Donnerstag, 28. September 2017

Die Bratenrevolution

Neulich habe ich auf Facebook die Geschichte mit den zwei Wölfen erzählt. Weil sie so gut in unsere Zeit passt. Weil wir alle angehalten sind, immer wieder neu zu überlegen, welchen Wolf wir füttern müssen. In diesem Zusammenhang ist mir eine weitere Geschichte eingefallen, die ich hier auf dem Blog vor vielen Jahren schon einmal aufgeschrieben habe und die ich heute aufgreifen will. Es ist die Geschichte von den Bratenenden.


 Eine Frau steht in der Küche und bereitet einen Braten zu. Ihr Mann geht ihr zur Hand und ist doch mehr als überrascht, als die Frau plötzlich die Enden des wunderbaren Bratens abschneidet und sie separat in den Bräter legt.
"Warum tust du das?", fragt er verwundert.
Die Frau überlegt.
"Eigentlich weiß ich es gar nicht so genau. Meine Mutter hat das immer so gemacht. Ich werde sie fragen."
Gesagt getan. Bei der nächsten Gelegenheit fragt die Tochter die Mutter nach der Sache mit den Bratenenden und siehe da, auch die Mutter stellt fest, dass sie diese seltsame Gewohnheit schon von ihrer Mutter übernommen hat.
Da die Großmutter noch lebt, sind die beiden Frauen nun neugierig und wollen von ihr wissen, was denn nun das Geheimnis mit den Bratenenden ist.
Und beide staunen nicht schlecht, als die Großmutter ihnen erzählt, dass der einzige Grund, die Bratenenden abzuschneiden der war, dass ihr Bräter schlichtweg zu klein war, um den gesamten Braten in einem Stück hineinzulegen.

Wenn ich mich umschaue und beobachte, dann stelle ich fest, dass wir ständig irgendwelche Bratenenden abschneiden. Aus purer Gewohnheit. Weil man das angeblich so macht. Weil es, wenn die Mutter, der Lehrer, die Oma, der Vater, der Politiker es so gesagt oder getan haben, doch nicht falsch sein kann. Meine Generation und auch die nachfolgenden – wir sind denkfaul geworden. Wir hinterfragen kaum noch und ich bin sicher, dass der Zustand der Erde, der Zustand unserer Gesellschaft diesem Verhalten geschuldet ist. Im Grunde gehorchen wir blind und wie Arno Gruen es 2014 formuliert hat:

"Es ist höchste Zeit, gegen die Kultur des verschwiegenen Gehorsams zu revoltieren: Nur so können wir die Demokratie stärken und besser miteinander leben."

Hören wir doch endlich auf, wie die Lemminge die Bratenenden abzuschneiden. Er wird davon trocken, im schlimmsten Fall sogar zäh. Sind wir doch endlich mal ehrlich mit uns selbst und geben es zu, dass sich manche Dinge, die wir tagtäglich einfach so hinnehmen, seltsam anfühlen. Oder machen wir es wie die 1000 Gestalten, die anlässlich des G-20 Gipfels durch Hamburg gezogen sind. Befreien wir uns von der alten starren Kruste.

Stellen wir die wichtigen Fragen:


  • In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
  • Sind wir mit der Art, wie in unserem Land Politik gemacht wird, einverstanden?
  • Wollen wir wirklich, dass Lobbyisten die Politik lenken?
  • Macht es uns wirklich nichts aus, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, oder irgendwo in der Sahara verrecken, nur damit wir hier unsere Ruhe haben? Sind wir so?
  • Wollen wir, dass Politiker im Bundestag sitzen, die sich ihr Mandat durch eine Lüge erschlichen haben? (Dr. Frauke Petry)
  • Und und und... 


Arno Gruen sagt, dass der Mut zum Ungehorsam uns wieder lebendiger und mitfühlender macht. Ich glaube daran. Es geht nicht darum, Chaos zu erzeugen, auch nicht darum, Bewährtes zu zerschlagen, sondern es geht darum, viele Dinge, die wir fast schlafwandelnd so tun, weil sie angeblich schon immer so getan wurden, einfach mal zu hinterfragen. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. So kommen wir wieder miteinander ins Gespräch und können vielleicht am Ende sogar darüber lachen, dass wir so gutgläubig waren und den schönen Braten über Jahre versaut haben.

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