Donnerstag, 7. April 2016

Ein offener Brief

Sehr geehrte Frau Merkel,
der letzte Brief, den ich einem Politiker geschrieben habe, war an Erich Honecker adressiert. Es war ein wütender Brief, weil ich mich eingesperrt und ungerecht behandelt fühlte. Ich wollte ausreisen, zu meiner Mutter nach Westberlin übersiedeln, aber das Ministerium des Inneren verweigerte mir über zweieinhalb Jahre diesen Wunsch.

Wenn ich Ihnen heute schreibe, dann geht es nicht um mich. Ich habe alle Freiheiten dieser Welt. Kann reisen, frei wählen, wo und wie ich wohnen oder leben möchte. Ich kann vor einem Regal stehen und mir drei Stunden lang überlegen, welche Sorte Käse von den angebotenen 120 ich nehme und ich muss keine Angst haben, dass ich von irgendjemandem auf der Straße erschossen werde, bloß weil ich nicht an einen Gott glaube. Ich kann zum Arzt gehen, wenn ich krank bin und falls mir alle Aufträge wegbrechen, ist es mir möglich, mich vom Staat finanziell unterstützen zu lassen.

Und obwohl ich das alles habe, bin ich heute nicht weniger wütend als damals. Eigentlich bin ich es sogar noch viel mehr, denn ich muss zusehen, wie Sie und mit Ihnen viele Politiker der EU anderen Menschen all diese Rechte, die für uns selbstverständlich sind, verweigern. Es fühlt sich an wie ein verdrehtes Déjà-vu, schlimmer noch, denn die Zustände, in denen die Flüchtlinge momentan in Idomeni und in anderen Lagern, wie in Moria auf Lesbos leben, sind nicht einmal mehr als katastrophal zu beschreiben. Sie sind die Hölle auf Erden.

Sehr geehrte Frau Merkel, ich bitte Sie als Mensch: Lassen Sie das keinen Tag länger zu! Ich war selbst vor Ort, ich lese täglich die Berichte von freiwilligen Helfern, ich sehe stündlich die Bilder. Es ist unerträglich. Es rüttelt an meinen Grundfesten, an allem, woran ich im Leben geglaubt habe. Am Wochenende hat sich ein junger Mann aus Pakistan das Leben genommen. Er hat sich aus Verzweiflung darüber, dass er wieder zurück in die Türkei geschickt werden sollte, die Pulsadern aufgeschnitten und konnte nicht mehr gerettet werden. Er war 20 Jahre alt, jünger als mein Sohn, hatte sein Leben noch vor sich. Er wird nicht der letzte bleiben, denn die Menschen sind verzweifelt. Sie haben einen barbarischen Krieg und Flucht hinter sich und nun harren sie seit Monaten im Dreck aus. Die Kinder von Idomeni sind überwiegend krank. Die Babys bekommen nicht genug Nahrung, weil die Mütter sie nicht mehr stillen können. Chronisch kranke Menschen erhalten keine Medikamente.

Während hier in Deutschland die Notunterkünfte leer bleiben, weil keine Flüchtlinge mehr nachkommen, werden die Menschen in Griechenland zusammengepfercht. Sie bekommen zu wenig Essen, sie schlafen teilweise im Freien oder in unwürdigen Behausungen. Das dürfen wir nicht länger zulassen.
Mich macht das so fassungslos, dass mir langsam die Worte fehlen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es in einer fortschrittlichen Gesellschaft möglich ist, dass so etwas passiert. Dass man stillschweigt und die Hände in den Schoß legt, während andere leiden und hier in Europa, inmitten von Reichtum und Fülle, um ihr Überleben kämpfen müssen. Und das, trotzdem sie schon so viele Dramen hinter sich haben.

Sehr geehrte Frau Merkel, mit dem Türkei-Deal hat Europa seine moralische Integrität verraten. Wir haben unsere Werte, alles, wofür wir stehen - Nächstenliebe, Christlichkeit, Demut, Ehrlichkeit, Mitgefühl - an den Nagel gehängt. Wer so etwas wie Idomeni oder Moria zulässt, wer erlaubt, dass Menschen unter solchen Bedingungen leben müssen, der hat nicht nur sein Herz vermauert, sondern er macht sich in meinen Augen strafbar vor dem Gericht der Menschlichkeit.

Als Bürgerin Deutschlands, als Wählerin, als Steuerzahlerin, aber vor allem aber als Mensch fordere ich Sie auf, endlich zu handeln. Schicken Sie Ärzte, schicken Sie die Armee, schicken Sie Helfer. Oder holen Sie die Menschen aus diesen Lagern nach Deutschland. Wir schaffen das. Wir sind ein großes, reiches Land. Wir sind kraftvoll und solidarisch. Das haben wir schon oft bewiesen. Setzen Sie endlich ein Zeichen und lassen Sie nicht zu, dass noch mehr Menschen einen völlig sinnlosen Tod sterben oder noch mehr traumatisiert werden, weil Europa ihnen die notwendige Hilfe und den Schutz verweigert. Ich kann meinen Kindern nicht in die Augen schauen und sagen: “Es ist mir egal, was da passiert.” Ich würde mich abgrundtief schämen.

Stehen Sie endlich auf und zeigen Sie Gesicht! Sie haben die breite Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Wir werden nicht aufhören, für das einzustehen, was unser Herz sagt.

Hochachtungsvoll,
Jeannette Hagen

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Hier geht es zur Petition: https://www.change.org/p/bundeskanz…

1 Kommentar:

Über den Kastanien hat gesagt…

Danke für diesen Text, der sehr genau wiedergibt, was mich auch seit vielen Wochen bewegt.