Montag, 29. Januar 2018

Gebrochene Seelen, starke Bilder

Es ist ein trüber Vormittag, ab und an nieselt es oder eine Windböe fegt durch die Charlottenburger Schloßstraße. Kein schönes Wetter für die Eröffnung einer Freiluftausstellung und doch passt die Stimmung zu dem, was gezeigt wird: großformatige Bilder des Fotografen Luigi Toscano, Porträts Verfolgter des NS-Regimes und Überlebender des Holocaust. Gesichter, so nah und eindringlich, das es manchmal schmerzt hinzusehen und bei näherer Betrachtung das, woran die 96-jährige Zeitzeugung Margot Friedländer in ihrer Rede erinnert, plötzlich zur Realität wird.


"Du kannst nicht jeden Menschen lieben, aber du kannst jeden Menschen respektieren." Sie spricht diesen Satz langsam, nachdrücklich und mit fester Stimme. Dann schaut sie auf, schaut in den Raum und lächelt. Alle sind gerührt, alle klatschen und bewundern diese kleine zarte Frau, die so viel Schrecken in ihrem Leben ertragen musste. Geboren wurde sie 1921 in Berlin. Hier lebte sie auch noch mit ihrer Mutter und dem jüngeren Bruder, nachdem der Vater 1942 ermordet worden war. Die Mutter wollte mit den Kindern fliehen, dann verhaftete die Gestapo jedoch den Sohn und deportierte ihn und die Mutter nach Auschwitz, wo beide später ermordet wurden. Margot Friedländer gelang es unterzutauchen, bis sie von einem sogenannten "Catcher", einem Juden, der andere Juden an die SS verriet, aufgegriffen und anschließend nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort traf sie ihren späteren Ehemann wieder, den sie schon aus dem Jüdischen Kulturzentrum in Berlin kannte. Auch er hatte seine gesamte Familie verloren. Beide überlebten und gingen nach der Befreiung 1946 auf ein Schiff, das sie nach New York brachte. Mit 88 Jahren kehrte Margot Friedländer wieder nach Deutschland zurück, wo sie seither unermüdlich als Zeitzeugin unterwegs ist und im Namen derer Vorträge hält, "die unschuldig waren und die man ermordet hat".

Margot Friedländer und der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg/Wilmersdorf Reinhard Naumann

"Unsere Seelen sind gebrochen", sagt sie zu Beginn ihrer Rede. Und schaut man beim Ausstellungsrundgang in die Augen der Überlebenden, dann werden der Schmerz und all die Verluste plötzlich wieder lebendig. Manchmal blitzt auch ein Lächeln, manchmal schiebt sich Trotz oder Widerstand in den Vordergrund. Doch vor allem Traurigkeit und die Frage Warum?
Eine Frage, auf die es nie eine Antwort geben wird. Es gibt Erklärungen, Rechtfertigungen, Ausflüchte, aber keine Antwort. Dabei "unterscheidet sich das Blut in meinen Adern nicht von dem der Mörder. Es gibt auch kein christliches, kein muslimisches, kein buddhistisches Blut, sondern nur menschliches", so Friedländer.

Luigi Toscano

Was hat Luigi Toscano motiviert, dieses Projekt zu initiieren, um die Welt zu reisen, immer auf der Suche nach Überlebenden? "Ich musste etwas tun", sagt er. Er wollte nicht zusehen, sondern die Geschichten buchstäblich auf die Straße bringen, damit sie nicht vergessen werden. Damit sie weiterleben, von den nächsten Generationen aufgenommen und verinnerlicht werden. "Wenn man die Vergangenheit vergisst, ist man dazu verdammt, sie zu wiederholen." Toscano ist Sohn italienischer Gastarbeiter, hat als solcher sicher auch Ausgrenzung erfahren. Hat als Dachdecker, Türsteher und  Fensterputzer gearbeitet und so das Leben aus ganz unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen. Er ist das, was die Amerikaner so charmant einen "Late Bloomer" nennen. Einer, dessen Talent erst spät erblühte, wobei es eher eine Notwendigkeit, als ein leiser Wandel war, denn wie er selbst sagt, brauchte er einen Kanal für all seine Visionen und Geschichten. Einen Namen hatte sich Toscano bereits vor dieser Ausstellung gemacht. Mit seinen Porträts von Geflohenen, die großformatig in seiner Geburtsstadt Mannheim hingen, mit Filmproduktionen und vielen anderen Projekten.

Was ihn besonders berührt hat bei seiner Arbeit, will ich von ihm wissen. "Es gibt nicht die eine, besondere Geschichte. Es sind ganz viele. Aber zum Beispiel die von Rita, die ganz ernst vor der Kamera saß und der ich ein Lächeln schickte. Sie lächelte zurück und sagte: »Das Lächeln hat es mir ermöglicht zu überleben.« Das ist so ein Satz, da bist du plötzlich stumm. Oder Anna. Sie wurde als Kind als Versuchskaninchen von SS-Arzt Mengele missbraucht. Natürlich hatte sie später Angst vor Ärzten. Ihre Taktik? Sie ist selbst Ärztin geworden."



Es ist gut, dass es Menschen wie Luigi Toscano gibt. Menschen, die keine Angst davor haben, dem Schmerz und dem Leben anderer auf so einer tiefen Ebene zu begegnen und uns damit die Möglichkeit geben, daran teilzuhaben. Als ich noch ein wenig zwischen den Bildern schlendere, kommt mir eine Kindergartengruppe entgegen, dahinter Schüler, dann wieder Erwachsene. Jeder von ihnen wird etwas von dem Gesehenen mit in sein Leben hineinnehmen und es weitertragen. Die Ausstellung wird weiter um die Welt gehen. Momentan ist sie neben Berlin auch vor dem UN-Hauptgebäude in Washington zu sehen. Davor war sie in der Ukraine. Das Wunderbare an diesen Bilder ist, dass sie nicht wie ein erhobener Zeigefinger wirken. Ihre Botschaft ist sanfter, aber nicht weniger intensiv, es scheint eher wie eine Bitte zu sein, die an uns alle gerichtet ist und lautet, nie wieder so etwas zuzulassen.



Die Ausstellung ist noch bis zum 4. April in der Charlottenburger Schloßstraße zu sehen. Es gibt Führungen und diverse Veranstaltungen und Workshops. Informationen auf der Homepage der Ausstellung:
Gegen das Vergessen

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