Samstag, 26. März 2016

Take care, Volonteers!

Ostern auf Lesbos. Die Tage sind wie im Flug vergangen und während in Deutschland die Osterfeuer brennen, versuche ich, meine Gedanken zu sammeln. All das, was mir in den letzten Tagen begegnet ist, was ich gehört, gesehen und gelesen habe. Es fühlt sich an, wie ein gigantisch großer Stapel Material. Bunt gemischte Eindrücke, Widersprüchliches, Paradoxes, Schönes, Trauriges.

Wie sagte mein Freund Thom Held gestern? Er sei kaum noch aufnahmefähig für Neues. Ja, ich weiß gut, was er meint. Irgendwann sind die Speicher voll, die Kapazitäten aufgebraucht. Wie es wohl denen ergeht, die seit Wochen oder Monaten hier sind und helfen? Gerade jetzt in dieser seltsamen Situation, in der keiner so richtig weiß, wie es weitergeht. Der Berliner Fotograf Dominik Butzmann, der vor ein paar Tagen mit Sea-Watch auf dem Wasser unterwegs war, meinte, ihm kommt es vor, als hätten viele Helfer einen imaginären Schleier vor dem Gesicht. Ich würde es mal anders formulieren: Ich denke, viele von ihnen sind nicht weniger traumatisiert durch das, was sie gesehen und erlebt haben, als die Ankommenden.

Das bringt mich zu einem Aspekt, der mich auch schon im Februar, als ich hier war und im März in Idomeni beschäftigt hat. Wer kümmert sich eigentlich um jene, die helfen? Wer hilft denen? Und was ist es überhaupt für ein perfides System, dass sich Europa über Monate auf die Arbeit von Freiwilligen verlässt, um sie dann von heute auf morgen vor die Tür zu setzen und auszusperren? Unvorstellbar, was gewesen wäre, hätte es diese Menschen nicht gegeben, die von überall aus der Welt gekommen sind, um ihre Freizeit, ihr Geld, ihre Liebe zu investieren, um den Ankommenden wenigsten ein halbwegs erträgliches Sein zu ermöglichen.

Hier auf Lesbos hat man sie jetzt buchstäblich entsorgt. Das macht viele nicht nur wütend, sondern das stellt gerade jene, die bisher Großes geleistet haben, jene, die Boot für Boot die Kinder, Frauen und Männer empfangen haben, jene, die Tote bergen mussten, die all das Elend im Minutentakt ertragen mussten, vor eine Herausforderung, die sich schwer fassen lässt. Wenn man hier ist und anpacken kann, ist es kein Problem. Man macht einfach, man funktioniert. Aber jetzt, da keine Boote mehr zu den Stränden durchkommen, die Flüchtlinge abgefangen und in Polizeibussen zum Registrierungshotspot nach Moria gebracht werden, abgeschirmt von allem - wie geht es den Helfern jetzt?

Viele von ihnen sind fassungslos. Fühlen sich ausgenutzt, missbraucht. Was aber viel schlimmer ist - viele realisieren jetzt erst das, was sie gesehen und erlebt haben. Das sind einfach Bilder, die man nicht vergisst. Man kann es lokonisch als Baby-Tetris bezeichnen, wenn so viele Boote ankommen, dass man die Babys erst einmal nur ablegen kann, das Chaos ringsherum bewältigt und sich dann um jedes einzelne kümmert. Man kann sich auch am Lagerfeuer am Strand sitzend, die Geschichten erzählen, von der Frau, die ihr Baby auf der Überfahrt so fest an sich gedrückt hat, dass es verstorben ist. Von der Frau, die auf der Überfahrt ihr Kind verloren hat, weil das Boot überfüllt war. Von der Mutter mit den vier Kindern, deren Mann auf der Überfahrt einen Herzinfarkt erlitten hat und nicht reanimiert werden konnte. Man erzählt sich das und vielleicht ist das schon ein Ventil. Aber es sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Erlebte in das Gedächtnis eingefressen hat und dort festsitzt.

Ich kann es nur immer wieder betonen. Ich verneige mich tief vor der Arbeit, die überall auf der Welt von freiwilligen Helfern geleistet wird und besonders hier auf Lesbos geleistet wurde. Ohne Euch Helfer würde diese Welt kollabieren. Trotzdem wünsche ich mir, dass Ihr auch gut für Euch sorgt. Ernst nehmt, was Ihr erlebt und geleistet habt. Euch darum kümmert. Es ist ein bisschen so wie die Ansage im Flugzeug: Erst sollte man sich selbst die Sauerstoffmaske überstreifen, denn erst dann kann man den anderen helfen. Take care, Volonteers! Und DANKE für Euch und Eure Arbeit.

Helfer von Swisscross beim Beach-Cleaning

Volonteers am Stran von Lesbos

Einfach helfen

Volonteers in Idomeni
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