der Kleinen und Mittelständigen Unternehmen eintauchte, entdeckte er eine Stellenausschreibung von Professor Dr. Faltin, einem Entrepreneur der ersten Stunde und Gründer der Teekampagne. Rafael hatte schon einiges über ihn gehört und sah sofort seine Chance. „Dafür bezahlt zu werden, von ihm zu lernen, das war eine großartige Aussicht.“ Und so versuchte er sein Glück und bekam die Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Entrepreneurship der Freien Universität Berlin. 

Rafael Kugel

 Nun stimmte die Richtung, aber etwas fehlte noch. „Irgendwann dachte ich, dass es Zeit ist, eine eigene Firma zu gründen. Bisher hatte ich ja immer anderen erzählt, wie man es macht und das fühlte sich seltsam an. Die Kunst war, ein Produkt zu finden, das eine sogenannte Komponentengründung erlaubte. Gründen mit Komponenten hat nämlich den Vorteil, dass man nicht den gesamten Prozess von der Produktion bis zum Verkauf abwickelt, sondern die einzelnen „Stationen“ auslagert. So gibt es einen Erzeuger, einen Verpacker, ein Lager, einen Vertrieb und natürlich den, der den Verkauf abwickelt. Das lief in diesem Fall online und lag in meinen Händen.“ Rafael entschied sich für den Verkauf von BIO-Rapskernöl – den, wie er selbst sagt – Champagner unter den Ölen. Aber das war erst der der Anfang. Ein Jahr später gründete er gemeinsam mit Faltin die Firma Ratio-Drink, auch wieder eine Komponentengründung, hinter etwas stand, das Rafael im Grunde schon immer tat: Es ging darum, Dinge zu vereinfachen und damit unter anderem auch Ressourcen zu sparen. Die Idee war so simpel wie genial: Warum literweise Saft kaufen, wenn der nur aus Konzentrat besteht, das man eigentlich mit Wasser selbst zu einem Saft mixen kann? Gedacht, getan, Komponenten zusammengestellt und los ging der Verkauf. RatioDrink ist heute eine Aktiengesellschaft, die seit Ende 2017 ohne Rafael auskommen muss, denn nach einigen Jahren keimte in ihm der Wunsch, noch mehr auf eigenen Füßen zu stehen. „Schüler und Lehrer müssen sich irgendwann trennen. Außerdem war mir klar, dass ich nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen, nicht alles bespielen konnte. Schließlich gab es ja das Rapskernöl noch und ich hatte eine neue Firma gegründet.“

Da unser Interview-Tempo dem des Serien-Firmengründers gleicht, gehe ich nochmal ein paar Schritte zurück, denn ich habe Rafael als „Beweger“ nicht ausgewählt, weil er viele Firmen und das möglichst schnell hintereinander gründet. Nein, mich beeindruckt die Philosophie, die hinter diesen Gründungen steckt, denn es geht eben nicht darum, ein gigantisches Unternehmen aufzubauen und dann von morgens bis abends oder nachts davon absorbiert zu werden, sondern es geht – und damit sind wir bei Rafaels Anfängen – darum, alles leicht zu halten. Oder, wie Rafael es selbst sagt: „Faulheit – und mit dem Begriff muss man ja vorsichtig sein – kann auch eine Tugend sein, die man einsetzen kann, um ein Unternehmen schlank zu halten. Ich muss nicht alles machen. Ich brauche keine 20 Mitarbeiter, die ich dann, wenn die Auftragslage mal nicht so gut ist, entlassen muss. Mit dem Modell der Komponenten verteilt sich das Wachstum auf alle einzelnen Komponenten und somit auf andere Mitstreiter, die dann natürlich davon profitieren, wenn das Unternehmen wächst.“

Und was ist das jetzt mit der Birne?

„Angefangen hat alles mit der Idee, ein Pendant zum „Alsterwasser“ zu kreieren. Aber nicht mit Bier, sondern mit Wein. Birnen haben mich schon immer fasziniert und so war der Weg zu einem Getränk, das aus Wein, Birnensaft und Sprudelwasser bestand, nicht weit. Wusstest Du, dass im Handel von allem Obst 80 Prozent Äpfel, aber nur vier Prozent Birnen über die Ladentheke gehen? Und das, obwohl sie doch eigentlich gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Wir sagen ja auch, dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann. Na jedenfalls Birnen haben eine tolle Süße, sie eignen sich zum Komponieren von neuen Gerichten, sie sind dezent. Ich mag die Birne wirklich und mit dem Havelwasser ist uns etwas ganz Schönes gelungen: Wir haben nicht einfach nur Zutaten zusammengemischt, sondern wir haben einen ganz neuen Geschmack kreiert. Es ist erstaunlich, wie wenig Birnenprodukte es gibt. Wir kennen Saft und Schnaps, aber dazwischen nur gähnende Leere. Und nun gibt es etwas Neues und nicht nur das.“

„Lass uns später zu dem Tag der Birne kommen“, sage ich, als Rafael wieder vorprescht. „Erzähle mir erst einmal noch, wie Du das Ganze entwickelt hast. Gab es Vorkoster oder einen Testballon?“ 
„Ja, natürlich. Ich habe zunächst mit einigen Winzern gesprochen. Ich musste ja einen finden, der interessiert daran war, etwas Neues auszuprobieren. Und wir mussten den richtigen Wein finden, der zum Birnenaroma passt. Riesling geht zum Beispiel überhaupt nicht. Der macht die Birne platt. Als das alles geregelt war, sind wir mit einem Investment von 500 Euro gestartet. Ich habe kleine Flaschen abfüllen lassen, habe die Etiketten selbst gestaltet und dann zur „Havelwasser-Party“ eingeladen. Glaube mir, ich hatte hinterher nicht mehr nur mehr Freunde als vorher (lacht), sondern ich wusste, dass es funktioniert. Trotzdem stand ich vor einer ganz anderen Herausforderung, denn die Gründung von Havelwasser ist keine Komponentengründung wie die anderen. Die Frage war also für mich: Wie bringe ich mein Produkt unter die Menschen? Ich musste Vertriebswege finden, auf Messen gehen, lernen, lernen und lernen. Manchmal kam ich mir vor wie live mitten in der Sendung mit der Maus.“

Und dann bist Du natürlich irgendwann auch auf Ribbeck gestoßen, oder? Ich meine die Birne und Ribbeck – das ist ja nicht voneinander zu trennen.

„Genau so war es. Birne ohne das Gedicht von Ribbeck – das geht gar nicht. Ein halbes Jahr nach der Havelwasser-Party rief mich jemand vom Schloss Ribbeck an und fragte, ob sie denn das Havelwasser beziehen könnten. Und dann erfuhr ich, dass es einen Garten gab, den man mal zur Landesgartenschau angelegt hatte. Ein Areal, also eigentlich eine Streuobstwiese, auf der 24 Birnbäume stehen, insgesamt 13 Sorten. Eigentlich waren es ursprünglich nur 23 Bäume, aber bei einem Filmdreh für die Serie „Pfarrer Braun“ spielte ein Birnbaum eine Rolle und als der nicht mehr gebraucht wurde, pflanzten sie ihn auf das Areal. Jedenfalls der Punkt war, dass sich niemand kümmerte und irgendwann stand sogar der Plan im Raum, die Bäume zu fällen und einen Parkplatz auf dem Gelände anzulegen. Den Gedanken fand ich so schrecklich, dass ich das Stück Land kurzerhand gepachtet und gleichzeitig den Tag der Birneausgerufen habe. Das ist nun immer der letzte Sonntag im April, weil da die Bäume in voller Blüte stehen. Ich habe für jeden Baum einen Baumpaten gesucht und auch gefunden. 

Birnbaumpate Ingo Möhring, Künditormeister aus Rathenow @Ralph Pache
Ich wusste sofort, dass dieser Birnengarten ein Ort für Geselligkeit und Miteinander sein sollte. Jeder, der das Ribbeck-Gedicht kennt, weiß, dass die Idee des Teilens und der Großzügigkeit dahintersteckt. Von Herzen geben – das ist so ein schöner Gedanke. Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Welt mehr Birne brauchen. Wir brauchen eine Gegenbewegung zu dieser Ellbogengesellschaft. Ein schönes Miteinander eben. Dafür stehen dieser Garten und der Tag der Birne.

Und was passiert an dem Tag? Gibt es ein Fest?

„Ja, wir feiern zusammen. Jeder kann kommen und etwas mitbringen und dann essen, trinken und feiern wir zusammen. Das ist das, was lokal passiert. Gleichzeitig möchte ich den Gedanken des Teilens auch weiter in die Welt hinaustragen und andere Menschen inspirieren, auch so einen Tag oder einen Nachmittag zu veranstalten. Was für ein schöner Gedanke, wenn überall in Deutschland an diesem Tag Groß und Klein zusammenkommen und gemeinsam Freude teilen.“

Ja, ein sehr schöner Gedanke, der Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland mit Sicherheit ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hätte.

Danke Rafael Kugel für das Gespräch.

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