Mittwoch, 23. März 2016

Wieder auf Lesbos

Seit gestern Mittag bin ich wieder auf Lesbos. Zwischen meinem letzten und dem jetzigen Aufenthalt liegt nicht viel Zeit. Und doch liegen Welten dazwischen. Plötzlich wärmt die Frühlingssonne, die Balkanroute ist geschlossen, die Glyzinen und andere Blumen blühen, Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Gewalt fliehen, werden wieder in die Türkei oder mit ungewisser Zukunft auf das Festland geschickt, die Insel zeigt sich von ihrer wahrscheinlich schönsten Seite und die Bewohner von Lesbos wissen jetzt schon, dass die Touristen, die sonst im Frühling, Sommer und im Herbst die Insel bevölkern, fernbleiben werden.

Ich glaube ja nicht an Zufälle. Irgendwann vor vielen Jahren habe ich ein Bild gemalt. Es zeigt einen alten Mann, der auf einem Esel reitet. Um ihn herum Olivenbäume und im Hintergrund eine Burg. Ich wusste damals nicht, warum ich dieses Motiv gewählt hatte. Ich war ja nie in Griechenland, wollte eigentlich auch gar nicht hin. Als ich heute ein bisschen außerhalb von Molyvos, einem Ort im Norden der Insel stand, fiel mir dieses Bild wieder ein. Olivenhaine und im Hintergrund eine Burg. Man ist nie zufällig irgendwo, das war mein erster Gedanke.


Schön ist es hier. Traumhaft schön. Eine Insel zum Verlieben. Molyvos - ein Ort zum Verweilen. Ich treffe mich mit Daniel, einem jungen Mann, der in Deutschland geboren ist, aber seit vielen Jahren in Molyvos lebt. Wir schlendern durch den Ort, gehen hoch zur Burg, runter zum Hafen. Daniel hat viel zu erzählen. Er ist ein wacher Geist, aufmerksam, mitfühlend. Berichtet mir von den ersten Booten, die ankamen, von Piraten, die die Flüchtenden auf dem Wasser überfallen haben, von dem ein oder anderen Zwist der Bewohner, von Griechen, die selbstlos halfen und helfen und von jenen, die Kapital aus der Situation schlagen. Er zeigt mir versteckte Plätze und wenn ich zwischendurch den Blick hebe und aufs Meer schaue, dann denke ich: wie gut, dass die Flüchtlinge hier gelandet sind. Auf Lesbos - einer Insel, die Menschlichkeit lebt, nicht predigt,


Kurzzeitig komme ich mir vor, wie im Urlaub. Die Sonne scheint, das Meer glitzert, die Restaurants im Hafen vom Molyvos haben geöffnet. Aber es sitzen keine Touristen auf den Stühlen, sondern Volonteers aus aller Welt. Helfer, die seit Wochen oder Monaten auf der Insel sind. Die sich teilweise bis zur absoluten Erschöpfung dafür eingesetzt haben, den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Ankommen oder ein kurzzeitiges Bleiben zu ermöglichen. Jetzt, seit der EU-Deal in Kraft ist, kommen keine Boote mehr. Man sieht auch keine Flüchtlinge mehr. Sie sind wie unsichtbar. Und doch sind sie da. Sie werden aufgegriffen, interniert, wie Vieh behandelt, verschoben, weggesperrt. Es ist ein seltsamer Zustand. Eine Art Vakuum für alle, die ihnen anders begegnen wollen. Keiner weiß so richtig, ob das je wieder möglich ist. Die Informationen überschlagen sich und vor allem laufen sie nicht alle in eine Richtung. Und mittendrin Brüssel. Und Idomeni. Sollte man jetzt dort sein? Da helfen?


Ich hatte auch überlegt, kurzfristig nach Idomeni zu fliegen. Aber ich bleibe hier auf Lesbos. Hier bin ich richtig, denn es gibt so viel zu erzählen. Von einer Insel, die unsere Unterstützung braucht. Von einer Insel, die Unglaubliches geleistet hat. Von einer Insel, die es Wert ist, erwähnt zu werden. Nicht als "Schande Europas", nicht als "Insel der Tragödie", sondern als Lesbos - Insel der Musik, der Oliven, der Kräuter und vor allem als Insel der guten Seelen.






++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Als freie Autorin finanziere ich meine Arbeit überwiegend selbst. Wenn Du meine Texte gern liest und mich unterstützen möchtest, kannst Du das via PayPal tun. Den Button findest Du rechts neben diesem Eintrag. Herzlichen Dank!

Möchtest Du an eine Organisation spenden? Dann bitte hier entlang: Schwizerchrüz Michael Räber.

Keine Kommentare: