Mittwoch, 29. Juni 2016

Die Sache mit der Verantwortung

In meinem Schlafzimmer stehen zwei Kommoden der Marke "MALM" von Ikea. Sie stehen dort seit vier Jahren, vorher waren sie in einem anderen Schlafzimmer zuhause. Wäre ich Amerikanerin und würde in den Vereinigten Staaten leben, dann müsste ich meine Kommoden nun zurück zu Ikea bringen. Warum? Weil sie nicht kippsicher sind.


Liebe Welt, besonders liebe Amerikaner. Kommoden waren noch nie kippsicher. Schränke im übrigen auch nicht. Kaffee, den man bei McDonalds kauft und aus Bechern trinkt, ist heiß. Wenn man eine Katze in die Mikrowelle steckt und bei 700 Watt Leistung auf Start drückt, stirbt die Katze. Steckt man sie nicht in die Mikrowelle sondern in die Waschmaschine, stirbt sie auch. Wenn ich ohne Helm Fahrrad fahre, besteht die Gefahr, dass ich mich am Kopf verletze. Begebe ich mich auf ein Kreuzfahrtschiff, kann es passieren, dass es stürmt und mir schlecht wird. Schnalle ich mich beim Autofahren nicht an, ist nicht der Autohersteller schuld, wenn ich mit dem Kopf durch die Scheibe fliege. Wenn ich Tiefkühlkost mit dem Messer aufschneiden will, kann es passieren, dass ich mich verletze und dafür kann die Firma, die die Tiefkühlkost hergestellt hat, nichts. Esse ich zu viele Süßigkeiten und werde dick, ist nicht die Werbung schuld, weil sie mich verführt, sondern einzig und allein

ICH

In was für einer absurden Gesellschaft leben wir eigentlich? Wie kann es sein, dass in Amerika allein in den ersten Tagen diesen Jahres 147 Menschen durch den Gebrauch von Schusswaffen ums Leben gekommen sind, man aber 36 Millionen Ikea-Kommoden zurückruft, weil innerhalb von 27! Jahren sechs Kinder unter diesem Möbel zu Tode gekommen sind. Ist Ikea dafür verantwortlich? Nein. Es sind die Leute, die die Anweisungen im Beipackzettel ignorieren. Wenn ich nicht will, dass mein Kind unter einer Kommode begraben wird, dann muss ich diese Kommode an der Wand fixieren. Wenn ich nicht will, dass mir der heiße Kaffee im Auto über die Beine läuft, dann muss ich darauf verzichten, im Auto Kaffee zu trinken. Denn ja: dieses Leben birgt Gefahren. Und nein: man hat nicht alles in der Hand. Manchmal passiert auch etwas Schlimmes. So ist das Leben.

Ich bin es so leid, zuschauen zu müssen, wie die Menschheit mehr und mehr ihre Verantwortung abgibt. Alles soll geregelt sein. Alles soll möglichst sicher sein. Man wählt Politiker und überlässt ihnen das Land. Wieso muss man Schockbilder auf Zigarettenschachteln kleben? Jeder weiß, dass Rauchen tödlich ist. Wieso muss auf Alkohol draufstehen, dass er ungeborenes Leben schädigt? Jeder weiß das. Woher kommt dieser Wahn, jeden und alles zu verklagen, wenn irgendetwas nicht so läuft, wie man es gern hätte? Die Frage nach dem Schuldigen ist zum Massensport geworden. Schade nur, dass wir uns damit zu macht- und hilflosen, kleinen Opfern degradieren. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, war schon immer unlässig. Lange bevor es MALM gab.

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