Freitag, 26. Januar 2018

#diesejungenLeute

Vor ein paar Tagen las ich auf Facebook einen Post, in dem es um den Aufruf der JuSos ging, in die SPD einzutreten, um bei der Mitgliederabstimmung gegen die GroKo zu stimmen. Der Verfasser des Posts war der Meinung, dass das absolut schädigend für die Partei sei und dass man solches Verhalten betrafen sollte.


Er bekam viel Zustimmung, manche schrien "Parteiausschluss", "Manipulation", "fies", andere kommentierten "das ist keine Demokratie", "unlautere Mittel", "vernünftige Menschen würden so etwas nicht tun", "Betrug" und und und. Ich habe auch meinen Senf hinzugegeben, allerdings mit einem anderen Tenor, denn ich finde diese Aktion gut. Oder besser: über die Aktion könnte man noch diskutieren, aber ich finde es gut und richtig, dass die jungen Menschen aufbegehren und ihre Möglichkeiten nutzen, schließlich geht es ja um ihre Zukunft.

Mein Mann und ich, wir sitzen oft zusammen und fragen uns, wie die Jugend eigentlich heute rebellieren sollen, wo doch ihre "Alten" alles schon durch und weiß Gott nichts ausgelassen haben. Kommt heute einer mit Drogen, lächeln wir nur milde. Säuft er bis zur Besinnungslosigkeit, na ja, hatten wir doch auch schon mal. Ohne Führerschein fahren? Neben den Pisten die Hänge runter rauschen, extrem-Abhängen, extrem-Streber-sein, Sex in der Umkleide, den Lehrer ärgern, mit dem Fahrrad auf der Autobahn fahren, klauen? Gähn. Alles schon gemacht. Na gut, auf Waschkapseln haben wir nicht gebissen, die gab es bei uns doch nicht, aber sonst war in unserer Jugend doch alles viel geiler, oder? Also wie sollen unsere Kinder gegen uns aufbegehren? Wie sollen sie der Evolution folgend, es besser, es anders, es neu machen, wenn alles schon mal war und wir wie die Berserker an diesem Status Quo festhalten?

Waren wir nicht auch die, die sich permanent über die Schläfrigkeit der jungen Garde aufgeregt haben? Über ihre Prüderie, ihre Artigkeit, ihre Null-Bock-Haltung? Und jetzt sind da mal welche, die aufbegehren. Die doch eine Chance sehen, etwas zu verändern. Die keine Lust mehr auf unser Weiter-so-Gelaber haben und die für ihre Zukunft, die wir ihnen mit unserer Ignoranz mächtig versauen, kämpfen. Und was passiert? Wir schimpfen sie aus. Wir machen uns über sie lustig. Wir nehmen sie nicht ernst. Wir tätscheln ihnen den Kopf und fragen sie, ob Mutti abends noch für sie kocht. Und ganz ehrlich: Das ist Mist. Das ist falsch. Das ist völlig daneben.

Neulich schrieb die wunderbare Alexa Hennig von Lange in der FAZ einen herrlich selbstkritischen Artikel über den Abschiedsschmerz, der sie plagte, als ihre Tochter verkündete, dass sie nach dem Abitur sofort für ein Jahr nach Peru gehen würde. Ich musste lachen und weinen, denn der Artikel hätte von mir sein können. Ich las all meine Argumente, sah mich selbst, wie ich all meine Überzeugungskraft einsetzte, nur um meine eigene Tochter, die im nächsten Jahr nach dem Abitur nach Afrika will, davon abzuhalten. All die Ängste, die ich auf sie projiziert habe, gehören mir. All die Arroganz, die wir der Jugend entgegenbringen, ist unser Problem. Wir sind es gar nicht gewohnt, dass sie aufbegehren. Dass sie ausbrechen wollen. Weil es ist doch soooooo toll alles. Sooooo sicher. Soooo saved. Darum haben wir ihre Leben auch durchgetaktet und maßen uns nun auch noch an, über ihre Freiheit und ihre Zukunft zu bestimmen.

Ihr lieben Rebellen. Lasst euch nicht die Flügel stutzen. Lasst euch nicht einschüchtern von unserem "Habenwirallesschonerlebtistnichtsneuesbleibtmalgelassenundwartetmalab" Gerede.

Macht es.
Macht es besser als wir.
Ihr könnt das.

Hier noch der Link zu dem Artikel von Alexa Hennig von Lange: "Du hast da nichts verloren!"

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