Dienstag, 4. Oktober 2016

Feindesland Dresden

Dresden ist meine Heimatstadt. Dort bin ich geboren. Dort habe ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht. Meine Oma hat die Bombardierung Dresdens erlebt. Meine Mutter ist mit drei Geschwistern als Nachkriegskind dort aufgewachsen. Sie hatte Rachitis, weil es nichts zu essen gab. Meine Familie hat erlebt, wie Dresden nach dem Krieg aufgebaut wurde. Aus der Ferne haben wir später zugesehen, wie die Stadt nach der Wende erblühte. Und dann stehe ich heute fast 27 Jahre nach der Wende einer pöbelnden und grölenden Menschenmenge gegenüber, die ernsthaft glaubt, dass die Politik sie vernichtet.

Ich bin selten sprachlos. Heute war ich es. Eigentlich bin ich es immer noch. Diesen Absatz habe ich jetzt schon x-Mal begonnen, wieder gelöscht, wieder begonnen.

"Merkel muss weg! Lügenpresse! Abschieben! Abschieben! Widerstand!" hallt es immer wieder durch meinen Kopf.

Ich war extra nach Dresden gefahren, um mir das anzuschauen. Bilder im Fernsehen zu betrachten, ist eine Sache, direkt dabei zu sein, eine andere. Live zu hören, wie der Sprecher der Polizei den Demonstranten einen erfolgreichen Tag wünscht. Live zu sehen, wie Ausländer, die am Rande des Geschehens standen,mit hasserfülltem Blick angeschriehen wurden. Live zu erleben, wie ein kleines Grüppchen von Gegendemonstranten von einer Polizeimauer abgeschirmt wurde. 2600 Polizisten waren gestern in Dresden im Einsatz.

"Ihr seid nicht das Volk!" habe ich zu einem Mann gesagt, der mich einladen wollte zu marschieren. Sie sind nicht das Volk. Die,die heute in Dresden ihren - wie sie es immer noch nennen - Spaziergang gemacht haben, waren zu einem Drittel Neonazis. Die anderen waren Menschen, denen es nicht darum geht, die Verhältnisse in unserem Land zu verbessern. Es geht ihnen auch nicht darum, Probleme zu lösen. Nein. Die, die heute unterwegs waren, haben ihren Hass auf die Straße getragen. Sie haben ihre Schuldigen gefunden und wollen Köpfe rollen sehen. Sie fühlen sich stark in ihrer Gemeinschaft. Sie wollen auch nicht reden. Fakten interessieren sie nicht. Wie sagte der Redner auf der Abschlusskundgebung:

"Seit Kriegsende hat es nicht mehr so eine Regierung gegeben, die ihr Volk verrät."

Der Mann hat die DDR offensichtlich nicht erlebt. Aber genau das ist es wohl. Viele dieser Teilnehmer wünschen sich die DDR zurück. Sie haben vergessen, wie sie damals auf sie geschimpft haben. Sie haben vergessen,dass sie nicht "einverleibt" wurden, wie der Redner heute sagte,sondern dass sie das genau so wollten. Sonst hätten sie sich damals mit an den runden Tisch gesetzt.

Ihr seid nicht das Volk. Und niemand will Euch vernichten. Das ist Eure Fantasie. Ihr braucht nur ein Feindbild, weil es zu schmerzhaft ist, zu erkennen, dass Eure Kraft für echte Demokratie und eine offene Gesellschaft nicht ausreicht. Meine Oma würde sich im Grab umdrehen, wenn sie das heute gesehen hätte. Und ich? Ich bin immer noch entsetzt. Gleichzeitig weiß ich, dass Ihr nicht die Mehrheit seid. Dass es genug Menschen gibt, die anders denken. Schön wäre, wenn die die Straßen an so einem Tag bevölkern würden.




































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