Freitag, 27. April 2018

Eldorado – Menschlichkeit im Kinoformat

"Das einzige, was ich mitnehmen kann, sind Erinnerungen, die auf Liebe basieren. Sie sind der wahre Reichtum." Die Worte stammen von Steve Jobs, er hat sie kurz vor seinem Tod gesagt, und als sie am Filmende von "Eldorado" gesprochen werden, hat wohl keiner im Saal Zweifel daran, dass sie wahr sind. Doch dann geht das Saallicht an, der Vorhang zu und jeder weiß, dass man gleich mit Verlassen des Kinos in eine Welt hinaustritt, die komplett anders tickt.


"Eldorado" ist ein zärtlicher Film. Das klingt sicher seltsam, denn es passt auf den ersten Blick nicht zu dem, was er zeigt. Bilder von Menschen, die im Meer ertrinken, Bilder von Menschen, die illegal in Italien in einem Ghetto neben den Tomatenfeldern leben und Tag für Tag schufften. Von der Mafia bezahlt, vom Staat mehr oder weniger geduldet. Bilder von Frauen, die sich prostituieren müssen, die versklavt sind. Dazu Bilder vom Kriegsschiff der Operation Mare Nostrum, das bis Oktober 2014 noch Flüchtlinge aufgenommen und nach Italien gebracht hat. Die Mission wurde eingestellt. Heute rettet man nicht mehr. Heute kriminalisiert man Seenotretter, dealt mit Libyen und lässt die Milizen die Drecksarbeit machen. Und das tun sie auf ihre Art. Indem sie jene, die auf der Suche nach dem Glück sind, einsperren, foltern, vergewaltigen, ihnen das Geld abnehmen, sie bedrohen und ihnen das Leben zur Hölle machen. Alles EU-finanziert – Hauptsache sie bleiben uns fern.

Markus Imhoof, der Filmemacher, den einige sicher schon von "More than Honey" kennen, wird in diesem Jahr 77. Mit 73 hat er "Eldorado" begonnen – angetrieben von einer persönlichen Geschichte, die er geschickt mit all den anderen Bildern verwebt. Ich hatte die Gelegenheit, im Anschluss an die Filmpremiere in Hamburg ein paar Worte mit ihm zu wechseln und lernte einen Mann kennen, der weiß, dass sein Film kein Kassenschlager wird, der ihn aber trotzdem gemacht hat, weil er "diesem Wahnsinn doch etwas entgegenhalten muss". Der sich all dem Leid, mit dem er konfrontiert war, bewusst ausgesetzt hat, um uns zu zeigen, was hinter der Fassade, die wir lapidar "Flüchtlingsbewegung" nennen, abläuft. Sein erstes Erlebnis war ein Einsatz auf einem Frontex-Boot vor der griechischen Insel Samos. Das Frontex-Boot drängte damals ein Flüchtlingsboot ab, um es zurück in die Türkei zu zwingen. Das Boot kenterte, 23 Menschen verloren ihr Leben. Erregt über die Unglaublichkeit, wie er selbst sagt, begibt sich Imhoof daraufhin auf Spurensuche. Verfolgt die Wege der Geflüchteten von der Operation Mare Nostrum bis hin zu den Amtsstuben in der Schweiz, wo jemand sitzt, der – fast stolz auf sein Werk – erzählt, dass er sich nicht daran erinnern kann, jemals einem Asylantrag von einem Afrikaner stattgegeben zu haben. Es gibt in diesem Film immer wieder Momente, bei denen man nicht weiß, was schlimmer ist: das Elend jener, die auf der Flucht sind oder das emotionale Elend der anderen, die abgeschnitten von jedem Gefühl streng nach Vorschrift handeln. Die wissen, dass eine Abschiebung auch den Tod des Betroffenen bedeuten kann und die das tagtäglich einfach weit von sich schieben und sich hinter Paragrafen verstecken.

"Brüder auf der Suche nach dem Glück" nennt der Offizier, der die Messe auf dem Kriegsschiff hält, die Flüchtlinge. "Gäste" nennt sie der Mitarbeiter eines Auffanglagers in Italien. "Das sind doch auch Menschen!", sagt Imhoof in unserem Gespräch und wenn man den Nachklang in seiner Stimme hört, dann weiß man, dass er Erfahrungen gemacht hat, die wir nicht einmal aus der Zuschauerperspektive machen wollen. Erfahrungen, bei denen Menschen eben nicht Menschen waren. Auf der einen und auf der anderen Seite.

Markus Imhoof mit Till Rummerhohl von SOS Meriterranée


Der Grund, warum viele um diesen Film einen Bogen machen werden, liegt auf der Hand. Allein die Tatsache, dass Imhoof einen Tag vor der Premiere bei Markus Lanz auf dem Sofa saß und das Kino in Hamburg trotz seiner Anwesenheit nur zu gut einem Drittel gefüllt war, spricht Bände. Die meisten wollen die Wahrheit nicht sehen. Sie wollen nicht wissen, dass Afrikaner auf Tomatenfeldern schwarz arbeiten und ausgebeutet werden. Dass die Tomaten, die sie dort ernten nicht nur in unseren Speisekammern liegen, sondern, was noch viel perfider ist, EU-subventioniert nach Afrika verschifft werden, dort den Markt fluten und den regionalen Bauern das Geschäft zerstören. Sie wollen nicht wissen, dass es unsere aggressive Handelspolitik ist, die Fluchtursachen am Fließband produziert. Der afrikanische Bauer, der mit 3000 Schweizer Franken in der Tasche in seine Heimat zurückgeschickt wird und sich zwei Kühe kauft, kann ein paar Wochen später sich, seine Familie und seine Kühe nicht mehr ernähren, weil Europa seinen Milchüberschuss nach Afrika verschifft. Natürlich auch subventioniert. Sie wollen nicht wissen, dass die Frauen mit großen Versprechen nach Europa gelockt und hier an Zuhälter verkauft werden. Es ist ein bisschen wie einst, als keiner gewusst haben will, was hinter den Mauern der Konzentrationslager geschah. Und damit sind wir beim zweiten Handlungsstrang des Films – der Geschichte des italienischen Flüchtlingsmädchens Giovanna.




Ohne die Geschichte vorwegzunehmen: Giovanna kam während des Zweiten Weltkriegs in die Familie von Markus Imhoof. Ein fremdes Kind, das eine fremde Sprache sprach. Imhoof war ein kleiner Junge, Giovanna älter als er. Trotz des Altersunterschieds entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die tragisch endet und das Leben Imhoofs geprägt hat. Jahre später begibt er sich auf ihre Spuren, wechselt die Nationalität, um Giovanna, die da schon lange nicht mehr ist, nah zu sein. Eigentlich hatte er nicht geplant, davon im Film zu erzählen. Aber das Leben hat ihn angestoßen. Als er für eine Filmförderung das Exposé abgeben hat, erzählte er bei den Verhandlungen Giovannas Geschichte. Obwohl inzwischen so viel Zeit vergangen war, liefen ihm plötzlich die Tränen über die Wangen. Das gab den Anstoß, Giovanna einen Platz in "Eldorado" zu geben. Eine gute Entscheidung, denn die Zärtlichkeit, von der ich eingangs sprach, wird maßgeblich durch diese Begegnung geprägt.

Während ich hier schreibe, fährt ein gigantisch großes Containerschiff in den Hafen von Hamburg ein. Ob es Kakao aus Afrika geladen hat, den wir hier zu Schokolade verarbeiten, die teuer verkauft wird, während die Bauern in Afrika dafür einen Hungerlohn bekommen? Ob es Seltene Erden transportiert, die Kinder in den Minen geschürft haben und die hier in unseren Handys verarbeitet werden? Oder sind es Blumen, die in Äthiopien angebaut werden und durch ihren Wasserdurst dafür sorgen, dass die Landbevölkerung kein sauberes Trinkwasser mehr hat? Wie lange können wir das alles noch verdrängen? Gibt es eine Lösung? Ist Menschlichkeit, die der Film immer wieder bildgewaltig einfordert, eine?

"Wir müssen den Mut haben, für unsere Moral einzustehen", sagt Imhoof. "Wenn das nicht die Grundlage unseres Lebens ist, was ist es dann wert?"

Haben wir den Mut. Leben wir so, wie Martin Keune, der Mitgründer des Vereins Flüchtlingspaten Syrien e.V. es kurz vor seinem Tod gesagt hat: "Lebt Euer Leben aus vollem Herzen, mit hochgekrempelten Armen. Wo ich jetzt bin, werdet Ihr bald sein. Tut vorher, was getan werden muss. Esst jede Portion Spaghetti, als ob es die erste wäre. Hört auf den Regen. Lasst Euer Auto stehen. Rettet alles, was lebt. Lebt wohl."

Ja, retten wir vor allem die Menschlichkeit.


Hier die Webseite von Markus Imhoof:  https://markus-imhoof.ch




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