Dienstag, 8. März 2016

Idomeni - einmal Hölle und zurück

Gerade bin ich aus Idomeni zurück. Was mir in den 8 Stunden, die ich dort war, begegnet ist und was ich erlebt habe, wird mich für den Rest meines Lebens begleiten. Bilder im Fernsehen oder auf dem Bildschirm zu sehen, ist eine Sache. Vor Ort zu stehen, den Menschen in die Augen zu schauen, die Atmosphäre wahrzunehmen, den Gestank in der Nase zu haben, über Müll, durch Matsch und Dreck zu steigen, die Kinder lachen und weinen zu sehen, die Verzweiflung und die Hoffnung zu spüren, ist eine ganz andere.

Als ich in Idomeni ankam, fegte ein kräftiger Wind über das Feld. Er wehte Staub umher, wirbelte die Asche der verglimmten Lagerfeuer auf und ließ die Funken derer, die noch brannten, umherfliegen. Es brauchte keine fünf Minuten, bis ich das Gefühl hatte, dreckig zu sein. Wie es wohl denen damit geht, die hier schon seit Wochen ausharren, war einer meiner ersten Gedanken. Ich schaute in den Himmel, sah die Wolkenfront, blickte mich um und wusste, dass - wenn der Regen einsetzt, sich alles in eine einzige Schlammlandschaft verwandeln würde.

Schon viele Kilometer bevor das riesige Zeltlager überhaupt sichtbar war, hatte ich sie bereits überholt - Schutzsuchende auf dem Weg zur griechisch-mazedonischen Grenze. Männer und Frauen, die Babys oder Kleinkinder auf ihren Armen trugen, die ihre Habseligkeiten geschultert hatten und so über Landstraßen und Felder bis zum Lager gingen. Kinder, die sich müde mitschleifen ließen, die mir zuwinkten oder einfach vor sich hin trabten. Wie viele Kilometer, sie schon hinter sich hatten? Wie viele Tage, Wochen, Monate sie schon unterwegs waren? Ich dachte an mein geordetes Leben und das war der erste Moment, in dem mir die Tränen kamen. Es sollte an diesem Tag nicht das letzte Mal sein.

Idomeni ist die Hölle. Eine Hölle, in der sich Menschen irgendwie eingerichtet haben. Sie hausen in kleinen Igluzelten, zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft. Junge, Alte zusammen. Sie gehen umher, stehen in Schlangen nach labbrigen Broten an, nach Tee, den die Dresdner Hilfsorganisation Dresden-Balkan-Konvoi kocht. Kommt ein Auto mit Hilfsgütern an, dann stellen sie sich brav in einer Reihe an und warten geduldig. So wie sie schon seit Tagen oder Wochen warten. Darauf, dass sich das Tor öffnet. Darauf, dass sie weiterziehen können. Darauf, dass sie irgendwo wieder so etwas wie Heimat finden.

Ich parke mein Auto etwas abseits vom Camp und gehe zu Fuß. Mir ist mulmig, ich habe ein bisschen Angst. Soll ich meinen Rucksack lieber nach vorn nehmen? War es schlau, Lippenstift aufzutragen? Eine enge Jeans anzuziehen? Die blonden Haare offen zu lassen? Wie wird man mir begegnen? Am Ende des Tages werde ich über all diese Fragen lachen. Werde mich an junge und alte Männer erinnern, die mich freundlich begrüßt haben. Die mir von ihrer Flucht erzählt haben, mir Bilder von ihren Verwandten gezeigt haben, die mir Wasser angeboten haben und einen Platz am Lagerfeuer. Später werde ich mich an Kinder erinnern, die sich gefreut haben, dass meine Jeans auch so zerissen aussah, wie ihre. Die sich von mir fotografieren ließen, kicherten, wenn sie die Bilder anschauten. Es gab nicht einen einzigen Moment der Angst. Nicht eine Situation der Bedrängung. 


Und doch ist Idomeni die Hölle. Rund 13.000 Menschen, die im Dreck leben. Die sich mit Schmutzwasser aus einem Tümpel die Haare waschen. Die ihre Klamotten an einem Stacheldrahtzaum trocknen, die nicht satt werden, die nachts frieren, die gnadenlos der Witterung ausgesetzt sind, die keinen Alltag mehr kennen, keine Rückzugsräume haben, die krank sind, erschöpft, ausgelaugt, verzweifelt und die doch noch so menschlich sind, mich zu umarmen, weil mir angesichts dieser Katastrophe die Tränen über die Wangen laufen. 


Viel habe ich erlebt an diesem Tag, viel gesehen. Es wird ein bisschen dauern, bis ich alles sortiert habe. Bis ich die schönen, die berührenden, die bewegenden Bilder und Begegnungen, aber auch das Verstörende weitergeben kann. Für heute nur noch das: Ich bin so froh, dass ich schreiben kann, weil sonst würden mir die Worte fehlen. Idomeni ist die Hölle. Mitten in Europa. Mitten im 21. Jahrhundert. Mitten in unserer Gesellschaft. Mitten unter uns.















 
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