Montag, 8. Januar 2018

Von wahren Krisen und Opfergehabe

Es ist das vierte Mal, dass ich auf Lesbos bin, seit die sogenannte "Flüchtlingskrise" diese Insel beherrscht. Flüchtlingskrise – das Wort hat mich von Beginn an gestört. Denn jene, die es benutzen, sind nicht die, die in einer Krise stecken. Jene, die es nutzen, haben alle Mittel, die angebliche Krise umgehend zu beenden. Eine wahre Krise ist es nur für die Flüchtlinge selbst, denn ihnen sind die Hände gebunden. Sie sind der Willkür ausgesetzt, der Gesetzlosigkeit, die zum Beispiel in Moria herrscht, sie sind dem Tod ausgeliefert, weil jene, die sich in ihrer Krise gut eingerichtet haben, den Opferstatus missbrauchen.


Wer meine Wege schon länger verfolgt, der wird sich an meinen letzten Besuch auf dem Friedhof der Refugees auf Lesbos erinnern. Ich war damals mit Thom Held, dem Schweizer Fotografen unterwegs. Eigentlich wollten wir den Friedhof besuchen, ein paar Fotos machen, darüber berichten, doch es kam anders, als gedacht, denn zwei syrische Männer, die kurz zuvor auf dem Weg über das Meer gestorben waren, wurden an diesem Tag beerdigt. Und so standen wir plötzlich mittendrin,

"Lassen den Leichenwagen an uns vorbeifahren. Sehen auch den Bus. Die Kinder. Warten, weil es heißt, dass erst einmal nur die Familienangehörigen und eine Handvoll Menschen, von denen wir nicht wissen, wer sie sind, der kleinen Zeremonie beiwohnen dürfen.

Zeremonie - was für ein großes Wort für das, was man von Ferne beobachten kann. Ein freies Stück Land inmitten eines Olivenhains. Daneben eine Baracke, ein Bagger, ein Pickup, braune Erde, ein paar helle Tafeln an aufgehäufelter Erde. Zwei Leichensäcke, die von Männern getragen und in die Erdlöcher gelegt werden.

Von Ferne kein Geräusch. Kein Weinen. Kein Klagen. Kein Schreien. Dann öffnet sich das Tor.
Es gab keine Glocken. Dafür ein Kind, das nicht begriff, was da geschah. Das immer wieder zu dem Häufchen Erde laufen wollte und "Papa", "Papa" rief. Es gab keine Rede, dafür zwei Frauen, die drei Tage zuvor ihre Männer verloren hatten und die sich nun von fremden Menschen umarmen ließen und die Größe hatten, noch zu lächeln. Es gab keine Musik, dafür Moslems, Christen und Ungläubige, die gemeinsam am Grab standen und weinten. Die Blumen pflückten und sie in die braunen Hügel eingruben. Es gab auch keinen Leichenschmaus, dafür einen Moment, an dem wir alle zusammenstanden und redeten. Alle mit geröteten Augen. Alle bewegt."

Das war am 23. März 2016. Fast zwei Jahre später stehe ich wieder hier. Sehe die Gräber, sehe die, die neu hinzugekommen sind und lese die Namen jener zwei, die damals beerdigt wurden, da mittlerweile Tafeln an ihren Grabhügeln aufgestellt wurden.




Flüchtlingskrise ... ja, hier kann man sie fühlen. Hier stehe ich, nicht weniger fassungslos als vor zwei Jahren, denn die wahre Krise, wenn wir schon davon reden, betrifft vor allem unsere Menschlichkeit. Wie abgestumpft muss man sein, um dieses Leid zu tolerieren. Wie viele Gefühle muss man verdrängen, um nicht zu sehen, dass Europa eine Mitschuld trägt. Denn hier liegen nicht nur die Toten, die es nicht über das Meer geschafft haben. Hier sind auch jene beerdigt, die auf der Insel gestorben sind. Weil die Lebensbedingungen so unwürdig, so unmenschlich sind, dass es manch einer nicht überlebt. Und es ist auch eine Krise für Lesbos selbst. Für die Menschen, die hier wohnen und die als Bollwerk für ein "sauberes" Europa missbraucht werden.

Für Lesbos stehen momentan 4.454 Asylanträge aus. Die meisten davon stammen von Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Darunter sind eine sehr große Anzahl von Familien mit Kindern, die unter zehn Jahren sind. Diese Menschen und all jene, die bisher nicht registriert, die "untergetaucht" sind, aus dieser Notlage zu befreien, wäre ein Handstrich. Aber es ist nicht gewollt.

Den ganzen Text vom März 2016 kannst Du hier lesen: Abschied für immer?

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