Mittwoch, 10. August 2016

Wie parallel ist parallel?

"Existieren Parallelgesellschaften in Deutschland?" so eine Überschrift heute in der Süddeutschen Online. Gemeint mit "Parallelgesellschaften" sind Muslime und Migranten, die sich nicht integrieren wollen. Irgendwie musste ich schmunzeln, als ich die Überschrift las. Darüber, wie der Blick wieder weg von den Deutschen auf die anderen gerichtet wird. Migranten und Muslime bilden in Deutschland keine Parallelgesellschaften. Diese Rolle haben ganz andere besetzt.


Menschen, die wir bisher nicht auf dem Schirm hatten. Menschen wie Du und ich, die plötzlich im Dschungel des World Wide Web aus ihrer Deckung heraustreten und zeigen, was in ihnen steckt. Nachdem mir letzte Woche ein Mann aus Baden Würtemberg gewünscht hat, dass ich als Teddywerferin mal so richtig in den Arsch gefickt werde, damit ich wieder klar sehe, habe ich mich auf Spurensuche begeben und was ich gefunden habe, ist Zeugnis einer Spaltung, wie sie die wenigsten von uns wahrscheinlich für möglich halten.

Deutschland ist zu großen Teilen rechts. Unter uns sind Menschen, die Bilder posten, auf denen ein Wehrmachtsschütze mit einem Maschinengewehr zu sehen ist und daneben steht: "Das schnellste Asylverfahren Deutschlands – lehnt bis zu 1400 Asylanträgen pro Minute ab".  Oder ein Bild mit einer Nazi-Uniform, versehen mit dem Slogan: "Es wird Zeit, die alten Geister zu rufen!" Wer jetzt meint, das seien Mausausrutscher oder Einzeltäter, der irrt. Die Seite "Bündnis Deutscher Patrioten", auf der solche Beiträge zu finden sind, wurde immerhin von mehr als 30.000 Menschen mit einem "Gefällt mir" markiert und sie ist nur eine von vielen Seiten im Netz, auf denen in dieser Form die Fahne für "Heimat – Tradition – Kultur" hochgehalten wird.

Die Südddeutsche schreibt, dass das Wort "Parallelgesellschaft" für das  "Scheitern der Integration von Migranten und für das Ende der Idee von einer multikulturellen Gesellschaft" steht. Angeblich würden Muslime und Migranten unsere Kultur und ihre Regeln mehrheitlich ablehnen.
Welche Kultur? Die jener Mitmenschen, die fordern, dass man Asylbewerber gleich mit dem Maschinengewehr erledigen sollte? Die jener Mitmenschen, die kein Problem damit haben, die "Schmarotzer zu vergasen?" Diejenigen, die solche Kommentare schreiben:

"Auf nach Berlin und die Verbrecherbande mit Knüppeln aus dem "Deutschen" Reichstag prügeln. Diese vollgefressenen, sich selbst liebenden, Schwerverbrecher müssen endlich zum Teufel gejagt werden. Alle zusammen haben unser Deutschland verraten. Früher gabs bei Vaterlandsverrat die Todesstrafe. Vielleicht sollte man über gewisse Maßnahmen nachdenken."

Wer denkt, dass es sich hierbei um eine Minderheit handelt, der sollte die Sonnenbrille langsam abnehmen. Hier kriecht etwas ans Licht, was seit dem Zweiten Weltkrieg nie wirklich weg war. Was parallel zu dem Glauben und Werden einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft lief und sie peu à peu wieder unterwandert hat. Der Nationalsozialismus ist tief in uns verwurzelt. Menschen, die solche Kommentare schreiben oder Gruppen wie das "Bündnis Deutscher Patrioten" gründeten, haben den Krieg nicht erlebt, aber sie haben seine menschenverachtende Ideologie von ihren Eltern oder Großeltern übernommen. Sie sind die, die sich nie in die Gesellschaft und ihre neuen Ideen integriert haben. Sie sind die, die nationalistisch denken, an alten "Werten" festhalten, die meinen, dass man alles Fremde besser tötet oder ausgrenzt, statt es zu integrieren.

Facebook und andere "soziale" Medien sind die Bühnen für diese Parallelgesellschaft. Hier können sie sich zeigen, sich austoben, ohne Angst zu haben, dass man sie dafür belangt. Kommentare, wie die oben genannten kann man bei Facebook nicht einmal melden. Und jene, die man melden kann, werden oft genug mit dem Vermerk kommentiert, dass sie nicht gegen die "Gemeinschaftsstandards" verstoßen.

Für mich stellt sich die Frage, wie man dem etwas entgegensetzen kann. Grundsätzlich – so erschreckend das teilweise ist, wenn man sich in diesen Foren bewegt – gut ist, dass dieser Schmutz ans Licht kommt. Dass sichtbar wird, was da als Parallelwelt unter uns brodelt. Der nächste Schritt wäre, diesem stinkenden Moloch das Wasser abzugraben. Ihnen die Bühne zu entziehen. Das geht nur, wenn Facebook zum Beispiel seine Standards ändert. Menschen, die mit ihrem Klarnamen solche Posts absetzen, müssen endlich dafür belangt werden können. Und zwar problemlos. Nicht, indem erst Tausend Leute den Post melden müssen, ehe etwas passiert. Facebook braucht neue Regeln. Solche, die von derartige Kommentare gar nicht erst erlauben. Sie haben mit Meinungsfreiheit so viel zu tun, wie eine Katze mit Wasserballett. 

Ich habe gemeinsam mit Kai Kitschler eine Petition verfasst, in der wir eine neue Netiquette für Facebook fordern. Wenn Du auch der Meinung bist, dass soziale Netzwerke kein rechtsfreier Raum sein sollten, freuen wir uns über Deine Unterschrift. 

Macht die sozialen Netzwerke endlich sozial!




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