Dienstag, 6. Dezember 2016

Von Mensch zu Mensch

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber je älter ich werde, um so skurriler erscheint mir der Affenzirkus, den wir um das, was wir Leben nennen, gebaut haben. Ich frage mich immer öfter, wo der Ausgang ist. Die Tür, um wieder in das einzutreten, was uns eigentlich ausmacht und was wir offensichtlich in all dem Wohlstands-, Gier-, Politik-, Wellness-, Jammer-, Geld-, Flüchtlings-, Regelwerk-, Werte- und Leistungsgetöse völlig aus den Augen verloren haben. Nämlich uns.


Letzte Nacht stand ich am Flughafen Schönefeld. Nicht, weil ich wegfliegen wollte, sondern weil ich Beobachter des Ankommens und des wirklichen Glücks sein durfte. Für einen langen Augenblick ein Gefühls-Spanner. Jemand, der sich kaum satt sehen konnte an dem, was uns Menschen so eigen ist. Jemand, der nach solchen Momenten giert. Der ertrinken will in dem, was uns so abhanden gekommen ist. An der Liebe. Nicht an der romantischen, sondern an der, die uns allen innewohnt - der Liebe zu unseren Nächsten.

Aber langsam.
Seit nun fast einem Jahr unterstütze ich den Verein "Flüchtlingspaten Syrien e.V." mit einer monatlichen Spende. Der Verein schafft mit Hilfe von Spendengeldern und Verpflichtungsgebern die Möglichkeit, Familienangehörige von Geflohenen, die bereits seit mindestens einem Jahr in Deutschland leben, nachzuholen. Ihnen das Ticket zu geben, wie gestern geschehen, um der Hölle von Aleppo zu entkommen. Nun kann man sich fragen, was es bringt, ein paar Menschenleben zu retten. Mit denen, die gestern angekommen sind, 101 an der Zahl. Die Frage ist in dem Augenblick obsolet, wenn man am Flughafen steht und in die Gesichter jener schaut, die sich nach Jahren der Trennung wieder in die Arme schließen können.

Nichts bewegt und berührt mehr als die echte Verbindung von Mensch zu Mensch. Sag mir, wo die geblieben ist. Natürlich taucht sie wie ein Blitzlicht auf. Immer mal wieder in kleinen Dosen. Wie bei diesem Spiel, das früher beim Spaziergang an irgendeiner Strandpromenade auf Mallorca der Renner war. Kleine Köpfe, die abwechselnd aus verschiedenen Löchern auftauchten, damit man sie sofort mit dem Hammer erschlagen konnte. Was für ein Sinnbild. Hau drauf. Töte den Moment. Mach ihn klein. Lass es nur nicht zu, dass er dich überwältigt.

Dabei ist er so schön. Und er macht solche Angst. Wir haben Angst vor der Liebe. Davor, verletzt zu werden. An ihr zugrunde zu gehen, an ihr zu sterben. Und obwohl wir Angst haben, sehnen wir uns so sehr nach Liebe. Und weil wir sie nicht zulassen können, führen wir Krieg. Gegen andere und gegen uns selbst. Weil es so verdammt schwer auszuhalten ist, zum Beispiel nachts um 0:30 Uhr an einem Flughafen zu stehen und zuzusehen, wie Menschen sich in die Arme fallen und all der Kummer, all das Leid, all die Ängste der letzten Wochen, Monate, Jahre ungebremst aus ihnen herausbrechen.

Unsere Gefühlsabwehr ist auch nichts anderes als Krieg und ich weiß nicht, welcher momentan schlimmer ist. Der reale, der Menschen in Stücke reißt oder der nicht weniger reale, der uns kalt und innerlich zerrissen sein lässt. Wenn wir dieses Leben wirklich leben und nicht nur überleben wollen, dann ist es Zeit, sich zu entscheiden. Dann ist es an der Zeit, all unseren Mut zusammenzunehmen und das Risiko in Kauf zu nehmen, dass wir scheitern. Dann ist es Zeit, das zu betrauern, was wir verbockt haben. Schaut Euch den Zustand dieser Erde an. Schaut Euch den Zustand der Menschen an. Ich glaube, es gibt nur noch diese eine Tür. Sie heißt nicht Wohlstand. Sie heißt nicht Leistung. Auch nicht Wertedebatte oder Regel. Sie heißt Liebe und Selbstermächtigung. Und die beginnt in uns. An jedem Morgen, an dem wir aufstehen und einen Fuß in diese Welt setzt. Niemand kann uns diesen Schritt abnehmen. Kein Politiker, kein Guru. Niemand ist verantwortlich für unsere Entscheidungen. Außer wir selbst. Ein liebendes Ich schafft ein liebendes Wir. Keinen Affenzirkus, sondern tiefe Begegnungen von Mensch zu Mensch.


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Liebe Leserin, lieber Leser, gemeinsam mit Kunstleben Berlin habe ich eine Initiative ins Leben gerufen, die sich "Kunst gegen Kälte" nennt. Du findest sie auf Facebook und unter diesem LINK. Mehr als 100 Künstler, Prominente, Firmen und Privatpersonen haben mir Objekte gespendet, die unter diesem LINK auf eBay versteigert werden. Der Erlös kommt drei Hilfsorganisationen zugute, die sich über alle Maßen für Menschen auf der Flucht einsetzen - unter anderem auch den Flüchtlingspaten Syrien e.V.
Ich freue mich, wenn Du dabei bist und uns mit Deinem Gebot unterstützt. DANKE!



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