Sonntag, 7. Januar 2018

Zwei Seiten einer Insel

Als ich die ersten Schritte aus dem Flughafen von Mytilene gehe, gibt die Sonne ihr Bestes. Der Himmel ist fast wolkenlos, im Gegensatz zu Berlin ist es warm, ich sehe das strahlend blaue Meer, die Palmen. Nichts, das von den Dramen erzählt, die sich hier abgespielt haben und immer noch abspielen. Auch später, als ich vom Hotel die Hafenbucht entlang bis nach Kara Tepe, einem der offiziellen Camps hier auf Lesbos laufe, bleiben die Hinweise dürftig.


Jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten offenbaren sie sich leise. Da sind die jungen Männer, die am Hafenbecken stehen und angeln. Verstohlen blicken sie sich hin und wieder um, so als seien sie auf der Hut. Da sind die zwei Frauen, die mit ihren Kindern am Straßenrand Richtung Moria entlanglaufen. Man hätte sie für Griechinnen halten können, wären da nicht die Schuhe. Ausgetretene Billig-Crocs bei den Müttern, bunt zusammengewürfeltes und kaum passendes Schuhwerk bei den Kleinen. Ich muss schmunzeln, denke an die Mär von den Markenschuhen, die alle Flüchtlinge angeblich tragen. Ja, vielleicht jene, die zuerst kamen. Jene, die in Syrien ein wohlhabendes Leben geführt, später ihr Haus oder ihr Unternehmen verkauft haben. Auch die gibt es. Warum sollten denn Flüchtlinge auch per se arm sein? Weil sie dann besser in unser Weltbild passen?



91.506 Menschen sind 2016 nach offiziellen Angaben auf Lesbos angekommen. Seit dem Deal mit der Türkei, der sich im März zum zweiten Mal jährt, hat ein großer Teil davon die Insel noch immer nicht verlassen. Und es kommen nach wie vor neue an. 1.956 allein im Dezember 2017. Man sieht sie kaum, weil sie mehr oder weniger eingesperrt sind. Überwiegend im "Camp" Moria, das sich ungefähr eine Dreiviertelstunde Gehzeit von Mytilene entfernt befindet. 5619 Menschen leben dort. Wobei "leben" nicht das umschreibt, was Moria kennzeichnet. Aber dazu später mehr. Zunächst einmal sind das Zahlen. Lebendig werden sie, als ich mich dem "Little Happy Family" Center nähere, das Michael Räber, der seit 2015 hier auf Lesbos agiert, ins Leben gerufen hat. Eine ausgediente Fabrikhalle, in der nun rund 100 Menschen Platz haben, Tee trinken, etwas essen, sich aufwärmen können und in den fünf eingebauten Kabinen ihre Babys und Kleinkinder duschen und pflegen können.

Als ich aufkreuze, werde ich sofort von einer Kinderschar umringt. Sie lächeln, fassen mich an, sagen "Hello", winken. Ich lächle zurück und weiß einen Moment lang nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll. Ich horche in mich hinein und finde diesen Zustand, dass ich sofort als jemand wahrgenommen werde, der "anders" ist, ein freies Leben führt, absolut zwiespältig. Ich schiebe das beiseite. Zeit, weiter darüber nachzudenken, gibt es sowieso nicht, denn Hüseyin kommt mit dem Kleinbus vorgefahren, hupt und lädt mich ein, ihn auf der Tour nach Moria zu begleiten. Hüseyin kommt wie Räber aus der Schweiz, ist hier Volontär und als solcher auch schon seit 2015 immer mal wieder auf Lesbos gewesen. Jetzt lenkt er den Shuttlebus zwischen dem Camp und dem HLF Center, damit die Familien den weiten Weg nicht zu Fuß gehen müssen.

Hüseyin 


Ich steige in den Wagen und innerhalb von Sekunden habe ich ein Kleinkind auf dem Schoß, eine schwangere Frau neben und ein weiteres Kind vor mir, das sich zwischen uns und das Amaturenbrett klemmt. Ungefähr vier weitere Mütter mit ihren Kinder quetschen sich in das Auto, die Kinder sind fast alle verrotzt, viele husten. Aber die Stimmung ist ausgelassen, man spürt, dass es sowohl die Mütter als auch die Kinder genießen, wenigstens für ein paar Stunden dem Camp-Alltag entfliehen zu können.

Die Sonne steht schon tief, als wir den Hügel nach Moria hochfahren. Hüseyin muss immer wieder hupen, damit die Menschen, die sich links und rechts auf der Straße bewegen, zur Seite gehen. Hier zeigt die Insel plötzlich ihr zweites Gesicht. Hier verkriecht sich die Urlaubsstimmung, hier präsentiert sich das Elend, das Politik anrichten kann, auf einem Silbertablett. Wäre ich eine Kamerafrau und würde ich einen Film drehen, dann wäre dieser Weg der erste Moment, an dem ich die Einstellungen ändern, auf Zeitlupe und "Tilt Shift" Modus umstellen würde, um die Bilder, die eh schon intensiv sind, noch intensiver einzufangen. Es ist für mich, so oft ich schon hier war, immer wieder vollkommen unbegreiflich. Wie man – wer auch immer dieses ",man" repräsentiert – es zulassen kann, dass Menschen unter solchen Bedingungen leben. Ich werde über Moria noch ausführlicher berichten, obwohl mir eigentlich die Worte dafür fehlen.


Ein Blick in das "Little Happy Family" Center


Fünf Mal werden Hüseyin und ich an diesem Nachmittag noch zwischen Moria und dem HLF Center hin und her fahren, insgesamt hat er die Tour an diesem Tag 35 Mal absolviert. Als wir die letzten Menschen verabschieden, hat sich auch die Sonne längst hinter den Horizont verzogen. Die Temperaturen sind auf fünf Grad gefallen, die Luft ist feucht und es riecht nach dem ätzenden Rauch, der von den vielen Feuern stammt, die die Flüchtlinge zwischen den Zelten anzünden, um die Kälte der Nacht zu vertreiben. Während ich mich später in ein warmes Doppelbett fallen lasse, müssen sie in ungeheizten Zelten aushalten. Zusammenpfercht wie Vieh. Im Stich gelassen von einem der reichsten Kontinente dieser Welt.


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