Montag, 13. November 2017

Human Flow - Ai WeiWei über das Leben der Flüchtlinge dieser Welt

Noch ein paar Tage, dann startet der Film "Human Flow" des chinesischen Konzeptkünstlers Ai WeiWei in den deutschen Kinos. Ein Film über die Flüchtlingsbewegung auf dieser Erde. Ein Film über Lager, in denen Tausende leben, manchmal auch einfach hausen. Ein Film über Menschen, die jahrelang unterwegs sind, niemals so richtig ankommen oder auch ihr Leben auf der Flucht verlieren.
Ich hatte die Gelegenheit, letzte Woche bei der Premiere des Films in Berlin im Kino International dabei zu sein.


Der Gegensatz könnte krasser kaum sein. Während hierzulande die Flüchtlinge scheinbar aus dem Fokus sind, eher als Randnotiz oder auf rechten Hetzseiten auftauchen, herrscht weltweit um uns herum das große "Wandern". Getreu dem Motto des Esels aus den Bremer Stadtmusikanten, der zum Hahn sagt: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall", machen sich die Menschen weltweit auf den Weg. Lassen Vertrautes hinter sich, verlieren Heimat und Besitz und begeben sich auf die Suche nach einem neuen Leben. Viele sind es. So viele wie nie zuvor: 65 Millionen. Ai WeiWei hat sie besucht. Hat Drohnen über die Lager fliegen lassen, damit der Zuschauer eine Vorstellung über das Ausmaß dieser Bewegung bekommt. Er hat mit den Flüchtlingen gesprochen, hat der Bewegung mit dem Film ein Gesicht gegeben. Am Ende sind so über 1000 Stunden Filmmaterial zusammen gekommen. 1000 Stunden, die auf Filmlänge komprimiert werden mussten. Aber solche Ausmaße passen nicht in einen Film. Das merkt man ihm an.

@Jeannette Hagen

"Kunst kann die Welt verändern", sagte Ai WeiWei in einem Interview und es ist auch sein Anspruch, mit diesem Film etwas zu bewegen. Dazu geht er schonungslos dicht an das Drama heran. Die Bilder des Films sind erdrückend, manchmal auch für mich kaum auszuhalten. Mehrfach bin ich emotional an meiner Grenze, möchte rausgehen, vergessen, verdrängen und nach gut zwei Stunden mache ich das auch. Ich verlasse auf eine seltsame Art stumm und "erschlagen" das Kino, esse draußen eine Brezel, schaue Can Dündar und Claus Kleber hinterher, die vor mir die Treppe hinuntergehen. Dann steige ich in mein Auto, fahre nach Hause in meine warme Wohnung, lege mich in mein bequemes Bett. Alles wie gewohnt. Ich mache einfach weiter. So wie immer. Dabei müsste ich die Welt nach diesen Bildern anhalten. Nicht nur ich – alle, die ihn gesehen haben, müssten sofort handeln, denn was um uns herum passiert, betrifft nicht nur die, die flüchten. Es betrifft uns alle.
Aber es passiert nichts. Die Erde dreht sich einfach weiter. Und mit ihr unser aller Leben.

@Jeannette Hagen
Vielleicht hat der Film genau aus diesem Grund sein Ziel erreicht. Die Aufnahmen von all den Flüchtlingscamps haben in der Summe bei mir persönlich zwar die übliche Betroffenheit, aber kein Erdbeben ausgelöst. Und genau das lässt mich so verstört zurück. ich glaube mittlerweile zu wissen, dass trotz der vielen guten Ansätze, trotz der vielen Menschen, die helfen, alles immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein bleibt. Dass es – ausgelöst durch Klimawandel, Vertreibung, Hunger und Krieg – weitergehen, ja noch viel schlimmer werden wird und dass es eigentlich eine brachiale Umkehr bräuchte, die einzelne oder kleine Gruppen nicht mehr leisten können. Sie mildern, aber sie bewegen eben nicht das große Rad. Wie lange wird denn schon gemahnt, wie lange schon "repariert" ohne, dass es etwas verändert. Gleichzeitig schmilzt die Hoffnung bei immer mehr Menschen. Wie die Gletscher auf Grönland ziehen sie sich zurück. Ein Teufelskreis.

@Jeannette Hagen
Für mich hat sich erst ein paar Tage nach dem Film die Perspektive verschoben. Obwohl er das gar nicht vordergründig thematisiert, zeigt er auf eine stille Art die Tatsache, dass wir kollektiv versagen. Man sieht die Bilder der Camps, sieht die Menschen, das Drama, aber eigentlich läuft ein anderer Film ab. Er spricht davon, was wir als Menschheit versäumen. Er macht keine Hoffnung, sondern legt den Finger auf eine sehr nüchterne Art in die Wunde. Diese Welt ist ein ein unmenschlicher Ort. Die Bevölkerung der Erde wächst und wächst und tagtäglich verlieren Millionen dieser Menschen ihr Leben. Nicht weil sie sterben – das auch – aber eher, weil sie ihre Würde verlieren. Sie leben nicht mehr, sie überleben gerade mal so. Zwischen Müll und Exkrementen, hungrig und krank, ausgelaugt und ohne Perspektive. Wenn mir der Film eins gezeigt hat, dann das, dass wir eine unterentwickelte Spezies sind. Weil wir das zulassen. Wir halten alle Lösungen in der Hand, aber wir versagen kläglich. Wenn wir uns gestatten zu träumen und Fantasie zu haben, dann sei vieles möglich, sagt Ai WeiWei. Der Film zeigt, dass wir es nicht tun. Das macht ihn, bei aller Kritik, die ich sonst noch hätte, sehr wertvoll, denn er stellt immer wieder stumm die Frage, wieso wir so fantasielos geworden sind. Wir können die Fluchtbewegungen nicht aufhalten, aber wir könnten dafür sorgen, dass unsere Kinder ihre Fantasie nicht verlieren. Wir könnten dafür sorgen, dass wir selbst nicht aufhören zu träumen. Das sind Dinge, die in unserem Handlungsspielraum liegen. Hier könnten wir agieren, etwas verändern und damit auch global etwas bewegen.

@Jeannette Hagen
Alles andere ist ermüdend. Und so ist das Besondere des Films, gleichzeitig seine größte Hürde. Das klingt paradox und genauso ist es. Man muss es schaffen, die Barriere, die der Film aufbaut, zu durchbrechen. Sonst endet er damit, dass man traurig und hoffnungslos in seinem Kinosessel sitzt, wenn der Vorhang fällt und eben doch alles so bleibt wie bisher.

Der Film startet am Donnerstag, 16. November in den deutschen Kinos.

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