Donnerstag, 11. Januar 2018

Flieg freier Vogel, flieg!

Wenn man von Mytilene aus ein paar Kilometer Richtung Süden fährt, gelangt man an die Stelle, wo vor zwei Jahren das Campfire war. Ein Treffpunkt am Strand, an dem sich Volontäre aus aller Welt zusammenfanden und Tag und Nacht Wache hielten. Es gab stets eine Organisation, die für die Koordination zuständig war, Meldung erhielt, wenn ein Boot in Sichtweite auftauchte, die Informationen weiterleitete, so dass die Helfer an die jeweiligen Punkte fahren konnten. Ich habe viele Stunden am Feuer verbracht. Als ich heute vorbeifuhr, war der Hotspot von einst ein ganz gewöhnlicher Strandabschnitt.

Nichts erinnert an all diese Stunden. Kein Feuer brennt mehr, keine Musik ist zu hören, kein Stimmengewirr. Es gibt keine Autos, keine Kisten mit Klamotten, die sich stapeln, keinen alten Topf, in dem Wasser für den Tee gekocht wird. Niemand ist da, der Holz für das Feuer holt. Trotzdem setzte ich mich für einen Moment und schaue aufs Meer. Die türkische Küste hat der Nebel geschluckt, der Wind weht schwach und lässt kleine Wellen rhythmisch an den Strand schwappen. Die Begegnungen der letzten Tage tauchen vor mir auf, all die Menschen, die ich getroffen habe und ihre Geschichten. Ich denke an Nils, ein Bekannter aus Berlin, der für einige Wochen auf der Insel war und im Camp Pikpa, geholfen hat. Nils und ich haben uns auf Facebook kennengelernt, sind uns auf einer Veranstaltung von Sea Watch zum ersten Mal analog begegnet und sind über die Zeit digital im Kontakt geblieben. Ich bekam mit, dass Nils auch auf Lesbos ist und da unser Aufenthalt hier sich für zwei Tage überschnitten hat, waren wir an denen jeweils für ein paar Stunden gemeinsam unterwegs.

Ich habe Nils genau wie alle anderen, denen ich begegnet bin, gefragt, was seine Motivation war, nach Lesbos zu kommen, Zeit und Geld zu investieren in etwas, von dem man eigentlich nicht so genau weiß, was es letztendlich bewirkt. Ob es überhaupt etwas bewirkt, etwas ändert, etwas besser macht. Nils hat, bevor er im Dezember 2015 das erste Mal nach Lesbos ging, bereits in Berlin Westend in einer Erstunterkunft geholfen, hat Kleider sortiert und ausgegeben.

"Natürlich habe ich die Bilder von Lesbos im Fernsehen gesehen und habe daraufhin meine Hilfe beim Dresden-Balkan-Konvoi angeboten. Wir sind dann zu dritt mit dem Auto nach Lesbos gefahren und haben am Strand gemeinsam mit der Organisation No Border Kitchen vor allem für Nordafrikaner, Pakistaner und Afghanen gekocht. An derselben Stelle, wo wir unseren Stand hatten, kamen auch immer wieder neue Boote an. Das sind Momente, die man nicht vergisst. Mittlerweile hat sich die politische Stimmung in der deutschen Bevölkerung stark gewandelt und für mich stand fest, dass ich gegen politische Entscheidungen im Grunde nicht viel ausrichten kann. Aber ich kann meine persönliche Einstellung verwirklichen, indem ich mich nach wie vor für Migranten einsetze. Da ich schon vor zwei Jahren von Pikpa gehört hatte, habe ich sie angeschrieben und da terminlich passte es gut. Und es hat sich wirklich gelohnt. Ich bereue meine Entscheidung überhaupt nicht und habe das Gefühl, in meiner freien Zeit etwas "Sinnvolles" gemacht zu haben."


Nils-Uwe Kettler

Und ich? Was ist mit mir? Warum bin ich hier? Mein Blick wandert wieder über das Wasser, so als würde ich dort zwischen den kleinen Schaumkronen, die auf und ab tanzen, die Antwort finden. Natürlich wurde auch mir die Frage schon häufig gestellt. Die Antwort hat viele Facetten, es gibt nicht DEN einen Grund. Aber wenn ich hier am Meer sitze und den Möwen zuschaue, dann frage ich mich zwangsläufig, wie es den Menschen geht, die auf der anderen Seite des Wassers sind. Die in der Türkei als Flüchtlinge ausharren, vielleicht auch am Meer sitzen, hier zu mir rüber schauen und für die Lesbos, Samos oder Chios das Tor zur Freiheit, zu Frieden, Ankommen oder Neubeginn bedeutet.

Und dann trifft das zwangsläufig auf einen Punkt in meiner eigenen Biografie, auf die Zeit, als ich nicht aufs Meer, sondern auf eine Mauer geschaut habe und alles, was sich dahinter für mich unsichtbar verbarg, der Inbegriff von Freiheit und von so vielem mehr war. Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich wirklich nach etwas zu sehnen, von dem man nicht einmal sagen kann, was es letztendlich für die eigene Entwicklung, für sich als Mensch bedeutet. Aber dieses Sehnen füllt alles aus. Es steckt in jeder Zelle und beherrscht jeden Gedanken. Ich hatte damals keine Not. Es gab keinen Krieg, kein Leid. Nur eine Diktatur, die mir verbot, mit meinen knapp 19 Jahren die Flügel auszubreiten und die mich weitere zweieinhalb Jahre warten ließ, bis ich im Februar 1989 die DDR verlassen konnte.

All diese Erfahrungen und Gefühle von damals sind tief in mir verankert. Die Wut auf die Willkür, die Sehnsucht nach der anderen Seite, die Angst, vor dem was war und vor dem was kommen würde, die Enttäuschungen, das Gefühl, niemandem mehr vertrauen zu können, die Wachsamkeit, die Traurigkeit und und und. Das ist ein Aspekt, der mich mit jenen, die auf der Flucht sind, verbindet.

Reste der Berliner Mauer (Bernauer Straße)
Ein anderer Grund ist, dass ich nicht akzeptieren will, dass Menschen über andere bestimmen. Dass sie ihnen die Flügel stutzen. Dass Gesetze, die heute so und morgen, wenn eine neue Regierung an der Macht ist, wieder anders sind, jemanden davon abhalten können, sich zu entfalten, seinen Weg zu gehen. Das mag nach Anarchie klingen, ist aber weit davon entfernt. Menschen, die am für sie persönlich richtigen Platz sind, können wachsen. Und sind wir doch mal ehrlich – wofür um alles in der Welt, ist denn dieses Leben da? Zum Anhäufen von Konsumgütern? Dazu, auszuharren, auszuhalten, Entscheidungen zu schlucken, die andere getroffen haben und vielleicht morgen schon wieder verwerfen, siehe Klimaziele? Nein. Das ist nicht mein Verständnis von Leben und wahrscheinlich bin ich auch hier, um mich auf meine Art dagegen aufzulehnen. Um anderen Mut zu machen, ihren goldenen Käfig auch zu verlassen und jenen Kraft zu geben, die den Mut schon hatten und nun dafür bestraft werden. Im Grunde tue ich nichts anderes, als das zu leben:


Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Ich verlasse das Campfire, das keins mehr ist, erfahre später, dass im Norden der Insel wieder ein Boot angekommen ist. Elf Frauen, 19 Kinder und neun Männer waren an Bord. Menschen, die den Tod in Kauf nehmen, um zu leben und die sich nicht einmal davon abschrecken lassen, dass hier auf Lesbos nach offiziellem europäischen Willen ihre Würde mit Füßen getreten wird. Denn das es so ist, hat sich längst herumgesprochen. Aber scheinbar war das Sehnen größer als die Angst.


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