Mittwoch, 9. März 2016

Europas Versagen

Nirgendwo auf der Welt zeigt sich Europas Versagen so deutlich wie in Idomeni. Gerade lese ich, dass das Camp schnellstmöglichst geräumt werden soll, weil die rechtsradikale griechische Partei “Goldene Morgenröte” einen Marsch nach Idomeni plant. Gleichzeitig haben heute Serbien, Slowenien, Kroatien und nun auch Mazedonien die Grenzen endgültig geschlossen. Mich erschüttert das noch mehr als die Bilder, die ich von Idomeni mit nach Hause genommen habe. Was um alles in der Welt müssen diese Menschen noch ertragen? Was haben sie denn verbrochen, dass Europa über sie richtet?


Als ich am letzten Wochenende auf einer Tagung war, sagte der anwesende Prof. Gerald Hüther: “Eine Gesellschaft, die Vielfalt nicht zulässt, verrennt sich. Immer!” Was im Sinne der Mann/Frau Beziehung gemeint war, lässt sich eins zu eins auf Europa übertragen. Wer Grenzen schließt und in nationalistischen Kategorien denkt, verrennt sich. Immer. Was hier passiert, ist eine Katastrophe, deren Ausmaß wir kaum erahnen können. Nicht mehr nur die Katastrophe auf der humanitären Ebene, sondern auch auf der politischen. Europa zerfällt. Der Staatenbund ist nichts mehr als ein zerfleddertes, unmenschlich handelndes Monster, das sich an der eigenen Unfähigkeit verschluckt.

Was mir nicht in den Kopf geht, ist, wie Politiker, die doch auch Menschen sind, die Kinder oder Enkel haben, sehenden Auges so etwas wie Idomeni zulassen. Aber die Frage hat man sich bei den Nazis auch gestellt. Wie sehr muss man von seinen Gefühlen abgeschnitten sein, um solche Bilder hinzunehmen? Um das Leid Tausender einfach zur Seite schieben zu können und wieder zur Tagesordnung überzugehen? Mich macht das fassungslos und zornig. Denn die Fluchtursachen sind nicht bekämpft, die Schutzsuchenden kommen weiterhin auf Lesbos an. Erst gestern waren es wieder mehrere Boote, vollbesetzt mit Kindern, Frauen und Männern. Griechenland wird zu einem Auffangbecken und dass, obwohl dieses Land selbst am Abgrund steht und kaum noch in der Lage ist, das alles zu meistern. Eine Räumung des Camps ist notwendig, das steht außer Frage. Die Zustände dort sind mit dem Wort “elendig” nicht mal annähernd beschrieben. Aber was dann?


Ich hatte in Idomeni sehr herzliche und berührende Begegnungen. Die täuschen aber nicht über die Tatsache hinweg, dass wir auf einem Pulverfass sitzen, wie der Autor und Fotograf Thom Held schreibt, den ich in Idomeni getroffen habe. Alle, die jetzt jubeln und klatschen und sich nach der Schließung der Balkanroute über die “schallende Ohrfeige” für Frau Merkel freuen, denen sei gesagt, dass sich jetzt gerade in diesem Moment die Büchse der Pandora öffnet. Ich habe die Menschen gesehen, mit ihnen gesprochen. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Das macht sie kraftvoll. Und ihre Wut wird sich gegen Europa richten. Gegen eine Festung, die sie nie einnehmen wollten. Die sie eigentlich aufgesucht haben, um Schutz zu finden. Diesen verwehrt man ihnen nun gegen die Genfer Konvention. Jetzt sind die Mauern hoch und nach allem, was diese Menschen erlebt haben, wäre es nur allzu verständlich, wenn sie sie einreißen würden.

Keine Ahnung, was das für uns bedeutet. Was es für Europa heißt. Für ein Europa, das es streng genommen nicht mehr gibt. Was es vielleicht niemals gab. Vielleicht steht mal in den Geschichtsbüchern, dass wir eine Staatengemeinschaft waren, die kläglich daran gescheitert ist, an einer Krise zu wachsen. Denn wer so etwas wie Idomeni zulässt, der hat als Mensch, als Land, als Europa versagt. 
 
 



 
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