Dienstag, 19. April 2016

Idomeni - wo Politik versagt

Der Straßenhund hebt den Kopf, dann wedelt er kurz mit dem Schwanz und kommt auf mich zu. Er sagt nicht Hello wie die Kinder von Idomeni. Er zupft nicht an meinem Pulli, greift nicht in meine Taschen oder streckt die Hand für ein Gib check aus. Nein. Er bleibt stehen und schaut mich mit seinen liebevollen, braunen Augen an.


Mir war vorher schon zum Heulen zumute. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Am liebsten würde ich mein Gesicht in seinem Fell vergraben, ihn an mich ziehen und ihm von meinen Kummer erzählen. Aber er stinkt und als er merkt, dass ich außer meiner Traurigkeit nichts zu geben habe, zieht er weiter. Und so stehe ich in Thessaloniki. An einem Sonntagabend. Die Nacht verschluckt die Farben, während die laute Musik, die Stimmen und das Gelächter aus dem Club auf der anderen Straßenseite die Nacht verschlucken. Es fühlt sich an, als rausche das alles an mir vorbei. Ich sehe nicht die Stadt, nicht den griechischen Frohsinn, spüre nicht die laue Frühlingsluft. Stattdessen ätzt der beißende Gestank der Lagerfeuer noch in meiner Nase. Meine Augen brennen, ich höre das Weinen und Lachen der Kinder von Idomeni und merke, wie die Bilder des Tages, alles Erlebte, die Hitze und die Lethargie, die über dem Camp lagen, tonnenschwer auf meine Seele drücken. Als Kind wollte ich die Welt retten, steht auf meiner Homepage. Ein ehrliches und doch zugleich größenwahnsinniges Anliegen, das zwangsläufig scheitern muss. Ich weiß das und doch fühlt es sich heute an, als hätte ich versagt. Schlimmer noch, als in Idomeni zu sein, ist das Wegfahren. Der Blick in den Rückspiegel, das Gefühl, dass man sich davonschleicht, während jene dort in ihrer Not ausharren müssen. Auch ein paar Stunden und zwei Gläser Wein später hält mich diese Empfindung im Würgegriff und bis auf meine Tränen gibt es nichts, was mir helfen könnte, dem zu entkommen.

Eigentlich ist alles schon geschrieben, gesagt und gezeigt worden. Die Zelte, der Dreck, die Kinder, der Müll, die Verzweiflung, die Bisse von Skorpionen, die Schwangeren, die Wut, die Kranken, der Gestank, die Feuer, die Verletzungen, die Not, die Babys, der Mangel, die Schlangen, das Drama. Und doch gibt es jetzt nach über zwei Monaten noch etwas hinzuzufügen. Etwas, das mich bei meinem zweiten Besuch in Idomeni frontal ins Herz getroffen hat. Die Tatsache, dass dieses Camp Alltag geworden ist. Keinen Nachrichtenwert mehr hat. Es gibt keine Übertragungswagen mehr. Keine Menschentraube, die vor dem geschlossenen Grenztor ausharrt. Keine Sitzblockaden auf den Gleisen. Kaum noch Fotografen. Man hat sich eingerichtet. Die Europäische Politik in ihrem Nichtstun, die Menschen hier notgedrungen in ihrem Elend. Dazwischen stecken jene, die helfen und dabei meist weit über ihre eigenen Grenzen gehen. Das ist für mich die eigentliche Katastrophe. Dass nun schon das Helfen Alltag ist. Auch für uns, die wir zu Hause vor unseren Bildschirmen sitzen. Wir sehen die Bilder, klicken sie an, liken sie, spenden, empören uns, zeichnen Petitionen, helfen, wo es geht, vor Ort. Aber es scheint, als ob das nicht reicht. Und darum hier wie dort: Enttäuschung und Schwere.

Bevor ich aufgebrochen bin, hatte ich mich mit Michael Grossenbacher verabredet. Er ist für die Hilfsorganisation schwizerchrüz.ch - unter deren Dach ich auch schon auf Lesbos war, in Idomeni. Wir telefonierten uns zusammen, trafen uns auf den Bahngleisen und gingen gemeinsam rüber zur "Old Train Station", der alten Bahnstation von Idomeni. Hier, ein wenig abseits vom Hauptcamp sind unter dem maroden Glasdach zirka 100 Zelte aufgebaut. Dicht an dicht, ohne jede Privatsphäre, ohne irgendeinen Komfort. Lediglich das Dach schützt vor der prallen Sonne und dem heftigen Regen, der hier ab und an niedergeht. Wir warteten, weil eigentlich noch jemand dazukommen wollte und wir gemeinsam mit zwei frisch eingetroffenen Volontären das Camp besichtigen wollten. Aber dazu kam es nicht, denn plötzlich fuhr ein Bus vor. Junge Leute mit gezückten Handys stiegen aus und wollten Hilfsgüter verteilen. Keiner wusste, wer sie waren und offensichtlich hatten auch sie so gar keine Ahnung davon, was sie hier erwartete. Dass sich in Sekundenschnelle eine riesige, unkontrollierbare Menschentraube bildete. Männer, Frauen, Kinder, die natürlich etwas von dem, was gebracht wurde, haben wollten. Die Stimmung war hitzig, es kam zu ernsthaften Rangeleien und es brauchte mehrere rigerose Helfer, die eingriffen und diese Aktion in geordnete Bahnen lenkten. "Hier kommt man nicht einfach so her und verteilt." Michael war außer sich. Er schimpfte und fluchte über so viel Ignoranz. Und da zeigte er sich, der Alltag. Sie sind ein eingespieltes Team. Da pfuscht keiner dem anderen ins Handwerk.

Ich seilte mich ab und drehte mehrere Runde durchs Camp. Freute mich darüber, dass weniger Müll herumlag. Dass die Griechen einen Reinigungstrupp durchs Camp schickten. Ich spielte mit Kindern, putzte ihnen die Nasen, schimpfte, als sie eine Schildkröte quälten. Ich nahm ein 11 Tage altes Baby auf den Arm, kaufte ein paar Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt für die Familie ein, hörte mir Geschichten an, versicherte denen, die es verstanden, dass man sie nicht vergessen würde. Und jedes Mal, wenn ich das sagte, gab es einen kleinen Stich in meinem Herz. Kann man Hoffnung geben, wenn man selbst kaum noch welche hat? Es war schwer auszuhalten, in die Augen der Menschen zu blicken. Ihre Verzweiflung zu sehen und ihre Traurigkeit. Mehr als einmal stand ich ganz schnell auf und verabschiedete mich, weil es mir so die Kehle zuschnürte. Und das, wo ich doch eigentlich helfen und Trost spenden wollte. Zwischendurch musste ich immer wieder an die Ärzte denken, die hier seit Wochen oder Monaten arbeiteten. Die nicht weniger verzweifelt sind, als die Flüchtlinge, weil sie immer nur notdürftig verarzten können, kaum nachkommen, chronisch kranke Patienten fast gar nicht versorgen können, weil dafür die notwendigen Medikamente fehlen.

Und dann gibt es Sternenmomente wie diesen. Als ich durch das kleine Dorf Idomeni ging, sah ich im Vorgarten eine Wäscheleine. Blitzsauber hingen Dutzende Plüschtiere und Puppen in einer Reihe. Die alte Frau, die im Garten arbeite, sah mich an, blickte zu der Leine, wieder zurück zu mir und dann nickten wir uns zu und lächelten beide.

"Wie gut, dass es das Meer gibt, auf das man starren kann, wenn die Welt ringsherum aus den Fugen gerät." schreibe ich am nächsten Morgen in meinem Facebook-Account, während ich an der Kaimauer in Thessaloniki sitze und auf das spiegelglatte Wasser schaue. Die Schwere ist noch nicht verflogen, die Bilder nicht vergessen. Ich sitze da und hoffe, dass später in den Geschichtsbüchern mal etwas über Idomeni steht. Dass meine Enkel erfahren, wie die Politik Europas hier versagt hat. Ich hoffe, dass jene, die das zu verantworten haben, irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn schon nicht vor einem Gericht, dann doch wenigstens in dem Moment, da sie das Resümee ihres Lebens ziehen und feststellen müssen, dass Humanismus der Schlüssel für ein sinnvolles Leben gewesen wäre.










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