Freitag, 30. Juni 2017

Mission Lebensrettung

Axel Steier
 Während die einen vom Sofa oder vom Schreibtisch aus darüber debattieren, ob es richtig ist, dass private Hilfsorganisationen auf dem Mittelmeer Menschenleben retten, schaffen andere Tatsachen. Axel Steier ist einer von ihnen. Als Kopf von Mission Lifeline sammelt er seit über einem Jahr Spenden für ein Rettungsboot,  das ab Mitte August mit einem internationalen Helfer-Team auf dem Mittelmeer patrouillieren, Menschen, die in Seenot geraten sind, aufnehmen und sie an andere Schiffe übergeben wird.


Bereits über 2000 Menschen sind allein in diesem Jahr auf der Überfahrt nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Damit ist das Meer, das die meisten von uns nur von diversen Badeurlauben kennen, mittlerweile die tödlichste Grenze der Welt. Und sie ist ein Politikum. Ebenso wie die verschiedenen NGO's, die vor Ort sind, teilweise selbst ihr Leben aufs Spiel setzen, um andere zu retten. Von den einen als "Taxifahrer nach Europa", als "Volksverräter" oder schlicht als "Schlepper" verunglimpft, tun sie das, was das Seerecht vorsieht: Rettung von Menschenleben, die sich in akuter Not befinden.

Eigentlich sollte man sie dafür feiern. War es nicht das Bild eines ertrunkenen Kindes, dass uns allen die Tränen in die Augen getrieben hat? Dass so viele zu dem Satz: "Es muss sich endlich etwas ändern!" gebracht hat? Wir dürfen dem Sterben nicht weiter zusehen. Das war bis auf wenige Ausnahmen der Tenor. Was kam, war der Türkei-Deal. Der nicht die Fluchtursachen bekämpft hat, sondern die Menschen aus Syrien und dem Irak nun auf die weitaus gefährlichere Route von Libyen nach Italien gezwungen hat. Dazu kommen Menschen aus Bangladesch, aus dem Iran, aus Nigeria, Somalia und und und. Niemand von ihnen begibt sich auf diesen Weg, weil es bei uns zehn Sorten Butter und Sozialleistungen gibt. Die Motivation ist schlichtweg, eine Chance zu haben. Die Motivation ist, einem Leben zu entkommen, das nicht lebenswert ist. Wir können die Augen nicht mehr davor verschließen, dass die Welt um uns herum im Elend versinkt. Wir können die Augen nicht mehr davor verschließen, dass der Klimawandel Lebensgrundlagen raubt. Und wir können auch nicht mehr die Augen davor verschließen, dass eine aggressive Investitions- und Handelspolitik Menschen in die Armut bringt. All das sind Tatsachen, die jeder nachlesen kann. Die Menschen, die es nach Europa schaffen, jene, die im Mittelmeer ertrinken, in der Sahara verdursten oder in libyschen Lagern oder Gefängnissen verrecken, sind Zeugen. Doch ihnen hört offensichtlich niemand zu.

Stattdessen ermittelt nun die Dresdner Staatsanwaltschaft gegen Axel Steier. Der Vorwurf: "Versuch des Einschleusens von Ausländern als Vorsitzender von "Mission Lifeline e.V." Ich habe mit Axel, der gerade auf Malta ist und die letzten Vorbereitungen trifft, telefoniert:

Wie geht es Dir bei all dem trouble, dem Du gerade ausgesetzt bist?
"Ach gut. Wir machen hier unsere Arbeit. Momentan sind wir dabei, ein Haus zu mieten und die Abläufe abzuchecken."

Sind die Vorwürfe gegen Dich nicht absolut absurd? 
"Natürlich. Aber so ist es eben. Die denken, wir planen, die Menschen nach Europa zu bringen. Das tun wir ja gar nicht. Wir retten sie aus der Seenot. Nach Europa bringen sie andere. Aber das spielt keine Rolle. Man sucht sich eben das raus, was passt. Dabei ist ja die Handlung noch nicht einmal passiert."

Was glaubst Du, liegt es an Dresden, dass das überhaupt durchgekommen ist?
"Na ja, die Staatsanwaltschaft Dresden ist ja bekannt dafür, dass sie seltsame Ansichten haben. Die gehen auch gerne mal in die nächste Instanz, obwohl die Tatsachen eine andere Sprache sprechen."

Kann das Eure Mission gefährden?
"Jein. Natürlich könnte das passieren. Ich weiß es nicht. Wir machen hier weiter.

Was hat Dich überhaupt bewogen, diesen Verein zu gründen und das alles auf Dich zu nehmen?
"Wir kommen aus einer Stadt, wo eine Minderheit die Stimmung diktiert. Das wollten wir nicht hinnehmen. Wir haben ja schon vorher mit dem Dresden-Balkan-Konvoi viel erreicht, auch auf Chios Menschen aus dem Wasser gezogen. Dort ist im Grunde der Wunsch entstanden, das auszuweiten. Mehr Menschenleben zu retten."

Hast Du Angst vor der Mission?
"Nein. Ich komme ja beruflich aus der Ecke, also zu retten, das ist mir vertraut. Ich bin einfach gespannt."

Wenn Du eine Forderung an die Politik stellen könntest, welche wäre das?
"Dass man die Menschen aus Libyen evakuiert. Also eine Art Abhol-Programm startet, sichere Fluchtwege einrichtet und die Menschen dann verteilt. Dass man das Dublin III Abkommen hinterfragt, so wie ja aktuell im Europäischen Parlament geschehen.
Warum kommen denn die Menschen? Das muss man hinterfragen. Weil wir einfach keine Verteilungsgerechtigkeit auf dieser Welt haben. Und das mit dem Flüchtlingsstrom wird nicht besser werden, wenn wir uns darum nicht kümmern."

Meinst Du auch, dass immer mehr kommen würden, wenn die Wege frei wären?
"Ja. Denn sie haben ja einen Grund zu fliehen. Warum sollen sie denn keine Reisefreiheit so wie wir haben? Wir (die DDR-BürgerInnen) haben uns das damals erkämpft und wir lebten nicht in existenzieller Not, unser Leben war nicht bedroht und trotzdem sind so viele geflüchtet. Das waren nach unserer Definition heute auch Wirtschaftsflüchtlinge. Oder anders: 4 Millionen Deutsche leben im Ausland. Sagt da irgendjemand etwas?"

Ich kann Axel nur recht geben. Wir messen mit zweierlei Maß. Für mich persönlich ist das Rassismus, denn wenn es Deutsche wären, die dort im Mittelmeer in Seenot geraten würden, gäbe es diese ganze Debatte gar nicht. Im Gegenteil. Dann hätten wir sie, unsere Helden, unsere Retter. Und wir würden sie feiern und nicht als Volksverräter beschimpfen und kriminalisieren.

Danke, Axel Steier, für das Gespräch.

Wer die Rettungsmission unterstützen will, kann das hier tun:

Mission Lifeline e.V.
IBAN DE85 8509 0000 2852 2610 08


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