Dienstag, 9. Januar 2018

Wie der Himmel und das Meer

Gestern war einer der Tage, an dem das Meer so silbrig war, dass es sich mit dem Blaugrau des Horizonts vermischte. Vielleicht war es auch umgekehrt, man weiß es nicht so genau, jedenfalls musste ich ständig die Augen zusammenkneifen, weil das Licht so blendete. Seit drei Tagen bin ich auf Lesbos, habe mich wieder daran gewöhnt, mich im Einbahnstraßennetz von Mytilene zu bewegen und das während gefühlt 20 Mopeds von allen Richtungen mein Auto einkreisen. In Griechenland Auto zu fahren, ist ein Abenteuer, eines von denen, die gefährlich sind und trotzdem Spaß machen. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.


Vielmehr geht es darum, wie sich die Ereignisse und Gefühle hier auf so wunderbare Weise wie der Himmel und das Meer vermengen. Wie bei meinem ersten Besuch von Doc Mobile – Medical Help e.V., der ebenso von wechselnden Emotionen geprägt ist. Ich treffe Helen, eine Ärztin im Ruhestand aus der Schweiz, in einer der Gassen von Mytilene. Wir hatten uns per WhatsApp verabredet. Sie zeigt mir die Wohnung, wo einige der Volontäre und Ärzte, die für den Verein auf der Insel tätig sind, untergebracht sind. Sie stellt mich vor, wir plaudern kurz, dann geht es rüber zum "One Happy Family" Community Center, das unweit von Moria entfernt, ebenso wie das "Little Happy Family" Center auf einem ausgedienten Fabrikgelände liegt. Beide Center sind von Schwizerchrüz ins Leben gerufen und gemeinsam mit Flüchtlingen und Volontären auf die Beine gestellt worden.

Das kleine Häuschen von Doc Mobile

Als ich ankomme, herrscht schon emsiges Treiben. Das Gelände ist übersichtlich aufgeteilt, es gibt ein GYM, eine Bücherei, eine Schule, einen Sportraum nur für Frauen, einen Spielplatz, eine Halle, wo gegessen wird. Ja, es gibt sogar einen kleinen Garten und ein Holzhäuschen, in dem die Ärzte von Doc Mobile medizinische Hilfe leisten. Momentan sind zwei Ärzte vor Ort. Amro, ein Syrer, der schon seit längerer Zeit in Los Angeles lebt und Helen, die 67 Jahre alt ist und eigentlich in der Schweiz ihren Ruhestand genießen könnte. Außerdem mit dabei: Belen aus Spanien, die als Krankenschwester und Koordinatorin arbeitet, Spyros, ein griechischer Volontär und Abdullah aus dem Camp Moria, der bei der Übersetzung hilft.

Helen und Amro

Ich setze mich zu Helen ins kleine Behandlungszimmer. Um 12:00 Uhr beginnt die Sprechzeit und der Warteraum ist bereits gefüllt. Eine schwangere Frau ist Helens erste Patientin. Sie kommt mit ihrer Tochter herein, die gut Englisch spricht und übersetzt.

"Was fehlt Ihnen?", fragt Helen, lächelt die Frau freundlich an und streicht ihr über den Arm. Die Tochter übersetzt, erzählt, dass die Mutter immer wieder weint und sich sorgt, was aus ihrem Baby werden wird, wenn es hier in Moria auf die Welt kommt. Sie kann nachts nicht schlafen, übersetzt die Tochter weiter, sie hat Heimweh und ihr Sohn, der schon in Schweden ist, fehlt ihr. Wir erfahren noch mehr über die Familie. Dass es insgesamt vier, bald fünf Kinder sind, dass sie seit Jahren auf der Flucht sind, aus dem Iran kommen, aber auch dort keine richtige Heimat hatten. Dass die Mutter Künstlerin ist, malt, stickt und strickt. Während die Tochter übersetzt, weint die Frau immer wieder. Helen streichelt ihr den Arm, versucht sie beruhigen, ihr Empathie zu geben. Mehr kann sie nicht tun, denn Medikamente will sie in diesem Fall, da die Frau im siebten Monat schwanger ist, nicht verordnen. Es fällt ihr schwer, das merkt man ihr an. Gern würde sie mehr tun. So misst sie wenigsten noch den Blutdruck und gibt ein paar Tipps, um die Resilienz der Frau zu stärken. Dann verabschiedet sie die beiden.

Als die sie raus sind, atmet Helen tief durch, erzählt mir von ihrer Zeit hier. Dass sie eine Woche lang die einzige Ärztin war, dass sie krank geworden ist, weil die Belastung zu groß war und wie die Realität ihre Erwartungen zerschlagen hat. Dass viele der Probleme, die hier in dem kleinen Holzhäuschen aufschlagen, eigentlich psychischer Natur sind, es dafür aber keine Ärzte und keine Behandlungsmöglichkeiten in Moria gibt. Und sie erzählt mir von der seltsamen Erfahrung, dass viele, die sie behandelt hat, den Raum einfach verlassen, ohne sich von ihr zu verabschieden, ohne sie noch einmal anzusehen. Und es stimmt, während der nächsten drei Stunden, die ich mit ihr gemeinsam in dem kleinen Raum sitze und beobachte, kann ich diese seltsame Distanz, die sich manchmal schon fast wie Ärger oder Arroganz anfühlt, ebenso wahrnehmen. Dabei ist dem nicht so. Helen, die jedem, auch denen, die wahrscheinlich nur kommen, um ein wenig getröstet zu werden, mit derselben Aufmerksamkeit und Empathie begegnet, sieht die Ursache eher in einem Gefühl, dass manchmal den Anschein von Überheblichkeit hat. Dabei ist es Scham.

Als Helen diese Vermutung äußert, muss ich an die vielen Erfahrungsberichte von Helfern aus Deutschland denken. Auch darunter waren immer wieder solche, in denen es von Worten wie Undankbarkeit, Überheblichkeit und ausnutzen, nur so wimmelte. Aber gehen wir doch mal einen Monat in den Schuhen der anderen, wie es eine alte Indianerweisheit fordert. Wie fühlt man sich, wenn man auf der Flucht ist und überall, wo ankommt, Bittsteller ist? Wenn man sich nicht richtig waschen kann, man Kleider trägt, die eigentlich nie richtig passen, weil man sie sich nicht in einem Geschäft aussuchen kann. Wie muss es sein, täglich sein Essen und alles, was man für seinen Bedarf benötigt, von Hilfsorganisationen zu bekommen? Wie fühlt es sich an, wenn man sich selbst schmutzig, unbedeutend und nicht gewollt vorkommt?

Als ich das Häuschen von Doc Mobile verlasse, steht vor der Essensausgabe bereits eine lange Schlange. 400 bis 500 Essen, manchmal auch mehr, werden hier tagtäglich ausgegeben. Frisch zubereitet von einem Team aus Flüchtlingen und Volontären. Abwechslungsreicher als der tägliche "Pamps", den es in Moria gibt und für den man mitunter mehr als drei Stunden anstehen muss. Wie schon am Samstag im Little Happy Family Center werde ich von einer Kinderschar umringt. Sie ziehen an meinem Fotoapparat, wollen sich gegenseitig fotografieren und lachen ausgelassen über ihre Bilder, während ich ihnen zuschaue und an den Himmel und das Meer denke, die sich, wie meine Gefühle in diesem Moment so wunderschön vermischen.







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