Sonntag, 14. Januar 2018

Moria – das Land, in dem man sehen wird

Hin und wieder wird die Stimme von Frank Alva Bücheler, Geschäftsführer des Restaurants LAWRENCE ein wenig brüchig. Als er über die siebenköpfige Familie erzählt, die in Damascus, einen Kilometer von seiner Unterkunft entfernt, Opfer eines Granatenangriffs wurde. Als er die Bilder von den Einschlägen in einer Kirche zeigt, die er tags zuvor noch besucht hatte. 
Seit gut 24 Stunden bin ich wieder in Berlin. Dieselbe Zeitspanne, die die Sondierungsgespräche umfasst hat, um eine Politik zu beschließen, die sich weit über unsere Grenzen hinaus, bis nach Damascus und nach Afrika, auswirken wird. Hier auf meinem Stuhl im LAWRENCE fließt das plötzlich zusammen – Syrien, Griechenland, Deutschland – und wenn ich jetzt reden müsste, dann wohl auch mit einer Stimme, die mein Entsetzen über all das Erlebte der letzten Tage verrät.

Ich hatte mir den Besuch im Camp Moria bis zum letzten Tag aufgehoben. Vielleicht weil ich Angst hatte, vielleicht, weil ich nicht sicher war, ob es eine gute Idee ist, mich in das Lager zu schleichen. Es ist streng verboten, ohne Genehmigung durch das Camp zu gehen und wenn man Aufnahmen macht und dabei erwischt wird, passiert es schon mal, dass die Kamera zerstört und man selbst in Handschellen abgeführt wird. Das wollte ich nicht leichtsinnig riskieren. Trotzdem siegte die Neugier über die Furcht, denn diverse Erzählungen von Flüchtlingen, die seit Wochen, Monaten, ja sogar Jahren im Camp leben, weiterzugeben, ist eine Sache. Es mit eigenen Augen zu sehen, eine andere.

Da ich ein paar Tage zuvor der Organisation Doc Mobile – Medical Help e.V. bei der Arbeit über die Schulter geschaut habe, waren mir ein paar Namen von Flüchtlingen geläufig, die im Camp lebten. Unter anderem der einer Frau. Und so ging ich gemeinsam mit Hüseyin, einem Volontär von Schwizerchrüz zum Eingang und bat freundlich um Einlass, um besagter Patientin etwas Wichtiges mitzuteilen. Viel Hoffnung hatte ich nicht und umso überraschter war ich, als ich gegen einen Pfand, in diesem Fall mein Ausweis, eine Sondergenehmigung erhielt und ins Camp durfte.

Während ich die ersten Schritte lief, vorbei an mindestens zehn Polizisten in voller Montur, schallte über Container und Zelte eine Ansage, die ich nicht verstand, weil sie entweder auf Griechisch oder in einer anderen Sprache gehalten wurde. Ungläubig schaute ich nach oben und tatsächlich, überall waren Lautsprecher angebracht, die zusammen mit dem Stacheldraht und der Mauer die Gewissheit unterstrichen, dass ich nicht in einem Flüchtlingslager, sondern in einem Gefängnis war, denn als solches diente Moria früher und als solches würde ich es jetzt auch noch bezeichnen. Allein die Vorstellung, hier auch nur einen einzigen Tag verbringen zu müssen, würde sämtliche Abwehr- und Stressreaktionen meines Körpers mobilisieren. Es ist laut, es ist dreckig, es ist menschenunwürdig.

Ich spare mir die Zahlen, sie sind mittlerweile bekannt. Auch die Tatsache, dass dieses Lager der Abschreckung dient, ist längst kein Geheimnis mehr. Nachdem ich Idomeni gesehen und verstanden habe, dass die internationale Politik und das Konglomerat aus Verantwortlichen, gar kein Interesse daran haben, an diesen Zuständen etwas zu ändern, schleicht sich auch bei mir eine gewisse Resignation, gepaart mit Hoffnungslosigkeit ein. Gleichzeitig merke ich, dass genau das fatal ist, denn es ist falsch, so etwas wie Moria zu akzeptieren, als "normal" oder "ist eben so" zu empfinden. Es ist falsch unsere Menschlichkeit auf dem Altar der Angst zu opfern.

Moria ist in der Jüdischen Glaubenslehre das Land, in dem man sehen, respektive lernen wird. Möglicherweise brauchen wir noch Zeit, um die Lektion zu verstehen, dass Kapital auch im sozialen Bereich zu finden ist. Dass Empathie und Menschlichkeit eine Währung ist, mit der wir die Zukunft gestalten können, während wir mit Abschottung, Abschreckung und inhumanem Handeln unsere demokratische Glaubwürdigkeit verspielen. Abgesehen davon setzen wir mit dieser Taktik unsere Sicherheit aufs Spiel, denn anders, als uns vorgegaukelt wird, ist es gerade jene Politik der Abschottung, die Menschen zusätzlich traumatisiert und radikalisiert.

Was glaubt man denn, was mit denen geschieht, die im Dreck leben, sich verraten fühlen, die einsam sind, die frieren, denen man nicht einmal eine anständige Mahlzeit gibt, die wie Tiere gehalten werden, sich stundenlang anstellen müssen, um irgendeine Versorgung zu erhalten, die in Unwissenheit über Abläufe gehalten werden, die keinen Rechtsbeistand erhalten, die in einem Lager leben, in dem Gewalt, Raub und Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind, die zusehen müssen, wie ihre Kinder krank werden und über Wochen seitens des Lagers keine adäquate Behandlung erfahren, die hingehalten werden, die Tag für Tag von Polizisten umgeben sind, die von den Lagermitarbeitern, die dauerhaft überfordert sind, unfreundlich behandelt werden, die keine oder nur mangelnde Auskünfte erhalten, die im Regen, der manchmal über Wochen keine Pause macht, in Zelten ausharren müssen, die zwischen Zelten Feuer machen, weil die Temperaturen im Winter nachts manchmal unter dem Gefrierpunkt liegen, die den beißenden Qualm dieser Feuer aushalten müssen, die zwischen Müllhalden leben, weil der Müll gewöhnlich nur alle 14 Tage abgeholt wird, die ihre Wäsche in verdreckten Becken waschen müssen, die immer auf der Hut sein müssen, weil es auch im Lager Spitzel gibt, die mit der Polizei zusammenarbeiten, die Angst davor haben, abgeschoben zu werden, die sich nicht wehren können, wenn sie mit Menschen zusammengesperrt werden, die sie bedrohen, die keine Lobby haben, die sich in verkeimten sanitären Anlagen waschen müssen, die nicht verstehen, warum man sie wie Vieh behandelt.

Freiheit, Menschlichkeit und Sicherheit – wer meint, dass diese Werte ausschließlich ein Privileg des Westens sind, der irrt gewaltig. Und wer glaubt, dass Obergrenzen und Residenzpflicht das Problem dauerhaft lösen, der schaufelt unserer eigenen Freiheit und Demokratie ein Grab. Der Flüchtlingsstrom wird so schnell nicht abreißen. Und Deutschland ist ein Teil der Ursache. Wer Klimaziele verschiebt, wer Waffen liefert, wer sich an Kriegen beteiligt, wer Botschaften schließt, wer Diktatoren unterstützt, wer unfairen Handel betreibt, der muss sich nicht hinstellen und das Unschuldslamm spielen. Deutschland trägt Verantwortung. Das können wir aus Moria lernen.

Frank schließt seinen Vortrag mit den Worten, dass er in Damascus ein zweites LAWRENCE eröffnen wird. Eine Begegnungsstätte, die wie in Berlin offen für alle Kulturen sein wird. Ein Ort, wo man sich treffen, gemeinsam essen, reden und lachen kann. Ein Ort der Menschlichkeit, der Wärme. Das Gegenteil von Moria also. Nichts anderes brauchen wir. Statt Angst vor dem Fremden zu haben und uns abzuschotten, sollten wir uns begegnen und die Chance erkennen, die in der Diversität steckt. Wachstum und Wertschöpfung werden zukünftig nicht mehr nur durch Arbeit und Besitz entstehen. Wer das heute noch erzählt, lebt in der Vergangenheit. Es werden das Miteinander, die Co-Kreativität, die Solidarität sein, die Antworten auf drängende Fragen der Zukunft bringen.

Ich wünsche den Menschen von Moria, dass diese Botschaft Gehör findet und ich bedanke mich für die vielen Begegnungen, die ich hatte. Für die Freundlichkeit, die Offenheit und Zugewandheit mit der man mir begegnet ist. Das ist ein Schatz, den ich für den Rest meines Lebens in mir tragen werde.




Keine Kommentare: