Dienstag, 20. Februar 2018

Die Beweger – Stefan Kruecken, Verleger vom Ankerherz Verlag

Die Beweger – meine neue Reihe hier auf der Spaziergängerin. In loser Folge stelle ich Euch Menschen vor, die unsere Gesellschaft bereichern. Die etwas anstoßen, die nicht wegschauen, die nicht quatschen, sondern machen. Manche sind bekannt, andere weniger. Gemeinsam haben sie alle, dass sie etwas bewegen. In unseren Herzen und in unseren Köpfen.
Den Anfang macht Stefan Kruecken, Verleger vom Ankerherz Verlag. Ich war mit ihm und 31 anderen Gästen für sechs Tage auf dem Nordatlantik unterwegs. Eine Reise, die nicht nur bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen hat.


Es ist der letzte Abend. Die Norröna, das Fährschiff, das zwischen Dänemark und Island pendelt, rollt in den Wellen. Hinter uns liegen sechs Tage auf dem Nordatlantik. Wir sitzen im Bord-Restaurant und gut zwanzig Augenpaare schauen auf Dietmar. Er ist einer aus unserer Gruppe, ein alter Kapitän zur See und er erzählt gerade von dem Augenblick, als er nachts, 17 Jahre jung, mit zwei anderen Schiffsjungen von Bord eines Frachters in den Mississippi sprang, um sich in Amerika ein neues Leben aufzubauen. Einer von ihnen schafft es nicht ans Ufer. Nachdem alle Versuche, ihn über Wasser zu halten, erfolglos geblieben waren, ging er unter den entsetzten Blicken seiner Freunde unter. Ob diese Geschichte ihn heute noch bewegt, will Stefan Kruecken von dem über 70-Jährigen wissen. Was dann passiert, wird uns Zuhörern für immer im Gedächtnis bleiben. Die Stimme des Kapitäns bricht und Tränen laufen ihm über die Wangen. „Jeden Tag“, antwortet er. „Jeden Tag.“ Stille. Die Minuten vergehen. Keiner von sagt etwas, bis Dietmar selbst wieder das Wort ergreift. Er ist nicht der einzige, der Tränen in den Augen hat. Jeder von uns kann sich ausmalen, was es bedeutet, mit so einer Geschichte durch das Leben zu gehen.

Stefan Kruecken, der als Polizeireporter bei der Chicago Tribune gearbeitet hat, Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ war, sagt etwas später zu mir: „Das ist mein Antrieb. Solche Geschichten müssen in die Welt.“

Bücher, die im Ankerherz Verlag erscheinen, sprechen eine Sprache. Erzählt sind sie von Menschen für Menschen, immer unmittelbar. „Wir lieben Geschichten, die zeitlos und auch einen Tick romantisch sind und auf der Metaebene wirken, so dass die LeserInnen sie auf sich adaptieren können. Es ist eine bestimmte Art zu erzählen, damit sich die Kraft besser übertragen kann. Die Menschen erkennen sich oder entdecken etwas in sich, dass sie bewegt oder anstößt.“



24 Bücher sind bisher erschienen, sechs davon standen oder stehen auf der Spiegel Bestsellerliste. Ganz aktuell „Unter Palmen aus Stahl“, in dem Dominik Bloh von seinem Leben auf der Straße erzählt. „Natürlich freut mich das sehr, wenn ein Buch auf der Bestsellerliste landet, aber es ist nicht der Antrieb, ebenso wie Wachstum oder ein steigender Umsatz nicht die Motivation sind. Viel wichtiger ist für uns, wertvollen Themen eine größere Stimme zu geben. In unserer Gesellschaft schaut man zu sehr auf die Arschlöcher und vergisst die, die wirklich etwas leisten. Solche Geschichten müssen gefeiert werden. Dafür steht Ankerherz. “

Und wie begann das alles? „Bevor es Ankerherz gab, hatten meine Frau Julia und ich schon Geschichten von Kapitänen gesammelt. Es gab auch interessierte Verlage, aber wir merkten schnell, dass die Art, wie sie das Buch verlegen wollten, unsere Ideen zu sehr beschnitt. Wir wollten es anders machen und so entstand der Gedanke, den Schritt zu wagen und einen eigenen Verlag zu gründen. Der Erfolg gab uns recht, es funktionierte. Natürlich erlebten wir Höhen und Tiefen. Nachdem wir den „Alten Tanzsaal“ in Hollenstedt als Verlagsbüro, Verkaufsraum und Veranstaltungsort umgebaut hatten, wollten wir die Bewohner des Ortes zu einem Kennenlernen einladen. Wir hatten alles vorbereitet, Essen stand da, es gab Getränke, doch es kam nur ein einziger Mann und der wollte eigentlich gar nicht zu uns. Als etwas später Axel Prahl bei uns las, war der Laden rammelvoll. Mittlerweile sind wir hier angekommen und etabliert.“

Aber wie findet man solche Geschichten? Seenotretter oder Barmherzige Schwestern gehen selten mit dem, was sie erlebt haben, hausieren und sicher ist auch nicht jeder Kapitän eine Plaudertasche? „Dahinter steckt eine gute Recherche, journalistisches Handwerk eben. Ich gehe mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, bin nach wie vor viel unterwegs und sehe eben einiges. Außerdem ist es heute sogar so, dass die Geschichten uns finden. Dass Menschen bei Ankerherz anrufen und sagen: »Ich habe da was für Euch, was ich gern erzählen würde.« Wenn ich so nachdenke, war es eigentlich nie das große Thema, Geschichten zu finden. Für uns stand von Tag eins an eher die Frage im Raum, wie wir die Geschichten zu den Lesern bringen. Wir haben schnell kapiert, dass der Buchmarkt nicht besonders innovationsfreudig, sondern ziemlich verkrustet ist. Also haben wir gedacht: Ok, gehen wir eben neue – also andere – Wege. Darum die Reisen, darum die Veranstaltungen, das Radio, darum die Klamotten. Wir transportieren damit etwas, kommen so viel besser an den Leser ran und ziehen auch automatisch die Leute an, die zu uns passen.“

Nicht nur, es gibt auch reichlich Gegenwind, denn Ankerherz steht für Weltoffenheit, was nicht jedem in den Kram passt. Ob direkt auf der Facebook-Seite oder auf den Profilen von Kapitän Schmidt und Kaptitän Schwandt – die Pöbler und Hetzer lassen kaum eine Gelegenheit aus, den Verlag für seine klare Haltung gegen Rechts zu diffamieren oder zu beschimpfen. Das reicht hin bis zu persönlichen Drohungen und Verleumdungen. Wie geht man damit um? Und wird einem das nicht irgendwann zu viel? Muss ein Verlag überhaupt politisch sein? Es wäre doch bequemer und entspannter, sich aus allem rauszuhalten. Stefan Kruecken schüttelt den Kopf. „Nein, man kann heute nicht unpolitisch sein. Wenn eine Partei wie die AfD im Bundestag sitzt, dann ist es unsere Pflicht, sich dagegenzustellen. Der Gegenwind ist ok. Für mich ist es sogar eine Verpflichtung, mich zu engagieren. Wir haben eine große Leserschaft und damit trage ich auch eine Verantwortung. Außerdem haben Julia und ich vier Kinder, wir leben in einem tollen Land und ich setze mich eben dafür ein, dass es so bleibt. Dazu kommt, dass ich derweil eine gewisse Souveränität und Pragmatismus vermisse. Wenn wir uns ehrlich umschauen, dann fehlt es uns doch an nichts. Dieses Gemeckere und Gemoser verstehe ich manchmal einfach nicht. Es macht mich ratlos und da sind die sozialen Netzwerke auch ein guter Kanal, um das zu kommunizieren. Außerdem stört mich, dass immer mehr Leute offensichtlich den Respekt vor bestimmten Berufsgruppen verlieren – vor Feuerwehrleuten oder Polizisten zum Beispiel. Der Autor des Buches »Der Sturm«, Sebastian Junger, hat dazu seine ganz eigene These. Er sagt, dass eine Gesellschaft durch den Respekt vor diesen Berufsgruppen getragen wird. Wenn wir ihn verlieren, verliert unsere Gesellschaft ihren Halt. Ich mag den Dialog mit Menschen, dieses unmittelbare Feedback und es ist eben eine gute Möglichkeit, unsere Anliegen rüberzubringen, denn ich will in einer starken Gemeinschaft leben.“


Gab es einen ganz besonderen Moment in der Ankerherz-Historie? Stefan Kruecken muss nicht 
lange überlegen. „Ja, den gab es zweifellos. 2011 auf der Buchmesse in Frankfurt. Island war Ehrengast der Messe und wir stellten unser Buch »Go∂afoss« vor. Ein isländischer Reporter hatte 
für das Buch Überlebende der Katastrophe, die sich 2011 zum 67. Mal jährte, ausgemacht und interviewt. Die Go∂afoss war ein Passagierschiff, das 1944 von einem deutschen U-Boot versenkt wurde.  42 Menschen kamen damals ums Leben, darunter auch eine Familie mit drei kleinen Jungs. Jedenfalls hatte ich den Funker gefunden, der zu der Zeit auf dem deutschen U-Boot diente. Horst Koske, er war 17, als es geschah. Ein junger Kerl, Kanonenfutter. Ankerherz brachte ihn zur Lesung nach Frankfurt, genau wie einen der Überlebenden, Sigurdur Gudmundsson. Es war ein historischer Moment, womit aber niemand rechnete, war, dass Sigurdur Gudmundsson aufstand, auf Horst Koske zuging, ihn umarmte und sagte: »I don’t hate you! I love you, I love you!« 
Dann weinten beide Männer und umarmten sich wieder und mit ihnen weinten alle 200, die im Saal 
saßen. Ich wusste, wie viel Angst Koske vor dieser Begegnung hatte. Wie viele Albträume ihn 
über all die Jahre gequält hatten. Immer war es dasselbe Bild: Er lief auf einen großen Sandhügel und ertrank dann in ihm.  Jetzt schien er erlöst, erzählte später, dass der Albtraum nie wiedergekommen ist. An dem Tag der Begegnung saßen wir abends alle zusammen beim Essen und ich wusste tief in mir, dass so ein Moment der Grund dafür ist, warum ich das alles mache. Das Buch war wirtschaftlich überhaupt kein Erfolg, aber dieser Augenblick hat mir viel mehr gegeben, als es wirtschaftlicher Erfolg hätte tun können.“

Und wie kommt es, dass Ankerherz jetzt Reisen anbietet?
„Ja, warum passieren die Dinge so? Das ist eine gute Frage. Vor zwei Jahren hatten Kapitän Schwandt und ich für die letzten Interviews für »Sturmwarnung« die Fahrt auf der Norröna nach Island gebucht. Schwandt liebt den Nordatlantik und es war wirklich eine irre Reise. Wir hatten neun Meter hohe Wellen, aber auch Momente, in denen das Meer spiegelglatt war. Ich dachte damals oft, was für ein Geschenk doch dieses Leben ist und wie toll, wenn man Dinge bewegen kann und dann sieht, dass auch etwas passiert. Daraus entstand die Idee, diese Reise anzubieten. Einfach auch weil ich weiß, dass der Nordatlantik und seine Inseln niemanden unberührt lassen. Es geschieht etwas mit den Menschen und das tragen sie dann weiter“, sagt Stefan Kruecken, während er hinaus auf das Wasser schaut.


 Was er sich für Deutschland wünscht, will ich am Ende unseres Gesprächs von ihm wissen.

„Dass unser Land so weltoffen bleibt. Ich werde, wenn ich irgendwo in der Welt unterwegs bin, oft darauf angesprochen, wie großartig Deutschland das 2015 gemacht hat. Wir werden von außen ganz anders wahrgenommen, als es hier von innen den Anschein hat. Wir haben uns die Freiheit und die Demokratie auch erkämpfen müssen und wir sind doch ein tolles Land, das müssen wir gegen die Miesmacher verteidigen. Es darf nicht passieren, dass die Dinge wieder zurückgedreht werden. Ich mag das Land einfach sehr gern und ich bin auch zuversichtlich, ein optimistischer Mensch.“

Vielen Dank, Stefan Kruecken! 

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