Donnerstag, 1. Juni 2017

Eine Gitarre für Joe

Zahnbürsten. Damit beginnt die Geschichte. Ein Aufruf auf Facebook, ich reagiere. Kaufe bei Rossmann 100 Zahnbürsten und bringe sie in die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. Keine große Sache. Rund 40 Euro. Kurzes Überschlagen, ob es mir wehtut, wenn das Geld in meinem Portmonee fehlt. Klares Nein. Verzichte ich eben auf irgendetwas anderes. Geht schon. Ich fahre zum Zoo, gebe die Zahnbürsten ab und komme ins Gespräch.

Das ist ein paar Wochen her.
Gestern war ich wieder dort. Vorgestern auch. Und vorvorgestern. Der Grund heißt Joe.
Joe ist 54, lebt seit drei Jahren auf der Straße, ist schwer alkoholabhängig und laut Aussagen der Ärzte lebensbedrohlich erkrankt. All das spielt eine Rolle, viel wichtiger ist jedoch: Joe ist Musiker. Hat  – bevor er den Halt verloren hat – in einer Band und auch Solo gespielt und gesungen.

Gelesen habe ich von ihm auf Facebook. Der Mitarbeiter, den ich über Zahnbürstenaktion bereits kannte, schrieb auf seinem Profil:

"Man erträgt seinen Anblick kaum, wie er seit Tagen vor unserer Tür liegt und vielleicht bald sterben wird. 
In ein Krankenhaus möchte er nicht, ein Leben dort ohne Alkohol erscheint ihm vermutlich auch schwierig. Und wir betrachten seit Tagen und Nächten alles das, was wir nicht schaffen: Medizinische Betreuung , ein sauberes Bett, Notfallversorgung..."

Wieder handeln. Ein Aufruf bei Facebook. Eine Gitarre muss her. Es ist Sonntagabend. Tatort-Zeit. Ich sitze mit meinem Mann und einer Bekannten, die meinem Aufruf gefolgt ist, bei Joe. Er spielt Gitarre und weint. Vor Glück, vor Schmerzen, vor Scham, vor Enttäuschung. Aber er lächelt auch. Vor Freude, weil er wieder spielen kann.

"Ich verspreche Dir, dass ich wiederkomme und Dir eine eigene Gitarre schenke.", sage ich zu ihm. Mittwoch habe ich sie ihm gebracht.
Als ich mit meinem Auto an die Bahnhofsmission fuhr, saß er, abseits von den anderen, zusammengesunken in der Sonne. Aschfahl. Trotzdem schaute er hoch. Sagte meinen Namen. Ich setze mich zu ihm, lehnte mich an die warme Hauswand und streichelte ihm den Rücken, während er sich übergeben musste.

"Entzugserscheinungen..."

"Du musst Dich nicht entschuldigen, alles gut."

Ich schaue mich um. Rund 30 Menschen halten sich vor der Bahnhofsmission auf. Alle sind entweder alkoholisiert oder stehen unter Drogen. Ein Pärchen hat Sex auf dem Zebrastreifen, während Passanten mit ihren Rollkoffern vorbeieilen. Der Gestank ist kaum zu ertragen. Urin, Erbrochenes, Schnaps. Skurril ist ein passendes Wort für das, was sich hier in der Jebensstraße abspielt. Man hat das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Während auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Helmut Newton Foundation Eleganz, Schönheit und Luxus zeigt, diktiert vor der Bami, wie die Mitarbeiter und Besucher die Bahnhofsmission nennen, die Sucht das Leben. Wahlweise auch bittere Armut, Depressionen, Haltlosigkeit und Verwahrlosung. Dabei geben die Mitarbeiter der Bahnhofsmission ihr Bestes. Sind engagiert. Helfen, wo sie können. Auch viele Freiwillige setzen sich ein, verteilen Essen, bringen Kleidung. Oft bleibt es Makulatur. Manchmal jedoch retten sie Leben.

"Kannst Du mir Schnaps holen? ich brauche dringend etwas. Mir gehts so schlecht."

Ich stehe auf, gehe vor zu Getränke-Ullrich und kehre wieder um. Ohne Schnaps.

"Ich kann das nicht. Der bringt Dich doch um."

"Wenn Du ihn nicht holst, geht ein anderer. Der klaut mir dann vielleicht mein Geld. Bitte."

Miriam gesellt sich zu uns. Ich gebe ihr Geld, sie holt den Schnaps. Bringt sogar die Quittung. Ich helfe Joe derweil aufzustehen, damit wir beide ein Stückchen weiter in die Sonne rücken können. Joe friert und zittert.

Ich weiß jetzt, dass der Entzug in diesem Stadium ebenfalls tödlich sein kann. Ich weiß jetzt auch, dass die Bami zu bestimmten Uhrzeiten keine Kleidung oder ähnliches ausgibt. Aber Joe friert doch. Also fahre ich abends nochmal vorbei und bringe ihm eine Iso-Matte und einen Schlafsack. Ich will, dass es ihm gut geht. Am nächsten Morgen ist Joe nicht mehr da. Auch abends nicht. Dafür gibt es bei Newton eine Vernissage.

Warum tue ich das, habe ich mich gefragt. Was geht mich dieses fremde Leben an? Will ich mich profilieren, wie manch einer mir unterstellt? Warum helfe ich Joe und nicht den anderen? Warum ist mir das alles nicht egal?
Viele Fragen, noch mehr Antworten. Eine lautet, dass es mich nicht kalt lässt, wenn andere leiden. Eine andere heißt: Eine Gesellschaft, in der Alkohol eine legale Droge ist, deren Schädlichkeit nach wie vor verharmlost wird, ist verpflichtet, denen zu helfen, die der Alkohol zu Grunde richtet. Wir Deutschen stehen mit an der Spitze, wenn es um den Konsum von Alkohol geht. Werbung ist ohne Einschränkung erlaubt und in manchen Lokalen kostet das Bier weniger als ein Saft. Studien sagen, dass es zunächst gar nicht der Alkohol ist, der süchtig macht. Davor steht der Kopf, der meint, dass er es braucht. Der meint, nicht ohne das Gläschen einschlafen zu können. Der meint, ohne Alkohol nicht entspannt, nicht lässig, nicht locker genug zu sein. Die körperliche Abhängigkeit  kommt erst viel später. Aber die Grenzen sind schwer zu erkennen und der Weg in die Abhängigkeit und der damit oft einhergehende soziale Abstieg geschieht immer häufiger. Rund 1,8 Millionen Menschen hängen in Deutschland an der Flasche, rund 9,5 Millionen trinken in einem Ausmaß, das als gesundheitsschädigend bezeichnet werden kann.
Ich bin eigentlich jemand, der dafür einsteht, dass jeder Mensch die Verantwortung für sein Handeln oder Nichthandeln trägt, ich weiß aber auch, dass es Phasen im Leben geben kann, in denen man nicht Herr seiner Sinne ist, neben sich steht und einfach die Kontrolle über sein Leben verliert. Nicht jeder hat dann das Glück, ein starkes Umfeld zu haben. Nicht jeder hat das Glück, so viel Selbstvertrauen in sich zu tragen, dass der Absprung gelingt.

Die Zahl der Obdachlosen ist in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Seit 2010 um satte 35 Prozent. Nicht immer spielt Alkohol eine Rolle. Viel häufiger sind es psychische Probleme, Gewalterfahrungen, Geldmangel, Jobverlust oder Trennung, die dafür sorgen, dass Menschen auf der Straße landen. Im Übrigen nicht nur Erwachsene. 2015 lebten in Deutschland rund 29.000 Kinder auf der Straße.

Ich weiß nicht, wie es mit Joe weitergeht. Was ich aber weiß, ist, dass wir achtsam sein müssen. Eine Gesellschaft, die es möglich macht, dass immer mehr Menschen durch das Raster fallen, ist nicht gesund. Wir können nicht oben wachsen und unten faulen. Und es kann auch nicht sein, dass die Versorgung der Menschen nur durch Ehrenamt und Freiwillige geleistet wird, während der Staat ab und zu mal ein Geldsäckchen rüber schiebt und meint, dass damit die Sache erledigt ist. Was wir brauchen, sind Konzepte. Was wir brauchen, sind Ideen, die an die Wurzeln, nicht an die Symptome gehen. Und was wir brauchen, ist eine andere Sicht auf das Thema Alkohol. Vielleicht sollten die Konzerne in die Pflicht genommen werden.

Joes neue Gitarre steht jetzt im Büro der Bami. Morgen werde ich schauen, ob er da ist und vielleicht spielt er mir ja etwas vor.
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IBAN: DE24 1002 0500 0003 1819 07 
BIC: BFSWDE33BER Bank für Sozialwirtschaft Verwendungszweck: Bahnhofsmission

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