Montag, 23. April 2018

Der wahre Künstler von Rom

"Ah, der wahre Künstler!", antwortet mein Mann, nachdem ich ihm das Foto von Fausto Delle Chiaie geschickt hatte. Wir kennen ihn, haben ihn, als wir 2016 gemeinsam in Rom waren, zufällig entdeckt. Dort, wo er immer steht. Seit 1989. Tag für Tag von 17 bis 21 Uhr. Im Reiseführer findet man ihn nicht. Dabei sind er und seine Konzeptkunst auf jeden Fall einen Besuch wert, denn sie erzählen davon, wie es ist, nonkonform zu sein. Ein Besuch:


Ich entdecke ihn nicht gleich in der Menge, denn die Menschen, die sich sein "Museum unter freiem Himmel", wie er es selbst nennt, anschauen, drängen sich um ihn herum. Einige wollen ihn fotografieren, andere mit ihm reden und die anderen gehen vorbei und verstehen die ganze Aufregung überhaupt nicht, sehen nicht einmal seine Kunst, sondern nur einen Zaun mit einem Mauersims auf dem irgendwelcher Kram liegt. Manche, die vorbei eilen, sehen nicht einmal das.

Nonkonform in einer normierten Gesellschaft zu sein, ist ein Abenteuer, das Menschen zerstören kann. Weil es einsam macht, weil es immer wieder zweifeln lässt und weil man ein inneres Kraftwerk  braucht, um sich dem Mainstream entgegenzustellen. Ich weiß, wovon ich rede. Gut tut, andere Menschen zu treffen, die auch hin und wieder oder immer das Gefühl haben, im falschen Film zu sein. In einer Welt zu leben, die so gar nicht ihre zu sein scheint, die aber trotzdem gelernt haben, sich in dieser Welt zurechtzufinden und die ihre "Schwäche" zu einer Stärke entwickelt haben. So ein Mensch ist Fausto Delle Chiaie.




Seit nunmehr über 20 Jahren steht er jeden Tag zwischen dem Mausoleum des Augusto Imperator und dem Museum Ara Pacis in Rom. Gegen 16:30 Uhr kommt der mittlerweile über 70-Jährige mit seiner Einkaufstasche auf Rollen, packt seine Konzeptkunst aus und wartet, was passiert. Egal ob die Sonne scheint oder ob es regnet. Er schaut, beobachtet und freut sich wie ein Kind, wenn jemand erkennt, dass er derjenige ist, der diese seltsamen Gegenstände auf dem Mauersims angeordnet hat, die auf den ersten Blick unser normiertes Kunstverständnis zunächst einmal auf den Kopf stellen. Die verwirren und erstaunen und dann, wenn man sich einlässt, so unglaublich genial sind, dass man Fausto dafür eigentlich sofort umarmen möchte. Weil er mutig ist, weil er sich treu geblieben ist, weil er seinen Weg geht und damit Perspektiven öffnet. Weil wir solche Menschen brauchen, die uns aus unserem Trott reißen und die zeigen, dass es auch völlig anders geht, als wir es gewohnt sind.



Als Fausto, der bis 1971 an der Scala Libera Malerei studiert hat, 2013 zur Biennale nach Venedig eingeladen wurde, reiste er mit seiner Tasche auf Rädern an und ließ sie unausgepackt stehen. Ob er seine Werke nicht zeigen wolle, wurde er gefragt. "Nein, die Menschen können sich ja das Video anschauen", antwortete er. Und so stand der Handwagen in der Vitrine.

Bevor es sein "museo all' aria aperta" gab, hat der Künstler, der seine Bilder so schnell wie Picasso malt, seine Kunst in andere Museen getragen und sie dort platziert. Alltagsgegenstände, die er irgendwo findet und die erst dann zu etwas Besonderem werden, wenn er ihnen einen Titel gibt. Kunst inmitten von Kunst – weil es ja schon genug Museen gibt, wie Fausto selbst sagt. Damit hat er sich zwar keinen großen Namen in der Kunstszene gemacht, aber das war auch nie sein Ziel. "Wenn die Menschen hier entlanglaufen und die Kunst sehen, denken viele, ich bin verrückt. Und ja, das stimmt. Aber das ist ja gerade das Spannende. Wenn man versucht, die Exponate zu verstehen, dann sind sie nämlich überhaupt nicht mehr verrückt. Und darum geht es, ums Verstehen oder wie Carlo Rovelli gesagt hat: »Wenn wir nicht versuchen zu verstehen, werden wir nie verstehen.«" Er lacht und sein Lachen steckt an. Alle, die um ihn herumstehen, lächeln. Selbst die, die nicht verstehen, aber vielleicht ahnen, dass es so viel zu entdecken gäbe, wenn wir offener wären. Wenn wir all die Konzepte, die uns sagen, wie etwas zu sein hat, mal über Bord werfen und uns einlassen würden.



Für mich stehen Menschen wie Fausto exemplarisch für eine Minderheit, die gestern noch belächelt wurde, die wir heute aber dringender denn je brauchen, um das Ruder herumzureißen. Es sind die Leisen, die Träumer, die Andersdenker. Sie zetteln keine Revolution an und doch tragen sie das Potential der Veränderung in sich. Sie überraschen und mal ehrlich, wer schafft das heute noch? Ich bin mit mindestens 2000 Menschen durch das Vatikanmuseum und die Sixtinische Kapelle geschleust worden. Es hat mich nicht berührt, weil es diese Art Kunst zur Massenware verkommen ist. Ich hätte gern jeden Besucher gefragt, ob ihn das wirklich interessiert, was hier gezeigt wird. Ob es noch etwas in seinem Herz bewegt. Ob ihm in 20 Jahren noch ein Lächeln über das Gesicht huscht, wenn er daran denkt. Ich tippe mal, dass 95 Prozent mich fragend angeschaut und dann wieder ihr Smartphone in Selfie-Position gebracht hätten, um sich in den Kontext des Ganzen zu stellen. Ist das nicht traurig?



Wir müssen wieder mutiger sein. Aus dem Rahmen fallen. Seit ich heute Nacht aus Rom zurück bin, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Mit einem echten "Chiaie" im Gepäck, den ich mit einer Spende erstanden habe, bin ich wieder in Berlin gelandet und habe so viel mehr mitgebracht, als "nur" ein lustiges Bild von tanzenden Frauen. Nonkonform in einer normierten Gesellschaft zu sein, ist ein Abenteuer, das in erster Linie lebendig macht. Weil man ständig aneckt. Weil man aufpassen muss, nicht überrannt zu werden. Und weil man einen ganz eigenen Humor entwickelt. Den mag nicht jeder verstehen, aber er lässt das Herz lächeln und hüpfen wie die Damen vom Moulin Rouge. Das kann man feiern, denn dahinter verbirgt sich ganz viel Liebe. Liebe zum Leben, Liebe zu unserer Unvollkommenheit. Zum Nonkonformismus. Zum zweckfreien Sein.
Danke Fausto für dieses große Geschenk.









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