Dienstag, 23. Januar 2018

Palermo und der Wandel

Palermo verabschiedet mich am Flughafen mit einer Ausstellung. Ich kann leider kein Italienisch, aber die Bilder sprechen eine Sprache, die jeder versteht. 30 Leichensäcke aus Plastik liegen aufgebahrt, eine Frau weint um ihren Mann, während ein Mann in Verzweiflung gefangen, die Hand einer Helferin hält. Rund 400.000 boat people hat Sizilien 2016 aufgenommen – eine Zahl, die angesichts der Größe Siziliens im Vergleich zu Deutschland gigantisch erscheint, waren es doch bei uns im Jahr 2016 nur gut 200.000.

Natürlich reichen zweieinhalb Tage Palermo nicht, um tief in die italienische Flüchtlingsgeschichte einzutauchen, um zu verstehen, wie die Fäden hier gezogen werden und wer an den Enden sitzt. Aber immerhin ist es genug Zeit, um ein wenig die Oberfläche zu berühren. Ein bisschen wie bei einer Crème brûllée - man kratzt an der Zuckerschicht und weiß, dass unter der klebrigen Kruste noch etwas ganz anderes zum Vorschein kommt. Und dass genau dort all die vielen Geschichten darauf warten, erzählt zu werden. In Palermo zeigen sich die Auswirkungen des Türkei-Deals deutlich. Seit die Fluchtroute über die Türkei geschlossen ist, kommen die Menschen wieder vermehrt über Libyen und damit über Italien nach Europa. Viele von ihnen stranden zunächst hier – die wenigsten von ihnen bleiben, einige fassen Fuß, andere bleiben fremd und auf der Strecke in einer Stadt, die, trotz vieler guter Ansätze, gar nicht die Ressourcen hat, alle mit offenen Armen zu empfangen. 




"Palermo ist keine italienische Stadt mehr. Sie ist nicht mehr europäisch. Man kann durch die Stadt laufen und das Gefühl haben, man sei in Istanbul oder Beirut." Ich muss schmunzeln, als ich die Worte des Bürgermeisters von Palermo, Leoluca Orlando, in einem Interview lese. Mein erster Gedanke geht zu AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen, der irgendwann mal beklagt hat, er würde in seiner Stadt nur noch "vereinzelt Deutsche sehen". Zwischen den ähnlichen Aussagen der beiden Politiker liegen Welten, denn Orlando ist ein Mann, der verstanden hat, dass die Veränderung der Lauf der Dinge ist. Dass sich unsere Welt und damit eben auch das Bild unserer Städte mit der Globalisierung, den Klimakatastrophen und der ungleichen Verteilung von Reichtum wandelt. Wir werden lernen müssen, uns von Schubladen zu verabschieden. Viele scheuen davor zurück, denn Schubladen geben Gewissheit, die wir brauchen, um nicht in Stress und Angst zu verfallen. Ein ehrlicher Blick würde allerdings genügen, um zu erkennen, dass diese Barrieren längst gefallen sind. Dass es sie nie gab, denn Gewissheit war schon immer trügerisch, der Wandel dagegen die Konstante. 



Was auf den ersten Blick verborgen bleibt: Hinter den Mauern in der ersten Etage verbirgt sich ein prunkvoller Palazzo, der übrigens auf der ehemaligen Stadtmauer errichtet ist

Palermo hat einiges an Wandel hinter sich. Die Stadt ähnelt dahingehend vielen Städten, die am Meer liegen und immer schon Ziel von Eroberungen waren. All die Versuche, sich abzuriegeln, sich zu schützen, sind irgendwann fehlgeschlagen. Festungsanlagen und Mauern haben die Zeit nicht überdauert. Sie sind heute Ruinen und ihre Botschaft lautet, dass die Natur keine Grenzen kennt. Nur Übergänge und Veränderung. In Palermo schmilzt diese Erkenntnis zu einem Konzentrat zusammen, hier spürt man auf engstem Raum, dass nichts bleibt, dass alles endlich ist. Während wir in Deutschland gerade versuchen, den Weltrekord in Stillstand und Besitzstandswahrung zu erreichen, hat Palermo im Laufe der Geschichte gelernt, dass flexible Systeme überlebensfähiger sind. Vermutlich wird man irgendwann den Menschen hier ihre Herkunft nicht mehr ansehen, weil sich die Völker durchmischt haben. Was daran ist verkehrt? Wofür spielt es heutzutage noch eine Rolle, ob du Deutscher bist, Ghanaer, Inder, Pakistani oder Amerikaner? Die Grenze existiert doch nur in unseren Köpfen. Und schaut man sich in Palermo um, dann ist es gerade auch die Vielfalt der Einflüsse, die diese Stadt so besonders und wahrscheinlich auch widerstandsfähig macht.




Orlando jedenfalls heißt alle willkommen. Die Bewohner Palermos, die ich gefragt habe, reagieren darauf relativ gelassen. "Wir kennen das doch schon so lange, dass Flüchtlinge hier landen", sagt mein Vermieter. Er ist mit zwei Adoptivbrüdern aufgewachsen, Flüchtlingsjungen aus Afrika. Die Besitzerin eines altehrwürdigen Palazzos, die ich frage, winkt nur ab. "Die meisten ziehen weiter. Und jene, die bleiben, versuchen sich zu integrieren, irgendwie zurechtzukommen." Das fällt nicht leicht angesichts der wirtschaftlichen Situation in Palermo. Besonders die Jugendarbeitslosigkeit ist extrem hoch und auch die Aussichten darauf, später eine Arbeit zu finden, sind nicht gerade rosig. Dabei hat Palermo noch viel Potential. Verglichen mit Barcelona nutzt es nur einen Bruchteil seiner Möglichkeiten, Touristen in die Stadt zu locken und damit Arbeitsplätze zu schaffen. Das Hafengelände ist wie einst Barcelonetta eine Brache, das Müllproblem ist nach wie vor nicht gelöst und wenn man auf den Hausberg Palermos, den Monte Pellegrino wandert, um die grandiose Aussicht zu genießen, landet man irgendwann im Nichts, weil der Weg einfach zu Ende ist.




Und die Refugees? Wie geht es ihnen? Ja, sie prägen das Stadtbild. Besonders, wenn Marktzeit ist, beherrschen Afrikaner und Menschen aus Bangladesch das Straßenbild. Geht man abends durch die Gassen, sitzen viele junge Afrikaner, manche von ihnen noch Kinder, mit Rucksack und Handy auf den Treppen der Kirchen oder auf Plätzen, wo es freies W-LAN gibt. Sie verbringen dort ihre Nächte, warten darauf, dass man ihnen Gelegenheitsjobs anbietet, oder ziehen irgendwann weiter. Der Mann aus Ghana, den ich anspreche, erzählt mir, dass er wieder zurück gehen wird, wenn er genug Geld hat. Er sieht krank aus, ist auffallend dünn, seine Kleider sind schmutzig. Er ist auch einer von denen, die auf der Straße schlafen, für die Orlando zwar offene Arme, aber keine Zukunft hat. 







Wir leben in einer herausfordernden Zeit und irgendwann werden Kinder der übernächsten oder überübernächsten Generation auf unsere Probleme schauen und staunen, wie sich alles verändert hat. Bei einem Spaziergang durch die Stadt hat mich mein Mann an eine Häuserwand geführt. Ich musste mich gegenüber hinstellen und sollte sagen, was dort, wo ich jetzt gerade stehe, früher war. Ich wusste es nicht. Umso überraschender war die Auflösung, denn dort, wo ich stand, war früher das Meer und zwar meterhoch. Das Haus gegenüber war ein alter Speicher und bei genauerer Betrachtung konnte man die Stellen, wo das Wasser seine Spuren hinterlassen hatte, deutlich erkennen. 


Der alte Speicher, einst stand er im Meer


Deutschland wird sich verändern. Wahrscheinlich noch viel drastischer, als es die AfD derzeit befürchtet. Ob das gut ist oder schlecht, können wir nicht wissen. Aber wir können es gestalten. Zu mauern und ängstlich auf seinem Besitz zu hocken, hat keine Zukunft, denn der Wandel ist gerade dann oft erbarmungslos. Was wir brauchen, sind Bereitschaft und neue Konzepte. Und den Mut zur Vielfalt. Palermo hat ihn. Das macht diese Stadt sympathisch und anziehend.






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