Dienstag, 24. April 2018

Alles Käse, oder was?

Alles fing mit einem Spruch an, den ich in einer Pizzeria gelesen hatte. Es ging um Käse und darum, was Veganer doch verpassen, weil sie nichts mit Käse überbacken können. Jedenfalls saß ich in Rom vor meiner Pizza Quattro Formaggi und dachte JA! während der Käse lustige Fäden zog und dann in meinem Mund verschwand. Ich liebe überbackenen Käse. Und weil ich andere an meinem Käse-Glück teilhaben lassen wollte, machte ich ein Foto und postete den Spruch zusammen mit dem Bild auf meiner Facebook Chronik.


Es dauerte keine Minute, bis der erste Kommentar unter dem Beitrag stand. Er handelte von geschredderten Kücken, von kleinen Kälbern, die von ihren Müttern getrennt werden, von ausgebeuteten Tieren und davon, dass man das alles nicht braucht, um Genuss zu erleben. Weitere Kommentare in diesem Tenor folgten, daneben Likes, Statements und Lachgesichter von Käseliebhabern. Während ich anfangs noch dachte, dass ich mich von all dem distanzieren kann, weil es mir ja eigentlich nur um den Spruch ging, den ich lustig fand, wurde mir mit der Zeit klar, dass es mich natürlich doch anpiekst und dass die Frage, ob man heute noch Fleisch oder Käse genießen darf, obwohl man weiß, dass dieser Genuss seinen Preis hat, sowieso schon lange in meinem Kopf seine Schleifen zieht. Denn den Preis zahlen in erster Linie die Tiere. Und die liebe ich nicht weniger als den geschmolzenen Käse auf einer Pizza.

Als Kind habe ich knapp die Hälfte des Jahres auf dem Land verbracht. Meine Oma wohnte in einem Dorf, im Garten scharrten Hühner und ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, in der ich morgens mit der Milchkanne zum Bauern gegangen bin, um Milch zu holen. Es war normal für mich, dass ab und an ein Huhn geschlachtet wurde. Ich wusste auch, dass das Fleisch, das auf meinem Teller lag, von einem Schwein oder Rind stammte, das ich vielleicht am Vortag noch gestreichelt hatte. Ich habe all das nicht als Problem empfunden, einfach, weil es so eben so war. Ich habe aber auch erlebt, dass alles in Kreisläufen ablief. Es wurden nicht zehn Schweine auf einmal geschlachtet, die dann eingefroren oder verkauft wurden. Stattdessen wurde zu ganz besonderen Anlässen ein Schwein oder ein Huhn geschlachtet und es wurde alles verwertet. Und es gab nicht jeden Tag Fleisch, Käse oder Wurst. Mein Essverhalten hat sich eigentlich seit meiner Kindheit nicht wesentlich verändert. Rotes Fleisch mochte ich noch nie, esse ich dementsprechend auch nicht oder nur in absoluten Ausnahmefällen. Weißes Fleisch esse ich vielleicht einmal im Vierteljahr, wenn überhaupt. Wurst mag ich gar nicht, Schinken nur zum Spargel. Dafür esse ich gern Fisch. Und eben geschmolzenen Käse, Camembert und Frischkäse. Milch trinke ich überhaupt nicht und Joghurt steht auch selten auf dem Speiseplan. Alles in allem ist, so glaube ich, mein Fußabdruck, was die Ernährung betrifft, eher klein. Soll ich nun auch noch auf das bisschen, was ich mag, verzichten? Und dann die Frage: Erreiche ich damit, dass die Tiere weniger leiden?

Damals, als Shell die Brent Spar im Nordatlantik versenken wollte, habe ich erlebt, was der Protest von Verbrauchern bewirken kann. Natürlich war auch das am Ende ein Pyrrhussieg, denn während die Brent Spar fachgerecht an Land entsorgt wurde, verschwanden andere Ölplattformen, an denen Shell ebenfalls eine Aktie hatte im Meer, floss Öl aus Tankern an die Strände und und und. Natürlich kann man sagen, dass wir als Verbraucher es in der Hand haben. Dass unser Kassenbon der Stimmzettel ist, wie es so schön heißt. Ich glaube das nicht und ich empfinde es mehr und mehr als Betrug und als Frechheit, das zu suggerieren. Ob ich mir nun ein wenig Krümelkäse über meine Pizza streue oder darauf verzichte: Das ändert zunächst einmal nichts. Und da müssen wir uns keiner Illusion hingeben, 80 Prozent der Menschen in westlichen Industrienationen denken überhaupt nicht über so etwas nach und lass es vielleicht 20 Prozent von diesen 80 sein, die man eventuell noch über Aufklärung oder Werbung erreichen kann, aber dem Rest ist das egal. Wirklich egal. Warum das so ist, das steht auf anderen Blättern, darum soll es hier jetzt auch nicht gehen.

Mich haben die Kommentare der Veganer trotzdem bewegt, weil sie natürlich Recht haben. Es ist vollkommen absurd, unter welchen Bedingungen sogenannte Nutztiere heute leben. Schon der Name "Nutztier" ist völlig daneben. Ich muss hier keine Bilder von gequälten Kreaturen mehr posten. Wir alle wissen, was hinter den Mauern der Massentierhaltung abläuft, und blenden dieses Leid konsequent aus, während wir die abgepackten Waren in unseren Korb legen, auf denen glückliche Kühe und Schweine abgebildet sind. Es gibt heute keinen Genuss mehr, ohne dass Tiere dafür malträtiert werden. Alles, was uns vorgegaukelt wird, ist gelogen und dient einem einzigen Zweck: der Geldvermehrung. Es geht darum, möglichst viel aus dem Vieh herauszupressen. Auskotzen müssten wir den Dreck. Am besten direkt vor die Ställe. Oder vor die Füße derer, die das zu verantworten haben. Die Lüge, dass wir als Verbraucher dafür verantwortlich sind, weil wir das ja alles so wollen, hat man uns lange genug aufgetischt. Jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung von Neurobiologie und von Werbung hat, der weiß, wie Begehrlichkeiten geweckt werden. Wie leicht es ist, eine Sehnsucht in unser Hirn zu pflanzen. Wie simpel man Wohlgefühl in ein Produkt zaubern kann. Und wie gut es sich mit einem schlechten Gewissen arbeiten lässt und wie hoffnungslos manipulierbar wir sind, weil wir verlernt haben, unseren Gefühlen zu vertrauen.

Es ist schon spannend, was so ein bisschen geschmolzener Käse und ein Spruch auslösen können. Zwei Tage ist das jetzt her und während ich hier sitze und schreibe, merke ich, wie der Zorn über die Tatsache in mir hochkocht, dass man uns als Verbraucher den Schwarzen Peter zuschiebt, wo doch die eigentlich Verantwortlichen auf ganz anderen Stühlen sitzen. Natürlich kann ich auf Käse verzichten. Ich bin heute in einen Biomarkt gegangen und habe mir die vegane Variante gekauft. Und siehe da – veganer Käse schmeckt. Es würde mir also nicht einmal besonders schwerfallen, mich umzustellen. Aber darum geht es nicht. Viel entscheidender als unser Verzicht ist die Frage, wie wir wirklich etwas bewegen können. Wie wir an die Menschen herankommen, die den Schalter bedienen. Sie sitzen in der Politik und in der Wirtschaft und sind durch meinen Käseverzicht nicht zu beeindrucken. Da braucht es schon ein Lauffeuer und das auszulösen wird nicht dadurch gelingen, dass man an das schlechte Gewissen der Fleisch- oder Käsekonsumenten appelliert. Am Ende landen wir wie bei all den anderen Problemen, ob es nun die Energiewende, der Plastikmüll, das Massensterben oder die Ausbeutung der Ressourcen und der Tiere ist, an ein und demselben Punkt. Es gibt Menschen, die Macht und Geld über die Würde, die Achtung und den Respekt vor dem Leben stellen. Das ist die Stelle, an der uns alles entglitten ist. Es sprengt den Rahmen eines Blog-Posts, das zu vertiefen, aber vielleicht regt es Dich liebe Leserin, lieber Leser an, weiter darüber nachzudenken. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Schlüssel für die Veränderung darin liegt, selbst ein würdevolles Leben zu führen und damit auch das Leben anderer zu respektieren. Sich nicht davon beirren zu lassen, dass man als linksversiffter Träumer abgestempelt wird, sondern einfach Haltung zu zeigen. Und dazu vielleicht doch mal den veganen Käse zu probieren.


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