Freitag, 27. Januar 2017

Warum ich mich von Facebook zurückziehe

Heute Morgen bin ich mit meinem Hund durch den Grunewald gelaufen. Umgeben von klarer, kalter Luft, begleitet von einem Sonnenaufgang. Die Wege waren vereist, aber Dank Spikes unter den Schuhen hielt sich die Rutschgefahr in Grenzen. Wunderbar – ich liebe unsere morgendlichen Laufausflüge. Sie sind Auszeit und Tankstelle gleichzeitig. Und sie geben Raum für Gedankensprünge, bereiten den Boden für Konsequenzen.


Facebook war in den letzten Monaten, ja eigentlich fast Jahren für mich wie eine Heimat. Kommunikationstreffpunkt, Gemeinschaftsplatz, Ideenzentrum, Anlehnungsort, Freundschaftskiez, Wutportal, Streitplattform, Erinnerungswinkel. Trotzdem treibt mich die Idee, aus Facebook auszusteigen, mindestens schon so lange um, wie die Freude währt, dort mit vielen Menschen verbunden zu sein. Als ich heute Morgen durch den Wald lief, meinem Hund dabei zusah, wie er über das Eis schlitterte, wurde mir klar, dass ich die Menschen, die mir wichtig sind, nicht verlieren werde. Dass die Aussage: Ich brauche Facebook, weil ich sonst den Kontakt verliere, Blödsinn ist. Facebook ist einfach nur bequemer, als zum Telefonhörer zu greifen, mehr nicht.

Facebook raubt Zeit. Jedenfalls all jenen, die wie ich FB so eng in ihren Tagesablauf gebaut haben, dass viele andere Dinge zurückgedrängt wurden. Natürlich hatte ich dafür immer Gründe: Ich musste mich mitteilen, ich brauchte Unterstützung, ich hatte einen Gedanken, der unbedingt in die Welt musste, ich wollte Werbung für meine Bücher/Lesungen machen, ich wollte mich austauschen, wollte sehen, was andere zu sagen haben. Alles war wichtig. Zu wichtig. An diese Stelle gehört viel Selbstkritik. Denn genau wie ein Messer, das ja nicht böse ist, nur weil man damit einen Menschen erstechen kann, ist auch FB nicht der Feind, nur weil es Zeit raubt, sich in diesem Netzwerk zu bewegen. Es liegt also an mir, wie ich es nutze. In Zukunft eben einfach weniger.

Ein weiterer Grund, warum ich mich zurückziehe, hängt mit der Unternehmenspolitik von Facebook zusammen. Wer gestern die Sendung "Kontraste" gesehen hat, dem wird nicht entgangen sein, mit welcher Arroganz sich dieses Unternehmen jeglicher Kontrolle und jeglicher Regulation entzieht. Facebook frisst unsere Daten, es lässt unter dem Deckmantel des demokratischen Rechts auf Meinungsfreiheit Hetze und Propaganda im Netz stehen. Es löscht selbst dann keine Beiträge, wenn Menschen auf übelste Art beleidigt oder verleumnet werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Syrer Anas Modamani, der seit Monaten vergeblich darum kämpft, dass die Fake-Bilder mit seinem Merkel-Selfie von Facebook gelöscht werden. Wir haben in der Community oft diskutiert, ob es gut ist, dass die Hetze sichtbar ist. Nach dem Motto: lieber öffentlich, als im Untergrund. Wenn man es sehen kann, kann man sich damit auseinandersetzen. Ich sehe das mittlerweile anders. Ich denke, dass es dadurch aufgeblasen wird. Mehr Raum und Aufmerksamkeit bekommt. Ich folge da dem Grundsatz, den ich aus dem Coaching kenne: Das, worauf man die Energie lenkt, wächst. Ich will nicht, dass die Hetze wächst. Ich will diesen Umgang nicht. Diese Beleidigungen, die Anmaßungen. Ich will Trump nicht in Hundertausend Varianten verunglimpft sehen. Ich will lieber wissen, wie man ihm begegnen kann und verhindert, dass er mit seiner Politik diese Welt zugrunde richtet. Aber solche Antworten gibt es auf FB nicht.

Noch etwas: Ich bin Autorin. Als solche hat man es manchmal schwer, ein Gefühl dafür zu bekommen, ob die eigene Arbeit wertvoll ist. Das Geld kann man nicht als Indikator benutzen. Wenn ich das täte, würde ich besser den Stift fallenlassen und putzen gehen. Das bringt wahrscheinlich mehr ein. Also lässt man sich gern verführen. Drei kleine Sätze, ein Gedanke und schon bekommt man Applaus. Oder auch nicht – das spielt keine Rolle, denn es geht um die Aufmerksamkeit. Facebook gaukelt einem vor, dass man wichtig ist. Dabei dreht sich die Welt auch ohne meine Gedanken. Und: ich schreibe ja. Bücher, Texte, meinen Blog. Insofern kann man mir über diese Kanäle gern folgen.

Ich will das noch ein bisschen näher erörtern, denn ich glaube, dass das ein wichtiger Punkt ist: Meine Facebookaktivität verhindert, dass ich mich mit meinen Gedanken auf einer tieferen Ebene auseinandersetze. Ich habe das gestern schon in einem Kommentar geschrieben, dass ich in letzter Zeit immer öfter an etwas denken musste, das die Autorin Thea Dorn mal über das Bloggen gesagt hat. Sie meinte, ein Post fühle sich für sie an wie ein Schwangerschaftsabbruch. Weil er einfach nicht den Raum dafür hergibt, dass sich Gedanken ausbreiten können. Na klar ist es auch eine Kunst, sich in knapper Form zu äußern. Trotzdem ist es für Autoren eigentlich unerlässlich, mit den Gedanken schwanger zu gehen. Sie wachsen, sie reifen zu lassen. Ich habe so oft gedacht, dass manch kurzer Post bei FB eigentlich das Potential für einen guten Artikel hätte. Wenn ich mich dann damit auseinandergesetzt hätte, statt gleich zum nächsten Gedanken zu springen oder auf Kommentare zu antworten. Insofern ist es für mich als Autorin einfach nur konsequent, mich zurückzuziehen und mich mit dem, was in mir ist und in die Welt will, einfach ernster zu nehmen. Dazu kommt noch etwas anderes. Was bin ich für Facebook? Nichts als ein billiger Content-Lieferant. Das Unternehmen lebt davon, dass ich meine Bilder, meine Meinung, meine Gedanken poste. Es zahlt allerdings nichts dafür. Natürlich ist es toll, sich auf FB auszutauschen. Ich habe wunderbare, auch anstrengende, meist aber bereichernde Diskussionen geführt. Aber ist FB der richtige Ort dafür? Verpufft das letztendlich nicht alles im großen World Wide Web oder sammelt sich in FB's gigantischem Datenspeicher? Wird ausgesaugt für Werbezwecke? Ich will das nicht mehr mitmachen. Wer mit mir debattieren will, kann das auch gern auf andere Art tun. Ich bin in diesem Jahr auf vielen Veranstaltungen präsent, habe Lesungen, sitze auf Podien. Insofern: genug Gelegenheiten sich zu treffen. Auch meine E–Mailadresse oder mein Newsletter sind Möglichkeiten im Kontakt zu bleiben. Natürlich lassen sich großere Events, Demonstrationen, spontane Aktionen gut über FB organisieren. Das will ich gar nicht in Abrede stellen. Und dafür werde ich FB auch weiter nutzen.

Und das noch: Wenn mein Mann mir das Handy hinterherträgt, weil es ständig brummt und zu mir sagt: "Hier Dein Lebensgerät!" dann ist es eh Zeit, Konsequenzen zu ziehen. Denn wenn ich eins nicht will, dann ist es das, meinen Rhythmus von einem Smartphone bestimmen zu lassen. Dazu bin ich zu sehr Freigeist. Darum habe ich auch den Messenger und Twitter von meinem Handy gelöscht. Wer mich erreichen will, der erreicht mich. Über meinen Verlag oder über meine Homepage.
Dieses Gefühl, dass man wichtig ist, wenn das Handy ständig brummt oder man viele Kontakte hat, ist einfach trügerisch. Am Ende machen uns die sozialen Netzwerke auch ein stückweit einsam. Spätestens dann, wenn wir mit vielen Menschen in einem Raum stehen und alle auf ihr Smartphone schauen oder wenn man mit dem Liebsten im Restaurant sitzt und ihn unterbricht, weil irgendwo auf dieser Welt jemand getwittert hat.

Ich weiß noch nicht, wie es mir in Zukunft mit meiner Entscheidung geht. Ob ich Entzugserscheinungen habe, mir etwas fehlt, ich ständig in die Tasche greife, um mich dann daran zu erinnern, dass ich das Handy jetzt nicht heraushole. All das ist möglich und trotzdem gibt es für mich keinen anderen Weg.

Kommentare:

Romy Campe hat gesagt…

Viel Erfolg liebe Jeannette, ich halte es so wie Du. Ich verdammen FB nicht, sondern nutze es in Maßen.

Peter hat gesagt…

Das ist alles richtig, inklusive der Relativierungen. FB frisst viel Zeit. Es gibt was und es nimmt was.Und es geht auch anders und im vernünftigem Mix. Wir sollten das alle lernen. Schreib bitte weiter, wie es so läuft.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jeanette, ich respektiere deine Entscheidung und finde sie zugleich auch mutig. Mutig, weil viele Menschen eine kurze schnelle Kommunikation suchen ohne in die Tiefe gehen zu wollen, oder einfach nur rege, so wie ich, verfolgen was du schreibst. Mutig auch weil du, wie schon selbst von dir angesprochen, sicherlich einige Kontakte verlieren wirst, denn Facebook ist auch ein globales Informations- Instrument geworden. Wenn ich mich nehme, so telefoniere ich mit dir sicherlich eher selten und du warst ein paar mal bei mir im Laden. Ich schätze allerdings sehr was du schreibst und verfolge es mit großem Interesse Das ist etwas was mir auf jeden Fall fehlen wird. Sicherlich wird dadurch auch ein Stück Kommunikation verloren gehen, was ich schade finde. Auf jeden Fall hoffe ich, auch an anderer Stelle oder auf andere Art von dir weiterhin zu hören, oder zu lesen.

Liebe Grüße
Markus Gilg

PS: da ich eine Identität angeben mussund kein Google-Konto ( Google ist übrigens meine Ansicht nach genau so, wenn nicht schlimmer wie Facebook) oder Open ID Konto habe, habe ich an dieser Stelle einfach Anonym ausgewählt . Damit du jedoch weißt von wem der Kommentar ist, da ich eben nicht anonym bleiben möchte hier mein vor und Zunahme.