Samstag, 16. April 2016

Verdammt müde

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich bin verdammt müde. Nicht, weil ich mir die Nächte um die Ohren schlage oder zu viel arbeite. Es ist eine andere Müdigkeit, eine, die mich runterzieht, die mich zweifeln lässt. Eine, die sich so gar nicht gut anfühlt und die man auch nicht wegbekommt, indem man sich nachmittags mal eben kurz in die Sonne setzt und die Seele baumeln lässt.


Zu Beginn meiner journalistischen Berufslaufbahn hatte ich einen Praktikumsplatz bei einem Berliner Radiosender. Ich trat ihn hochmotiviert an und strich nach drei Tagen die Segel. Das war vor 15 Jahren und ich weiß noch ganz genau, aus welchen Gründen ich damals das Handtuch geworfen habe. Es war die Schnelligkeit, mit der die Ereignisse damals schon über den Ticker liefen und ihre erschreckend kurze Halbwertzeit. Gleichzeitig fand ich es fürchterlich, mitzuerleben, wie selbst banalste Meldungen zu maximaler Größe aufgeblasen wurden. Kannst Du Dich noch daran erinnern, dass die Scheidung von Boris und Barbara Becker live im Fernsehen übertragen wurde?

Ich habe mir damals geschworen, als Journalistin niemals im Tagesgeschäft zu arbeiten. Das hat mich mit Sicherheit ein paar Sprossen auf der Karriereleiter gekostet, aber es war der gesündere Weg für mich. Ich konnte mich entziehen, mir meine Arbeit aussuchen, mich einlassen, die Dinge verarbeiten. Jetzt habe ich den Eindruck, dass das nicht mehr möglich ist. Dass sich das ganze Leben plötzlich wie die Arbeit in einer Zeitungs- oder Nachrichtenredaktion anfühlt. Dass sich das Rad immer schneller und noch schneller dreht. Und das Schlimmste - dass alle mitreden, jeder eine Meinung hat, jeder überzeugt davon ist, dass er und zwar nur er weiß, wo der Hase langläuft. Wie schreibt Sascha Lobo heute auf seinem Facebook-Account:

"Niemals differenzieren! Immer dem allerersten Bauchgefühl folgen! Nicht durch nachdenken die Meinung vergiften lassen! Und schon gar nicht durch Fakten! Es gibt nur dafür oder dagegen! Wer nicht der gleichen Meinung ist, ist entweder naiv, dumm, böse - oder versteht die Situation einfach nicht! Denn es gibt nur eine einzige korrekte Meinung! Immer! Ausrufezeichen machen!"

Ich diskutiere gern. Ich bin gern mittendrin. Ich habe auch gern eine Meinung. Aber ich bin müde, weil ich den Eindruck habe, dass es gar nicht mehr darum geht, gemeinsam im Diskurs Lösungen zu finden. Man liest, sieht oder hört nicht mehr um zu verstehen. Man liest, hört oder sieht nur noch, um zu antworten. Die meisten flattern herum wie eine Taube, die einen Schiss absetzt, um gleich darauf zum nächsten Ast zu fliegen, von dem aus es sich auch prima kacken lässt. Statt Nester zu bauen, scheißen wir uns gegenseitig zu. Statt mal der Gelassenheit das Ruder in die Hand zu geben und darauf zu vertrauen, dass sich die Dinge auch ohne unser Zutun regeln, donnern wir mit dem Presslufthammer völlig sinn- und zusammenhanglos ein Loch nach dem nächsten in den Asphalt und wundern uns nicht einmal mehr darüber, wenn es plötzlich holpert, sondern pilgern gleich zur nächsten medialen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, um unseren Senf dazuzugeben. Und immer gibt es einen Schuldigen. Immer einen, den man verurteilen kann. Immer ein Objekt, auf das man all seinen Frust abschieben kann. Heute ist es die Kanzlerin, morgen der Bundestrainer und am Montag wieder die Flüchtlinge.

Kann sich jemand noch daran erinnern, wann Roger Willemsen gestorben ist? War es in diesem Jahr? Im letzten? War das nicht der Sänger mit dem Hut? Und wer von denen, die heftigst diskutieren, hat eigentlich das Gedicht von Böhmermann gelesen? Ich wette, das sind nicht einmal 30 Prozent. Das Schlimme daran ist, dass die Debatten damit ihren Wert verlieren. Oder wie Jan Böhmermann heute selbst schreibt:

"Wenn selbst Beatrix von Storch auf einmal mit erhobenem Mauszeiger auf Seiten der Satire kämpft, über wen soll ich dann noch Witze machen? Nicht auszudenken, wenn sich auch noch Til Schweiger zwischen zwei Flaschen Emma Cuvé aus dem mallorquinischen Frühling melden würde, um mir beizustehen oder Campino und Bob Geldof plötzlich mit einem Charity-Song um die Ecke kämen."

Gleichzeitig ist jede Meinungsäußerung weniger eine Meinung, als viel mehr eine Waffe, um sich selbst zu verteidigen. Oder die eigene geistige Geburt mit gezücktem Schwert zum Dogma für andere zu erheben. Damit müssen politische Entscheidungen zwangsläufig als Affront gegen die eigene Person empfunden werden, denn die gepflegte Debattenkultur hat sich verabschiedet und einer Empfindlichkeits- und Beileidigungskultur Platz gemacht. Wer aus einer Kanzlerin Mutti macht, degradiert sich selbst zum beleidigten Kind. Das ist unlässig. Mehr noch. Das ist anstrengend und das Traurigste daran ist, dass es uns als Menschen keinen Millimeter weiter bringt. Es bringt uns auch nicht zueinander, sondern entfremdet und entfernt uns mehr und mehr. Es führt nicht dazu, dass sich etwas ändert, weil das Pulver im Kleinkrieg auf Facebook oder sonstwo verschossen wird, statt die Kräfte zu bündeln und wirklich mal was zu bewegen.

Zeit die Reißleine zu ziehen, denn sicher bin ich nicht die Einzige, die das verdammt müde macht.

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Kommentare:

Ludi´sART hat gesagt…

Oh, ich denke ich kann die Gefühle, die diesen Text hervorgebracht haben gut verstehen. Ich bin auch des öfteren müde, ohne Vertrauen. Immer dann habe ich mich viel zu viel umgesehen, zum Horizont blicken und erkennen was dazwischen liegt ist gut, aber wenn nur "schlechte" Sicht ist, verdirbt es mich. Ich werde dann ganz klein, manchmal krank. Wenn ich genug geschrumpft bin, vielleicht zu einem kleinen Korn, kann ich wieder wachsen und Hoffnung schöpfen. Es macht mir Angst, wenn solch starke Frauen, wie du, Zweifel hegen, Schwäche zeigen, mutlos wirken. Du hast dich mit diesem Text auf die Suche gemacht, nach Gemeinsamkeit und Gleichgesinntheit. Hier will ich dir eine kleine Flamme bieten, die hoffentlich dazu beiträgt dein Feuer wieder zu entfachen. Deine Texte geben sicherlich nicht nur mir Kraft und Aussicht auf Besserung. Hier ist eine Stimme für Dich !

Jeannette Hagen hat gesagt…

@Ludi'sART Von Herzen Danke!