Freitag, 16. März 2018

An Vergebung glauben

Draußen vor meinem Fenster schneit es. Keine großen Flocken und der Schnee tanzt auch nicht sanft nach unten, sondern lässt sich vom kalten Wind durch die Straßen treiben. Bald ist Frühlingsanfang und nichts sehne ich mehr herbei, als einen warmen Sonnenstrahl, der auf meinen Körper fällt und meine Schultern entspannen lässt. Dessen Wärme sich wohlig ausbreitet und der mir von den himmlischen Momenten erzählt, die der nächste Sommer verspricht.



Ich schaue dem Schnee zu und lasse meine Gedanken mit ihm fliegen. Er treibt sie zurück zu dem Tag, als ich im ehemaligen KZ Sachsenhausen in einer der Baracken stand. Fassungslos bei der Vorstellung, was Menschen Menschen antun. Wie hypnotisiert las ich die Berichte über Ärzte, die ausgemergelten Kindern Gelbsuchtviren spritzten, die zusahen, wie diese Kinder sich quälten und die im Anschluss an den Arbeitstag im Lager nach Hause zu ihren eigenen Kindern gingen, sie in die Arme nahmen, mit ihnen spielten oder scherzten.



"Wir müssen an Vergebung glauben", so die Worte Eugen Drewermanns in seinem Vortrag anlässlich des Chemnitzer Friedenstages. Wir müssen autonom sein, kritisch sein, Verantwortung übernehmen. Wir hätten eine moralische Pflicht, den Krieg zu verweigern. Wir müssen aus der Masse heraustreten, selbstbestimmt – ein Individuum sein. "Jeder trägt ein Wort, einen Ton, einen Inhalt in sich. Mit jedem von uns ist etwas gemeint."

Kennst Du Deinen Ton?

Ich wusste nicht, dass meiner so tief ist. Fast männlich klingt. Immer, wenn ich versucht habe, das OM höher anzusetzen, rutschte es wieder nach unten. Ein ungewöhnlicher Ort für ein OM-Chanting. Ein Raum am Rande des Grauens. Hinter einem Wachturm gelegen und inmitten des Zentrums, in dem man derer gedenkt, die lange nach der Befreiung Sachsenhausens von den Befreiern noch im Lager inhaftiert und gefoltert wurden oder die man verhungern ließ. 60.000 Menschen – eine Mittelstadt in der Kleinstadt.



Wir sind zu neunt. Drei sitzen mit dem Rücken zur Kreismitte, sechs mit dem Gesicht zur Mitte außen herum. Die Augen geschlossen und trotzdem alle Sinne wach, denn sehen kann man auch, wenn man nichts sieht. Während das OM den Raum und den Körper füllt, spielt sich das Wesentliche in jedem einzelnen von uns ab. Ich fühle mich eingebunden und gehalten. Ein überraschendes Gefühl, wenn ich mir dabei vor Augen führe, wo ich gerade bin. Aber es trägt mich über die 45 Minuten und lässt mich ahnen, was es gebraucht hat, um den Horror, der hier tobte, zu überleben. Es ist neben vielen anderen Komponenten das Wissen darum, wofür ich hier auf dieser Welt bin. Nennen wir es Sinn oder wie die Japaner: das Ikigai – das, wofür es sich zu leben lohnt.

Kennst Du Deinen Sinn?

Jetzt tanzen die Flocken. Manche sind schneller, andere fliegen wieder Richtung Himmel, die, die nah  am Fenster sind, fallen langsam. Ist es richtig, in einem KZ zu chanten? Hat es einen Sinn? Macht es die Welt besser? Schadet es dem Ansehen? Verhöhnt man gar die Opfer?
Antworten auf die Fragen zu finden, überlasse ich jedem selbst. Meine lauten: Ja, es ist richtig. Es macht Sinn. Ob es die Welt besser macht, weiß ich nicht, aber ich kann sagen, dass es mich verändert hat. Allein meinen Ton zu finden, war ein Geschenk. Dem auf der Spur zu sein, was wir brauchen, um Frieden zu erhalten, war ein Anstoß und jeder, der das Tor zu diesem Ort durchschreitet, bringt etwas von sich hinein. Wenn es ein friedlicher Ton ist, um so besser.



"Mensch-sein heißt Bewusst-sein und Verantwortlich-sein", sagte Viktor Frankl, der Theresienstadt, Auschwitz und Dachau überlebte und seine gesamte Familie verloren hat. "Vielleicht wäre ich als Befehlsempfänger oder Schweigender mitverantwortlich für das Leid anderer Menschen geworden", sagt Max Mannheimer, ein anderer Überlebender des Holocaust." "Sei, wer Du bist", sagt Drewermann und "verschaffe der Lyrik deiner Seele Gehör."

Zwei Ringeltauben sitzen auf den Zweigen vor meinem Fenster. Sie turteln und lassen sich auch nicht von der Krähe stören, die über ihnen hockt, den Kopf neigt und das Spiel der Liebenden argwöhnisch beobachtet.

Wir müssen an Vergebung glauben.

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