Mittwoch, 17. Januar 2018

Die Alternative ist keine

"Es ist Ordnung in die Asylpolitik zurückgekehrt", so die Worte von Innenminister Thomas de Maizière, nachdem die Zahl der Asylbewerber von 2017 bekannt gegeben wurde. Ordnung, so, so. Haben wir fein aufgeräumt, ja? Haben wir alles schön geputzt, den Dreck hinter den Schrank und unter den Teppich gekehrt, damit Mutti sieht, was für feine Jungs wir sind? Damit der alte Onkel mit dem bösen Blick, den blauen Augen und seinen vielen Anhängern zufrieden ist und die Anhänger das nächste Mal vielleicht doch lieber wieder CDU, SPD oder CSU wählen?

Was soll man sagen, angesichts einer Politik, die den Zynismus als Pelzkragen trägt und sich als tierlieb verkauft? Die sich für unmenschliche Beschlüsse feiert und dabei vergisst, dass der Ausverkauf von Menschlichkeit Seelen zerreibt. Heute jubelt sie, morgen erliegt sie ihrem autoimmunen Leiden, denn der Mensch ist nunmal menschlich und alles, was wir dagegensetzen, wird uns auf Dauer umbringen. Vielleicht nicht gleich, vielleicht erst in der nächsten Generation. Dabei können wir nicht behaupten, dass wir es nicht gewusst hätten. Allein die Geschichte hält Dutzende Beispiele parat. Von Zeiten, in denen Mitgefühl und Empathie in Gaskammern erstickten. Von Zeiten, in denen unsere Herzen in Kriegsstahl gegossen wurden und Nächstenliebe hinter verschlossenen Türen angekettet verkümmerte.

Es gibt die Theorie, dass jene, die innerlich chaotisch und unaufgeräumt, Pedant darin sind, im Außen Strukturen zu schaffen, die ihnen Halt bieten. Angesichts der globalen Herausforderungen, denen wir alle gegenüberstehen, ein durchaus verständliches Konzept. Dahinter steckt allerdings nichts weiter als Angst. Unsere Angst davor zu sterben. Unsere Angst davor, gewöhnlich zu sein. Unsere Angst davor, dass dieses Leben nichts anderes ist, als ein simpler Zufall. Dass es keinerlei Bedeutung hat. Wie gern würden wir allem einen Sinn geben. Und wie konsequent ignorieren wir das, was wirklich das einzige ist, das unserem Leben Sinn gibt: dem anderen die Hand zu reichen. Gemeinsam zu lachen, zu weinen, dieses so chaotische Leben zusammen durchzustehen. Aber nein. Sei Dir selbst der Nächste, heißt die Devise. Sei besser als der andere. Schneller, gesünder, reicher. Wenn das nicht funktioniert, dann verstecke es gut. Deine Tränen, deine Angst, deine Trauer.

Seit Herrschaft, Konkurrenz und Besitz die Leitmotive der Menschheit sind, muss die Angst im Keller hausen. Sie wird zum Fremden, das nicht existieren darf. Weil sie aber nicht verschwindet, muss das Fremde draußen in der Welt bekämpft werden. Es gelingt nicht mehr, die Angst durch Konsum in Schach zu halten. Irgendwann erzeugt das neueste Smartphone nicht einmal mehr ein Lächeln auf den Lippen. Es wird ausgepackt, eingerichtet und im Anschluss beschwert man sich darüber, dass die Bedienungsführung anders ist, als man es gewohnt war. Das Auge, auf dem die Kinder sichtbar sind, die geschuftet haben, um die seltenen Erden für dieses Handy zu gewinnen, ist blind. Es sieht auch nicht die riesigen Containerschiffe, die das Smartphone, bevor es in unseren Händen liegt, mindestens dreimal um die Erde geschifft haben. Das Herz entwickeln kein Mitleid mehr mit denen, die es in Zwölf-Stunden-Schichten zusammengebaut haben. All das muss verdrängt werden, um die Homöostase nicht zu gefährden. Trotzdem spüren wir irgendwo in der Tiefe, dass das iPhone 10 nicht mehr den Zauber entfacht, wie das erste, das wir wie einen Schatz behandelt haben. Wir sind längst zu Süchtigen geworden. Weil die Angst im Keller immer lauter rumort und sich noch etwas anderes zu ihr gesellt, was uns nötigt, die Kellertür noch fester zu verriegeln: Scham.

Scham und Angst sind ein hochexplosives Gemisch. Menschen gehen über Leichen, nur um sich dieser Gefühle zu entledigen. Und wenn sie selbst nicht den Arsch dazu in der Hose haben, spielen sie auf anderen Schauplätzen ihre Macht aus. Vielleicht verstecken sie sich auch hinter einem PC Bildschirm und spucken all die Gülle, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, in die Welt oder sie schicken andere vor, die die Drecksarbeit erledigen. Dann muss man selbst keine Verantwortung übernehmen, muss nicht eigenständig sein und handeln. Und vor allem muss man nicht fühlen, nicht zugeben, dass man sich verloren und einsam fühlt in einer Welt, auf der immer mehr Menschen leben, mit denen man sich verbinden könnte.

Es ist nicht die Ordnung im Außen, die uns wärmt. Selbst wenn nur zehn Asylsuchende pro Jahr nach Deutschland kommen, ließe sich die Tendenz, dass unsere Angst zu sterben immer größer und unsere Scham über unser Versagen immer mächtiger wird, nicht regulieren. Was wir brauchen, ist Menschlichkeit. Was wir brauchen, sind Menschen, die sich ihren Ängsten und ihrer Scham stellen. Die die Leichen aus dem Keller holen. Die sie in sich selbst erkennen und damit nicht mehr im anderen bekämpfen müssen. Jeder kann diesen Hebel nutzen. Jeder kann am Rad der Geschichte drehen, das Vorhängeschloss öffnen. Heute. Jetzt, in diesem Augenblick den Unterschied machen. Die Alternative ist keine. Sie bedeutet das Ende.




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