Sonntag, 27. März 2016

The failed state - Idomeni

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Ich sitze im Terminal B des Internationalen Flughafens von Athen. In meiner Tasche habe ich einen Ausweis, ein iPad, ein Handy und eine Kreditkarte - eine Ausstattung, die es mir ermöglichen würde, von hier aus zwar nicht um die ganze Welt, aber immerhin problemlos nach Grönland, Tunesien, ins Kosovo und in alle europäischen Länder zu reisen, um notfalls von dort aus auch arbeiten zu können. Ein paar Hundert Kilometer von mir entfernt, in Idomeni, auf Lesbos oder Chios sitzen Menschen fest, denen all das nicht gestattet ist.

Denen seit dem Deal mit der Türkei nicht einmal mehr gestattet wird, die geschlossenen Lager zu verlassen. Die zusammengepfercht wie Vieh hinter Stacheldrahtzaun hocken, weder arbeiten können, noch das genießen dürfen, was uns erst zu glücklichen Menschen macht: die Freiheit, über unser Leben entscheiden zu können. Eine kleine Ausnahme in der Reihe der Lager bildet dabei das Camp von Idomeni, weil es nicht von Stacheldraht umzäunt ist. Trotzdem ist es nur scheinbar eine Ausnahme, denn wirklich frei sind die Menschen dort ebenso wenig, wie jene, die ihre Tage in den gesicherten Hochsicherheitstrakten auf den Inseln verbringen.

Ist uns eigentlich bewusst, was in Griechenland - also in Europa - gerade passiert? Ist uns bewusst, was man mit diesen Menschen macht? Vor ein paar Stunden saß ich mit einigen Helfern von Team Schwizerchrüz hier am Flughafen in einem Café. Einer von ihnen kam gerade von der Griechisch-Mazedonischen Grenze zurück und was er erzählt hat, hat mich nicht nur aufgerüttelt, sondern buchstäblich erschüttert. Dass die humanitäre Lage in Idomeni katastrophal ist, ist mittlerweile kaum mehr als eine Floskel. Dass die Menschen nach wie vor im Dreck und im Schlamm leben, scheint nach mehr als einem Monat niemanden  mehr wirklich zu interessieren. Im restlichen Europa hat man sich mit dem Status offensichtlich abgefunden. Es kommt mir vor wie ein Mikado-Spiel. Keiner will etwas bewegen. Es sind die vielen Hilfsorganisationen und freiwilligen Helfer, denen es zu verdanken ist, dass noch niemand erfroren oder verhungert oder an einer Epidemie zu Grunde gegangen ist.

Viel war in diesem Zusammenhang vom Versagen Europas die Rede, aber - unser kleines Grüppchen hier auf dem Athener Flughafen, ist noch zu einem anderen Schluss gekommen und der ist wirklich nicht nur beängstigend, sondern der zeigt, auf welche epochale Art und Weise Europa momentan alles, was es sich auf die Fahne geschrieben hat, verrät.

Dazu eine Geschichte aus dem Camp von Idomeni, die es nur als Randnotiz in die deutschen Medien geschafft hat. Es gab eine versuchte Vergewaltigung im Camp. Ein Mann aus Afghanistan wollte sich an einem 7-Jährigen Mädchen vergehen. Offensichtlich schrie das Kind, sodass andere darauf aufmerksam wurden, den Mann festhielten und der Polizei übergaben. Schnell machte der Vorfall die Runde und es bildete sich ein wütender Mob. Und nun machen wir einen Schwenk in jedes Europäische Land. Was würde mit diesem Mann passieren? Er würde einem Haftrichter vorgeführt, würde ein Verfahren bekommen und höchstwahrscheinlich eine Strafe absitzen. Das ist Teil unseres Europäischen Rechtssystems. Dafür haben Menschen gekämpft. Sich eingesetzt. Das entspricht unseren Werten.

In Idomeni scheinen diese Werte und auch das Rechtssystem nicht mehr zu gelten. Idomeni ist wie ein eigener Staat geworden und zwar mit ganz eigenen Regel. Dort passiert genau das, was überall passiert, wo die Staatsmacht versagt und das ist die wahre Kapitulation Europas, denn der Mann wurde nach 15 Minuten Polizeigewahrsam ins Camp zurückgeschickt und dort von einem wütenden Mob ermordet. Lassen wir die Moral mal beiseite und an dieser Stelle gleich auch alle Aufschreie, die da lauten, "dass so ein Schwein nichts anderes verdient hätte". Wir sollten achtsam sein, mit dem, was wir von uns geben. Und gleich noch etwas in die Richtung all jener, die jetzt meinen, im brutalen Mob oder in einem Pädophilen den Feind, den Terror oder den muslimischen Barbaren erkannt zu haben. Auch hier Vorsicht, denn man setze 13.000 Deutsche an irgendeiner Grenze unter diesen Bedingungen aus. Hinter sich einen Krieg, eine Flucht, vor sich einen Stacheldrahtzaun. Abgesehen davon, dass sich unter 13.000 Menschen mit Sicherheit einer oder eine mit pädophilen Neigungen finden lässt, bin ich sicher, dass die Situation nicht anders ausgegangen wäre als jetzt in Idomeni - man erinnere sich nur an Clausnitz.

Angst essen Seele auf. Was aber noch schlimmer ist - Idomeni ist eine Art "failed state", ein rechtsfreier Raum mitten in Europa. Ein Ort, wo all das, wofür Europa sich einmal stark gemacht hat, nicht mehr gilt. Nicht viel besser ist es in den geschlossenen Camps, die nun überall in Griechenland stehen. Die Festungen vor der Festung. Sie werden zur Brutstätte von Brutalität und die Menschen dort werden zu einem gefundenen Fressen für Rattenfänger jeglicher Coleur. Damit sorgt die Politik Europas sehenden Auges für das, was ihre Grenzzäune eigentlich verhindern sollen. Fehlt die Menschlichkeit, wird Angst zu Wut. Wut wird zu Hass. Und Hass führt zu Leid. Ein Teufelskreis. Damit vergeht sich Europa sehenden Auges am Menschenrecht und wird selbst zum Verbrecher.

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