Donnerstag, 10. November 2016

Natan, Trump und eine Straßenbahn

Es gibt Tage, da fügen sich die Ereignisse auf seltsame Weise zusammen. Gestern war so ein Tag. Während in Amerika ein Populist, Rassist und Frauenverachter seinen Wahlsieg feierte, saß ich im Zentrum für politische Bildung in Berlin, sah den Film "Linie 41" und lauschte unter anderem dem 89-jährigen Juden Natan Grossmann, der einen Teil seiner Kindheit im Ghetto von Litzmannstadt (heute Łódź) verbracht hatte.



Natans Stimme ist fest. Aus seinen Augen blitzt der Schalk eines jungen Burschen, der die Welt erobern will. Ob alle im Raum über 18 sind, will er wissen. Dann erzählt er von der freien Liebe im Kibbuz und anschließend noch einen jüdischen Witz. Ich hätte aufstehen und ihn umarmen können. Was für ein Geschenk, dass dieser Mann die Gräueltaten des Naziregimes überlebt hat und was für ein Wunder, dass er nicht daran zerbrochen ist. Vor mir sitzt die pure Resilienz. Ein Mensch, der Kraft daraus schöpft, seine Geschichte zu erzählen und uns damit zu mahnen.

Der Film "Linie 41" der Regisseurin Tanja Cumming zeigt die Suche zweier Männer nach der Wahrheit. Neben Natan geht es um Jens-Jürgen Ventzki – Sohn des einstigen Oberbürgermeisters von Litzmannstadt. Auch er ist bei der Filmvorführung anwesend. Ein Mann, der die Last auf seinen Schultern trägt, einen Vater gehabt zu haben, der bis ins hohe Alter "Antikommunist, Antidemokrat und Antisemit" war, wie Ventzki selbst sagt. Ein Vater, der trotz seiner Schuld ungeschoren davon kam, der in der Bundesrepublik sogar noch als Beamter in hoher Position saß und der zu Amtszeiten in Litzmannstadt frisches Gemüse und Hummer aß, während die Bewohner vom Ghetto, welches er ebenso verwaltete, verhungerten. Man spürt die Zerrissenheit Ventzkis. Das Unvermögen etwas zu begreifen, was sich nicht begreifen lässt. Ventzki hat ihn als liebenden, ja sogar lustigen Vater erlebt. Dass das nur eine Seite war, hat er lange verdrängt. Erst seit einigen Jahren arbeitet er die Geschichte auf. Stellt sich den Schatten, die sein Vater hinterlassen hat. Dass ihm das viel abverlangt und derweil sicher an Grenzen bringt, spürt man, wenn Ventzki erzählt. Wenn er im Film Dokumente verliest, die sein Vater unterzeichnet hat. Dokumente die vor Rassismus und Menschenverachtung strotzen. Dokumente, die die Grundlage dafür sind, dass Sinti und Roma in Todeslager deportiert werden, Polen und Juden aus ihren Wohnungen ins Ghetto gesteckt und dort – wenn sie Glück haben – für Arbeitsdienste missbraucht werden.

Bringt diesen Film in die Kinos, ins Fernsehen, in die Schulen, denke ich während der Vorstellung immer wieder. Denn neben der wirklich berührenden Geschichte dieser beiden Männer zeigt er noch etwas, das heute nicht weniger wirkt als damals in Litzmannstadt oder in anderen deutschen Städten. Es ist das Schweigen und Wegschauen der Masse. Die Ignoranz, die Verdrängung und ja – auch die Arroganz der Bessergestellten. Eine Geisteshaltung, die Populisten stärkt und ihnen den Weg bereitet. Ja, ihren Aufstieg erst möglich macht. Auch gestern hat fast die Hälfte der Menschen in Amerika nicht gewählt. Sie haben stumm geschehen lassen.

In Litzmannstadt führte eine Straßenbahnlinie, die "41", nach der der Film benannt ist, direkt durch das Ghetto. Jeden Tag von Hunderten genutzt. Von Polen und Deutschen. Von Menschen, die ihrem ganz normalen Alltag nachgegangen sind, während andere um ihr Leben kämpften. Wie abgeschnitten, angsterfüllt und gehorsam musste man sein, um zu ignorieren, was abseits der Scheiben der Linie 41 passierte? Um zu ignorieren, dass da Menschen nicht lebten, sondern vegetierten. Dass sie an Hunger und Krankheiten starben, in Vernichtungslager abtransportiert oder als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden? Das ist keine Verurteilung, sondern die Suche nach einer Antwort. Unergründliches Menschenherz? Es macht fassungslos, sich in diese Situation hineinzudenken. Von den 160.000 Bewohnern des Ghettos haben nur 10.000 überlebt.

Aber fassungslos zu sein, ist der falsche Weg, denn wir stehen heute wieder an einem Punkt, an dem die meisten wie in einer Straßenbahn durch die Realität fahren und wegschauen. Mit einer gewissen Arroganz, vielleicht auch Ungläubigkeit Entwicklungen beobachten, die irgendwann - siehe Trump - nicht mehr aufzuhalten sind. Die eine Eigendynamik entwickeln. Ich möchte nicht, dass auch bei uns das große Kopfschütteln einsetzt. Wir haben nur noch ein paar Monate bis zur Wahl. Ich möchte nicht, dass auch bei uns Menschen an die Macht kommen, die Minderheiten verachten, andere Menschen unterdrücken und statt Visionen zu haben, an der Vergangenheit klammern. Darum: Empört Euch! Steht auf! Nehmt die Entwicklungen ernst! Oder wie Natan Grossmann es am Ende der Veranstaltung sagte:

"Das Deutschland heute ist ein anderes als damals. Seid wachsam, das sich das nicht ändert!"


TRAILER Linie_41_(engl) from Tanja Weiss Cummings on Vimeo.


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