Freitag, 19. Januar 2018

Die Gutmenschenfraktion

Wenn ich auf die Tage auf Lesbos zurückschaue, dann war wohl das Schönste die Tatsache, dass ich umgeben von Gutmenschen war. Menschen, die aus allen Teilen der Welt angereist, nur eins im Sinn hatten: ihre Zeit, ihre Liebe und ihr Mitgefühl jenen zu geben, die momentan wohl alles andere als auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Wie schön war das, sich nicht wie ein Alien zu fühlen, nicht erklären zu müssen, warum man sein Geld für etwas ausgibt, dass keine Rendite abwirft.


Jetzt bin ich wieder hier und das Aufschlagen auf den Boden der deutschen Ordnung ist ziemlich schmerzhaft. Darum schaue ich noch einmal zurück und auf jene, die es als selbstverständlich empfinden, Menschen, die in Not sind, zu unterstützen. Menschen, die von Los Angeles nach Lesbos fliegen oder aus Spanien kommen, um einfach nur da zu sein. Als ich am letzten Tag noch einmal die kleine Holzhütte von Doc Mobile besucht habe, stand ein Syrer im Warteraum. Wir kamen kurz ins Gespräch, er erzählte mir, dass er schon seit sechs Monaten in Moria lebt und dass er seine Frau vermisst. Wo sie ist, wollte ich wissen. In der Türkei, antwortete er. Dann zeigte er Richtung Moria und sagte: "Hier kann ich sie nicht herholen, das kann man keinem Menschen antun." Dann nahm er meine Hand und sagte: "Danke, dass du hier bist." Mir kamen die Tränen, ich sah ihn an und wusste, dass dieser Moment den Brunnen, aus dem ich selbst meine Kraft schöpfe, bis unter den Rand aufgefüllt hat.

Vielleicht ist das ja mit ein Grund, warum man als Gutmensch beschimpft wird. Weil jene, die andere so beschimpfen, ahnen, dass der Gewinn daraus auf eine Art und Weise kommt, die das Herz berührt. Die Mauern einreißt und das eigene Leben in ein anderes Licht rücken kann. Das macht manchmal Angst. Und es bringt einen häufig in Situationen, für die man kein Rezept hat. Wo plötzlich die Maske fällt. Ich habe das bei Helen, der Ärztin aus der Schweiz erlebt, als die schwangere, weinende Frau vor ihr saß. Helen war den Tränen nahe, wusste aber, dass ihre Tränen in diesem Augenblick für die Frau keinesfalls hilfreich gewesen wären. Solche Situationen verändern uns und es gibt keine Handlungsanleitung, keinen Plan, kein Handbuch. Auf der anderen Seite sind es genau jene Erlebnisse, die uns das Gefühl von Lebendigkeit schenken. Da pocht das Herz und manchmal rutscht es auch in die Hose.

Während der Tage auf Lesbos hat mich Hüseyin Aydemir begleitet. Ein unscrupulous Activist for Refugees, wie er sich selbst nennt. Ich habe ihn, wie alle anderen, denen ich begegnet bin, gefragt, was ihn motiviert, 28 Tage seinen Lebens zu investieren, um Mütter mit ihren Kindern von Moria zum Happy Little Family Center und zurück zu fahren. Manchmal 35 Mal am Tag. Hier seine Antwort:

"Als ich im September 2015 zum ersten Mal – damals in Hegyeshalom an der österreich-ungarischen Grenze freiwillig ein paar Tage im Einsatz war, sollte das eigentlich eine einmalige Sache werden. Ich habe jedoch schnell realisiert, dass mich diese Geschichte nicht loslassen wird. Es wurde zu einer Art Sucht, gegen die ich mich bis heute nicht wehren will. Meine Einsätze in Deutschland, in der Türkei und vor allem in Griechenland sprechen für sich. Dass ich dabei sogar Spaß habe und mich immer wieder freue, wenn mich Michael Räber an "die Front" schickt, darf und soll man auch kritisch betrachten. Ich hätte mich auch schon früher in Afrika einsetzen können. Aber erst als das Problem "vor der Tür" stand, wurde ich und viele andere zu Menschenrechtsaktivisten. Vielleicht ist es ja auch cool, dabeisein, wenn Geschichte geschrieben wird und viele Menschen uns als Helden betrachten oder flüchten wir selbst vor unseren Problemen?"

In dem, was Hüseyin sagt, steckt viel Wahres. Ein Vorwurf, mit dem sich "Gutmenschen" oft konfrontiert sehen, ist: "Das machst Du doch nur, um dich zu profilieren." Natürlich ist das auch ein Aspekt. Es gibt sie nicht, die völlig absichtsfreie Hilfe. Ebenso, wie es wahrscheinlich noch nie jemandem von uns geglückt ist, wirklich komplett bedingungslos zu lieben. Dazu sind wir viel zu sehr Mensch. Selbstverständlich streichelt es die eigene Seele, wenn sich Dankbarkeit in den Augen des Gegenübers zeigt. Selbstverständlich liebt es unser Ego, wenn uns andere für unseren Einsatz bewundern. Aber was daran ist verkehrt? Nichts. Wann um Himmels Willen wurde uns Menschen ausgetrieben, uns für das, was wir tun und sind, zu lieben und lieben zu lassen?

Ein weiterer Punkt ist die Sache mit der Sucht. Ja, helfen kann süchtig machen und manchmal ist es auch eine Flucht. Es fällt leicht, in einem Umfeld von Gleichgesinnten, weit weg von zu Hause, die eigenen Themen und Baustellen zu vergessen. Und ja, sicher gibt es Helfer, für die es zur Obsession wird, aus dem eigenen Leben auszubrechen, um woanders ein zweites Leben zu führen. All das ist menschlich und warum sollten sich diese Aspekte nicht auch unter den vielen Helfern finden.

Trotzdem möchte nicht in einer Welt leben, in der "Gutmensch" ein Schimpfwort ist. Ich bin der Ansicht, dass alle, die Gutmenschen sind oder als solche betitelt werden, mächtig stolz darauf sein können, dass sie ihr Herz am richtigen Fleck haben. Dass sie hinausziehen, dorthin, wo sie gebraucht werden oder dass sie vor Ort, in ihrem Kreis, vielleicht auch nur an ihrem PC ihr Herz verschenken. Wir sind viele. Wären wir eine Partei, hätten wir die Mehrheit. Das geht in dem ganzen lauten Gedöns leider unter.

Amro - ein Arzt, der aus Syrien kommt, jetzt in Los Angeles lebt und für Doc Mobile auf Lesbos ist


Hüseyin Aymedir

Noor Mashal, eine Palästinenserin, die in Los Angeles lebt

Jyed Jawad mit Hüseyin

Mohammed Matter

Djaafar Lettreuch


Belen aus Spanien



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