Sonntag, 8. Oktober 2017

Zeit, dass sich was dreht – Väter und Väterlichkeit

Vor zwei Jahren erschien mein Buch "Die verletzte Tochter", mit dem ich versucht habe, eine Brücke zwischen der eigenen Erfahrung der Vaterentbehrung und den gesellschaftlichen Folgen, die uns alle betreffen, zu schlagen. Seither ist viel passiert und ich sehe, dass die Themen Väterlichkeit und Vaterentbehrung politisch brisanter sind, als viele wahrhaben wollen.


Väter galten über viele Jahrzehnte als "Patriarch". In dieser Rolle waren sie meist wenig liebevoll, eher angsteinflößend, herrisch und diktatorisch. Allein aus diesem Grund haben viele Menschen ein eher schmerzhaftes Verhältnis zu ihrem Vater, lehnen ihn bewusst oder unbewusst ab, bekämpfen ihn oder bleiben ein Leben lang in einem ungelösten Konflikt mit dem Vater verhaftet. Da der Vater ein Mann ist, überträgt sich dieser Konflikt sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit ziemlicher Sicherheit auf das Ansehen der Männer im Allgemeinen. Der Vater prägt das Männerbild.

Dass sowohl der Erste wie auch der Zweite Weltkrieg dazu geführt haben, dass viele Väter "gebrochen" und entweder gar nicht oder emotional tot und stumm in ihre Familien zurückgekehrt sind, ist ebenfalls ein Erbe, das wir heute noch kollektiv in uns tragen und das dazu führt, dass Väterlichkeit und Mütterlichkeit in unserer Gesellschaft nicht ausgewogen sind und somit auch das Verhältnis von Männern und Frauen auf vielen Ebenen eher destruktive Züge annimmt.

Dabei haben wir keinen Mangel an Vätern, wie oft behauptet wird. Wir leben dementsprechend auch nicht in einer vaterlosen Gesellschaft, es herrscht lediglich auf privater, institutioneller und politischer Ebene ein Ungleichgewicht, oder haben Sie in Ihrer Stadt einen Männerbeauftragten? Haben Sie in Ihrer Stadt einen psychologischen Dienst, an den Männer sich wenden können, wenn sie von ihren Frauen psychisch gedemütigt, bedroht oder auch misshandelt werden? Sie schmunzeln jetzt vielleicht und da sind Sie nicht allein, weil die Wahrnehmung in unserer Gesellschaft nach wie vor darauf ausgerichtet ist, dass allein Frauen Opfer sind. Dem ist bei weitem nicht so.

Die Abwertung von Väterlichkeit und damit auch von Männlichkeit nimmt meines Erachtens krisenhafte Züge an und wer sich fragt, warum die männlichen Wähler überwiegend Parteien wie die AfD und die FDP gewählt haben, dann ist das ein wichtiger Punkt, der leider nur tröpfchenweise in der öffentlichen Wahrnehmung ankommt. Der Schriftsteller Ralf Bönt hat es in einem Interview mit dem MDR klar geäußert: "Die Politik muss männlicher werden".

Hier das komplette Interview:

http://www.mdr.de/mediathek/infothek/audio-507390.html

Nun höre ich schon den Aufschrei, sehe Bilder vor mir von alten Herren, die gerade in Amerika den Abtreibungsparagrafen verschärft haben. Das ist mit dieser Forderung nicht gemeint, das muss man ganz klar sagen. Eher geht es darum, den veränderten Rahmenbedingungen gerecht zu werden. Es ist heute, da sich immer mehr Väter auch wirklich mit dieser Rolle identifizieren, ein großes Ungleichgewicht und zugleich eine große Ungerechtigkeit, dass sie nach Trennungen überwiegend zum Zahlvätern degradiert werden. Das ist genauso unzeitgemäß wie die Tatsache, dass unsere Bildungs- und Betreuungseinrichtungen überwiegend weiblich geprägt sind.

Und noch etwas anderes ist von immenser Wichtigkeit:
Wir Menschen wollen bedeutsam sein. Und unser erster Spiegel für die eigene Bedeutsamkeit sind nun mal unsere Eltern. Sie erfüllen dabei unterschiedliche Rollen. Erfahren Kinder diese Bedeutsamkeit nicht, dann versuchen sie den Mangel durch Peergroups aufzufangen. Die bieten dann die Orientierung und den Sinn, der an anderer Stelle fehlt. In solchen Gruppen hat man auch die Möglichkeit, sich über andere zu stellen, um sich bedeutsam zu fühlen. Ein überhöhtes Ego ist oft die Folge dieser Entwicklung, bei gleichzeitig geringem Selbstwertgefühl. Schaut man sich die Familienverhältnisse von Attentätern oder Mördern an, dann zeigt sich in den allermeisten Fällen dasselbe Bild: Es sind Menschen, die entweder keinen Vater an ihrer Seite, oder ein überaus kompliziertes Verhältnis zu ihrem Vater hatten. Diesem Aspekt sollte man endlich mehr Beachtung schenken.

Menschen, die von ihrem Vater keine positive Bestätigung oder Bestärkung erfahren haben, also in ihrem Wunsch nach Bedeutung nicht gespiegelt wurden, tragen diese Kränkung oft ein Leben lang mit sich. Sie suchen immer wieder nach Möglichkeiten, dem "imaginären" Vater zu beweisen, dass sie etwas können. Unsere Gier nach Wachstum ist unter diesem Aspekt betrachtet sicher zumindest teilweise zu erklären, denn es sind überwiegend Männer, die sie vorantreiben.

Der Feminismus hat viel erreicht. Ich als Frau bin froh, dankbar und glücklich heute auf vielen Ebenen davon zu profitieren. Aber ich sehe mit wachsender Sorge, dass an vielen Stellen der Bogen überspannt wird, Männer und Väter zurückgedrängt werden und nicht zuletzt auch dadurch Parteien wie die AfD Zulauf bekommen. Zeit, dass sich was dreht.

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