Freitag, 11. März 2016

Von Mensch zu Mensch

Seit ich aus Idomeni zurück bin, frage ich mich, wie es sein kann, dass viele von uns für die Toten von Charlie Hebdo auf die Straße gegangen sind, dass wir nach den Attentaten von Paris aus Solidarität unsere Profilbilder mit der Trikolore geschmückt haben, alle Charlie oder Paris waren, wir uns aber jetzt so schwer damit tun, für die Menschen, die in Idomeni festsitzen, aufzustehen und auf die Straße zu gehen. 
 
“Die sind ja nicht tot.” sagst oder denkst Du vielleicht. Die leben ja noch. Können sich selbst kümmern. Vielleicht meinst Du auch, dass schon irgendwer eine Lösung finden wird und dass es Dich ja auch eigentlich nichts angeht. Ich sage Dir, damit liegst Du gründlich falsch. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, dass wir unser Süppchen weiterhin allein kochen können und dass uns das Schicksal der anderen am Allerwertesten vorbeigehen kann.
 
 
Wir leben in einer globalen Welt. Alles ist miteinander verbunden. Wenn Du meinst, dass die Flüchtenden Dich nichts angehen, dann glaubst Du vielleicht auch, dass der Reaktorunfall von Fukushima vor fünf Jahren nichts mit Deinem Leben zu tun hat. Auch hier irrst Du, denn nur weil man Radioaktivität nicht sehen kann, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht längst auch bei uns ist. Zum Beispiel in Nahrungsmitteln, die wir aus Japan importieren. Die Menschheit wird nicht überleben, wenn wir nicht endlich zusammenrücken. Kräfte bündeln. Höher, schneller, weiter und Konkurrenzdenken haben uns an den Rand des Abgrundes gebracht. Was es jetzt braucht, um uns wirklich zu entwickeln, ist Co-Kreativität. Gemeinsames Denken, gemeinsames Finden von Lösungen, gemeinsames Handeln.
 
 
Aktuell sind wir alle Meister im Verdrängen. Meine Theorie dazu ist die, dass es momentan auch einfach zu viel ist, was auf uns einwirkt. Dass unsere Abkehr eher ein Schutz ist, um nicht überflutet zu werden. Darum fällt es uns leichter um 130 Tote zu trauern, als Empathie und Mitgefühl für 14.000 gestrandete Flüchtlinge zu empfinden, die gerade jetzt, auch in diesem Moment, unter erbärmlichsten Bedingungen leben müssen. Verdrängung hat viele Vorteile, sie hat aber einen ganz entscheidenden Nachteil. Wer verdrängt, büßt seine Lebendigkeit ein. Und wer das, was er verdrängt, nämlich seine Gefühle, schützen muss, der baut ein Bollwerk auf, was noch weniger Lebendigkeit und schon gar keinen Austausch mehr zulässt. Und schon sitzen wir in der Falle.
 
 
Wenn ich mich umschaue, dann begegnet mir genau das. Menschen, die ihre Lebendigkeit verloren haben. Die wie Kampffische um sich beißen, wenn es darum geht, ihr Heim, ihr Wesen, ihre Gefühle zu verteidigen. Wohin uns das bringen wird? In eine Sackgasse. Wir sind isolierte Individuen. Nein halt, wir sind unglückliche, isolierte Individuen. Das trifft es besser. Träge bewegen wir uns in Komfortzonen, die immer enger werden. Vielleicht sind sie schick ausgestattet, bieten Luxus, machen uns satt. Aber sie nähren unsere Seelen nicht. Wie denn auch, wenn keine Interaktion mehr stattfinden kann. Das, was uns am glücklichsten, damit auch am lebendigsten und im Übrigen auch am gesündesten macht, ist Gemeinschaft. Der Austausch mit anderen. Die Hand, die uns jemand reicht oder das großartige Gefühl, das uns durchflutet, wenn wir einem anderen die Hand reichen können.
 
 
Ich bin ein Freund von ganzheitlichem Denken, das heißt, ich versuche immer zu ergründen, was eine Situation auf der nächst höheren Ebene zu bedeuten hat. Könnte es sein, dass die gegenwärtigen Zustände uns die Chance bieten, unsere Mauern einzureißen, statt neue aufzubauen? Diese Welt wird weiter zusammenwachsen. Wenn wir uns dagegenstemmen, wird es ein schmerzhafter Prozess werden. Vielleicht sogar ein gewaltsamer. Also warum nicht lieber jetzt die Gelegenheit beim Schopfe packen und diese Entwicklung freudig begrüßen? Du fragst, wie das gehen soll? Ganz einfach. Sorge mit dafür, dass denen, die unsere Hilfe jetzt brauchen, geholfen wird. Zeige Dich solidarisch. Wenn Du nichts willst, dass andere Länder Mauern aufbauen, dann reiße zuerst die ein, die Du selbst um Dein Herz errichtet hast.
 
 
Die Menschen in Idomeni sind lebendig. Es sind keine Toten, die wir betrauern müssen. Noch nicht. Sie haben es über das Meer geschafft, aber wenn wir nicht bald handeln, dann wird es Tote geben. Menschen, die vor unseren Türen sterben, weil wir ihnen nicht öffnen. Kinder, die krank werden, weil wir ihnen keine Wärme und keinen Schutz geben. Kannst Du das verantworten? Ich will hier nicht auf die Tränendrüse drücken. Ich will auch nicht zum x-ten Mal erzählen, wie schrecklich es in Idomeni ist. Das weißt Du selbst. Jetzt ist die Zeit des Handelns gekommen und ich will Dich dazu einladen.
 
 
Jeder einzelne, der zu uns kommt, ist ein Geschenk. Ein Mensch, von dem wir etwas lernen können. Ein Mensch, der Erfahrungen hinter sich hat, die wir Gott sei Dank nicht machen mussten und hoffentlich auch nie machen müssen. Ich weiß nicht, wie Dein Weg aussehen kann, etwas beizusteuern, Dein Herz zu öffnen. Vielleicht willst Du spenden, eine Organisation unterstützen, oder direkt anpacken. Wie auch immer, es ist Zeit zu handeln. Sei Du es, der diese Welt zu einem besseren Ort macht und zwar mit Deinem Beitrag. Die Toten von Paris werden nicht mehr auferstehen. Ihrer können wir nur gedenken. Die Menschen von Idomeni jedoch können wir retten. Wie? In dem wir so sind, wie wir auf die Welt gekommen sind: menschlich. 
 
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