Mittwoch, 19. Oktober 2016

Gleis 17 - Warum wir niemals vergessen dürfen


Wie können wir verhindern, dass Rassismus sich in unserer Gesellschaft ausbreitet? Eine Frage, die derzeit viele Menschen - mich eingenommen - bewegt. Mit Entsetzen beobachte ich, wie sich Fremdenfeindlichkeit und Hetze gesellschaftliche Räume erobern. Wie sie wieder alltäglich werden. Wie Hass auf andere Bevölkerungsgruppen, auf Geflohene sich nicht nur durch die sozialen Netzwerke zieht, sondern von Rednertribünen, bei Kundgebungen oder auf Parteiversammlungen seinen Weg in die Köpfe der Menschen findet.
Gerade heute hat ein Sprecher der ARD erklärt, dass man bei Berichten über die AfD künftig auf den Zusatz "rechtspopulistisch" verzichtet. Man müsse die AfD als Teil der Demokratie anerkennen. Mir rollen sich die Fußnägel hoch, wenn ich so etwas höre und gleichzeitig sehe, mit welcher Vehemenz einzelne AfD-Vertreter im Internet rechtspopulistisches Gedankengut streuen. Wie sie den Feind heraufbeschwören, Unwahrheiten verbreiten und die Menschen aufhetzen. All das gab es schon einmal. Und man sollte meinen, dass wir Deutschen daraus gelernt haben. Scheinbar nicht. Scheinbar sind es nur wenige, die verstehen, dass man den Anfängen wehren muss. Dass man sich dagegenstellen muss und zwar als Gemeinschaft. Die AfD ist kein Teil der Demokratie. Im Gegenteil: Sie bedroht sie und unsere offene Gesellschaft. Um zu verstehen, wie wahr und wie gefährlich das ist,  reicht ein Blick in das Parteiprogramm. Es reicht aber auch ein Blick in unsere Geschichte.

Gestern vor genau 75 Jahren verließ der erste Transport mit Berliner Juden die Stadt. 1251 Menschen, darunter sechs Kinder, die noch nicht einmal zwei Jahre alt waren. Der Zug fuhr Richtung Polen, in die Stadt Łódź - früher Litzmannstadt. Am 19.10.1941 kam er dort an. 75 Jahre ist das jetzt her - ein Menschenleben. 75 Jahre - so alt wurde mein Opa. Mein Opa, der auch ein Nazi war. Obwohl er selbst nicht aktiv an den Gräueltaten gegen die Juden und andere Bevölkerungsgruppen beteiligt war, hielt er mit seiner rassistischen Haltung nicht hinterm Berg. "Scheiß Russen" war ein Ausdruck, den ich in meiner Kindheit mehr als einmal gehört habe und auch die Juden bekamen bei ihm verbal ihr Fett weg.

Aber zurück zu Berlin und dem Gleis 17 am Bahnhof Grunewald, von wo aus die Deportation der Berliner Juden in jenem Oktober 1941 begann. Heute gab es dort eine Gedenkfeier, zu der unter anderem ein Zeitzeuge geladen war. Horst Selbiger, geboren 1928, einer der letzten, die noch erzählen können, wie sich damals alles zugetragen hat. Seine Rede war emotional und eindringlich. Ich war nicht die einzige, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, angesichts des Leids, das der Nationalsozialismus nicht nur über die Juden, sondern über ganz Europa und Russland gebracht hat. Selbiger las die Namen der kleinen Kinder vor, die am 18. Oktober in den Zug gepfercht und im Mai des darauffolgenden Jahres in einem Vernichtungslager vergast wurden. Er ersparte keine Details, beschrieb, wie man die Menschen in die Gaslastwagen trieb, wie die Motoren gestartet wurden, wie die Menschen nach einigen Minuten anfingen zu schreien, wie sie gegen die Innenwände der Wagen hämmerten, wie sich dann irgendwann Stille ausbreitete, wie man die Wagen öffnete, die ersten Leichen herausfielen, wie man sie aufeinander stapelte - immer so, dass der Kopf des einen, auf den Füßen des Darunterliegenden abgelegt wurde, wie Lücken mit Kinderleichen "gestopft" wurden und wie bei den Prozessen, die nach dem Krieg stattfanden, jene, die den Motor der Gaswagen gestartet hatten, beschrieben, dass ihnen klar war, dass die Menschen sterben würden.

Es war kaum zu ertragen, das alles zu hören. Es war kaum zu ertragen, an diesem Ort zu stehen, wo so viele Menschen auf den Weg in den Tod geschickt wurden. Das Unerträglichste daran ist jedoch, dass das alles unter den Augen der breiten Masse geschah. Die Juden, die von Gleis 17 deportiert wurden, wurden vorher durch die Stadt geführt. Niemand konnte sagen, er habe es nicht gewusst. Niemand kann sich damit rausreden, dass es die anderen waren, die die Motoren gestartet haben.

Der Psychologe Arno Gruen schreibt in seinem Buch "Dem Leben entfremdet - Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden Folgendes:

"Wer anderen Schmerzen zufügt, um seine Stärke bestätigt zu fühlen, der ist wirklich böse. Wer aber diese Taten zulässt oder so tut, als ob sie ihn nichts angingen, ist derjenige, der das Böse erst ermöglicht."

Wir dürfen nicht wegschauen. Wir dürfen nicht einmal nur "nicht wegschauen", sondern wir müssen handeln. Aufstehen. Für Menschlichkeit, für Offenheit, für eine Demokratie, die alle einbindet, die willens sind, sie im besten Sinne zu gestalten.

Rassismus ist keine Gesinnung. Rassismus ist Verrat an der Menschlichkeit.










Eine der vielen Gedenktafeln an Gleis 17










Bundestagspräsident Norbert Lammert, Berliner Senator Frank Henkel und Horst Selbiger mit seiner Begleiterin











Weiße Rosen als Zeichen des Respekts, der Erinnerung, der Anerkennung, der Trauer













1 Kommentar:

Michael Schwarz hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.